Das Orchester als Star

 

Die Wunde, die bei Amfortas zwar am richtigen Platz ist, ihn aber seltsamerweise zum Humpeln zwingt, ziert auch den Zwischenvorhang bei der Parsifal-Inszenierung von 2012 in der Dutch National Opera von Amsterdam, und rot wie sie ist der erste Akt ausgeleuchtet (Jean Kalman), der Gurnemanz und Knappen in einer Felsenlandschaft ansiedelt, wo sie aus unzähligen Latten Holzkreuze und anderes basteln. Nach der Verwandlung sieht man das Ergebnis ihrer Mühen in Form riesiger Holzgerüste, auch sie von Blut gefärbt. Seltsame Perücken sind der Kopfschmuck der Ritter, Amfortas erinnert an Jesus, besonders, wenn er bei „Erbarmen“  die Arme ausbreitet und selbst zum Kreuz wird. Leider nur viel Dunst und schreitende Füße fielen der Regie (Pierre Audi) für „Zum Raum wird hier die Zeit“ ein, auch im dritten Akt wallen Wolken und fallen Nebel, wird aus der blauen eine grüne Scheibe als Zeichen des Karfreitagszaubers (Bühne Anish Kapoor). Ein winziger Quell bietet Erquickung und das erforderliche Taufwasser. Der Schluss gibt Rätsel auf, weniger wenn Parsifal mit dem heiligen Speer Amfortas den ersehnten Tod gewährt als durch das Massensterben der Ritter und das Verschwinden Parsifals, der allerdings noch einmal in verklärendem Licht erscheint. Enttäuschend sind die Kostüme der Blumenmädchen mit Badekappe, die sie nicht, und Kaftan, den sie zugunsten ebenso unkleidsamer Blumenkostümierung ablegen (Christof Hetzer) und dadurch nicht entscheidend verführerischer werden.

Mit beispielhafter Diktion, nur getrübt durch leichte Vokalverfärbungen, macht Gurnemanz Falk Struckmann die oft fehlerhaften deutschen Untertitel überflüssig, gestaltet seine umfangreiche Partie so abwechslungsreich und ausdrucksvoll, dass nie Langeweile aufkommt, ist, was bei seinem bisherigen Repertoire nicht verwunderlich ist, in der Höhe stark, aber in der Tiefe nicht recht zu Hause. Gleich zwei Partien stemmt Mikhail Petrenko als Titurel aus dem Off und als jugendlicher Klingsor mit schlanker, dunkler Stimme. Ein idealer Parsifal ist Christopher Ventris, von angenehmer Optik und sogar schöner mezza voce für das Lob der grünen Aue. Alejandro Marco-Buhrmester lässt Amfortas‘ Klagerufe dem Zuschauer durch Mark und Bein gehen, im ersten Akt hat die Stimme mehr heldenbaritonalen Glanz als im dumpfer klingenden letzten. Durch Mark und Bein geht Kundrys „Ach“, wunderschön gleisnerisch klingt Petra Langs „Parsifal“, und auch darstellerisch ist sie ein Trumpf der Aufführung.  Was wäre diese aber ohne Iván Fischer mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, das herrlich dunkel klingen, in vielen Farben schillern und sich in geschmeidiger Agogik ergehen kann, kurzum, der eigentliche Star der Aufführung ist. Blu-ray und DVD sind in einer Kassette miteinander vereint, dazu gibt es ein umfangreiches Booklet (Classical CC 72619). Ingrid Wanja