Daniel, Bryn und 2x Anna

 

Die Übertragung der Scala-Spielzeiteröffnung vom 7. Dezember 2011 mit Mozarts Don Giovanni, allerdings ohne die Buhs für Regieteam und Dirigenten, hat die DG auf den Markt gebracht, und da in der Königsloge Staatspräsident und Il Presidente del Consiglio Napoletano und Monti anwesend sind, beginnt die Vorstellung nicht mit der Sinfonia, sondern mit der italienischen Nationalhymne. Bereits während ersterer kann das Publikum sich in einem riesigen Spiegel selbst betrachten, der später das Abbild auch schwankend oder wie im Nebel verschwimmend zeigt, endlos sich in die tiefste Bühnentiefe hin vervielfältigend oder auch nur die kahle Technik des berühmten Opernhauses zeigend (Bühnenbild Michael Levine). Auf einer Kleiderstange werden ab und zu die Kostüme des Don über die Bühne gefahren, darunter ein historisches rotes für die Schlussszene des ersten Akts, in der auch alle anderen ähnlich gewandet erscheinen, ansonsten trägt man Modern (Brigitte Reiffenstuel), Donna Elvira gern Unterrock, weil stets zur erneuten Hingabe bereit, Donna Anna ist als ziemlich einzige Requisite des Abends ein Lotterbett gestattet, von dem sie Don Giovanni gar nicht mehr entlassen mag. Robert Carsen zeichnet sie wie auch Zerlina als durchtriebene Luder, die ihre Männer an der Nase herumführen, und „viva la libertà“ wird als absolute Promiskuität verkauft. Abweichend vom Libretto hat der Lüst- und Wüstling nicht nur bei Donna Anna, sondern auch noch bei Donna Elviras Zofe Erfolg, während er dem Treiben um den als Don  verkleideten Leporello zusieht. Ein wahrer Coup de Théâtre ist es, wenn diese splitterfasernackt über die Vorderbühne von dannen eilt. Der Logik heutiger Regiekunst folgend, treibt es nicht nur Donna Anna mit Don Giovanni, sondern dieser ist auch am Schluss der eigentliche Gewinner des teuflischen Spiels, während die restlichen Sechs, die allerdings abweichend von heutigem Usus ihr Sextett noch singen dürfen, im düsteren Nebel und in der Versenkung verschwinden und  die Titelfigur mit der für ihn hier üblichen Fluppe im Mund höhnisch lächelnd auf die Zuschauer zugeht.

Don giovanni dg barenboim scalaWohl dem Dirigenten Daniel Barenboim, der eher das dramma als das giocoso betont und eher das andante als das presto, ist die Mitwirkung von Anna Prohaska als Zerlina zu verdanken, die fast schon Akrobatisches im Überdiebühnerollen in der Umarmung mit Masetto zeigt, deren Stimme aber eher zu klein und in der Höhe spitz erscheint. Auch von der Berliner Staatsoper her kennt man Kwangchul Youn, der aus der Königsloge heraus vokale Autorität als Commendatore hören lässt. Als Fremdkörper mit überdunkler, unflexibler Bassstimme erweist sich Stefan Kocan als Masetto. Grauer und nicht mehr so flexibel wie in vergangenen Jahren ist die Stimme von Bryn Terfel, der darstellerisch als Leporello aber immer noch das gewohnte Bühnenurviech ist. Puren Wohllaut und viel Würde trotz der Unterwäsche bietet Babara Frittoli als Donna Elvira, bei der nur die Extremhöhe steifer ist, als von früheren Mozartpartien gewohnt. Ein viel dunkleres Timbre hat Anna Netrebko für eine Donna Anna der schön und fließend ausgesungenen Phrasen und kleiner Intonationsprobleme. Mit dieser Partie erlangte sie einst in Salzburg Weltruhm, als die Koloraturen noch flüssiger gelangen. Sichtbar müht sich Giuseppe Filianoti besonders mit den Verzierungen seiner zweiten Arie, muss den steif-kalten Ehrenmann spielen, kann aber auch auf sein schönes italienisches Timbre bauen. Eine ideale Verkörperung der Titelpartie liefert Peter Mattei als Beherrscher auch der kahlsten Bühne und vokal so auftrumpfend wie geschmeidig, so farbig wie stilvoll (2 DVD DG 00440 073 5218). Ingrid Wanja