Devia assoluta

 

Als nicht  besonders hilfreich für die Sänger erweist sich das Regieteam für Donizettis Roberto Devereux am Teatro Carlo Felice in Genua mit einer stark stilisierten, ganz in Schwarz gehaltenen Bühne (Szene Monica Manganelli) mit einem Podium und darauf mal ein Thron, mal ein Turm für den unglücklichen Titelhelden, denn die Solisten werden weitgehend sich selbst überlassen, mehr Aufmerksamkeit als ihnen einer Gruppe von Mimi zugewandt. Diese lässt Regisseur Alfonso Antoniozzi bereits zur Sinfonia ihr Unwesen treiben, mit einem Narren als Mittelpunkt auf dem Thron lümmelnd, während die übrigen vier mit Maske, Halskrause und Brustharnisch ausgestattet sind (Kostüme Gianluca Falaschi) und sich optisch zwanglos in den Chor eingliedern. Wie meistens in Italien ist die Bühne ästhetisch hoch befriedigend gestaltet, während man den Sängern wie auch bei dieser Produktion nicht mehr als inzwischen doch recht lächerlich wirkende Standardgesten abverlangt. Werden diese gar noch wie hier dem mit einem Koreaner besetzten Nottingham aufgezwungen, dann wird es richtig peinlich, besonders wenn für die Herren noch äußerst voluminöse Röcke dazu kommen, unter denen ähnlich aufgebauschte Pluderhosen die Figuren zu schönen, aber unbeweglichen Teepuppen werden lassen. Wenn es symbolisch werden soll wie mit der Endlosschleppe der Königin mit aufgemalter Europakarte, die sie schließlich und damit den Herrschaftsanspruch abwirft,  dann wirkt das recht aufdringlich und wie für geistig Minderbemittelte bestimmt. Wie ganz anders war da weiland in Rom die Wirkung, wenn die Kabaivanska mit einem Ruck sich die rotblonde Perücke herunterriss und schütteres weißes Greisinnenhaar zum Vorschein kam. Hier erscheint die Königin bereits zum Anfang der  letzten Szene als alte Frau.

Alles das würde provinziell wirken, wäre da nicht die wunderbare Mariella Devia, in Deutschland leider viel zu wenig bekannt, in Italien aber zu Recht als absolute Belcanto-Königin gehandelt und das seit Jahrzehnten, denn bei der Aufführung im März 2016 war die Diva bereits 67 Jahre alt und zeigt wie eh und je eine Sopranstimme unangestrengter Emission, sicherer Höhe, eine unerhörte Leichtigkeit in der Cabaletta nach einem jung und frisch klinegndem „L’amor suo“. Ihre Piani sind so zart wie farbig,, „un tenero core“ wird in der mezza voce durchgehalten und danach der Wutausbruch mit überraschendem Nachdruck gesungen, ohne dass die Devia je die vokale Facon verliert. Lediglich eine gewisse Schärfe in der Extremhöhe lässt manchmal irritiert aufhorchen. Zu der fast makellosen vokalen Leistung kommt eine so intensive Darstellung, dass man sich deren Faszination einfach nicht entziehen kannl.. Als ihre Rivalin Sara singt Sonia Ganassi weitgespannte, elegante Bögen, hat sie ein perfektes Legato und eine leuchtende Mezzohöhe. Das tenorale Objekt der Begierde, der unselige Roberto Devereux, ist bei Stefan Pop zwar in ungelenken darstellerischen Händen, der Sänger aber durchaus mit einer stilsicheren Donizettistimme begabt. In der Wiederholung der Cabaletta nach seiner großen Arie im Turm findet er zu interessanten Variationen. Mansoo Kim ist ein recht stoischer Nottingham, der zunächst einen dumpfen Beiklang in seinem Bariton hören lässt, aber zunehmend gewinnt die Stimme an Farbe und Nachdruck und “Forse in quel cor sensibile“ wird sehr schön und mit Empfindung gesungen. Francesco Lanzillotta kennt sich hörbar mit den orchestralen Forderungen des Belcanto aus und trägt diesen mit dem Orchester des Carlo Felice Rechnung.

Zu der seit Jahren vorhandenen Bewunderung für die vokale Leistung der Devia kommt nach dem Betrachten der Bluray nun die für eine außerordentliche darstellerische Intensität hinzu. Die Agenda der Künstlerin weist für die nächste Zeit vor allem Norma auf (Bluray Dynamic 57755Ingrid Wanja