Rita Streich bringt schönes Wetter mit

Da war doch noch was? Im Richard-Strauss-Jahr 2014 werden nicht nur die Archive geplündert, ein Label schaut auch gern mal bei anderen nach, ob sich etwas Passendes zur eigenen Verwertung findet. Inzwischen kommt das gar nicht selten vor. Ein Vorteil liegt auf der Hand. Längst vergriffene Dokumente kommen wie neu auf den Markt zurück. Idéale audience hat mit dem Titel Celebrating Strauss eine DVD mit gut erhaltener alter Ware zur Feier des Komponisten zusammengestellt, sogar in zweifacher Ausführung, als Blu-ray Disc mit der Bestellnummer 3075054. Blu-ray klingt sehr modern, verheißt vorzügliche Bildqualität in hoher Auflösung. Das Alter der einzelnen Aufnahmen steht dem aber entgegen. Im Vergleich mit anderen Quellen – darunter die gute alte EMI – hält sich der optische Zugewinn in Grenzen.

Im Falle des Finales vom ersten Aufzug des Rosenkavalier, das etwas unvermittelt in den Monolog hineinplatzt – es handelt sich um eine BBC-Produktion von 1961 –, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, als seien die Gesichter zu lang geraten, auf dem Cover sogar noch länger als im Film. Wer einen sehr modernen Fernseher sein Eigen nennt, kann die Verzerrung zwar durch Wandlung des Bildformats etwas ausgleichen, Sinn und Zweck ist das aber nicht. Trotzdem behält dieser Film in strengem Schwarzweiß mit Elisabeth Schwarzkopf als Marschallin und Hertha Töpper, die eben erst ihrem 90. Geburtstag beging, als Octavian seine historische Faszination. Gemeinsam mit Charles Mackerras am Pult des Philharmonia Orchestra wird noch ein  Jahr vor der berühmten bonbonfarbenen Salzburger Produktion der Versuch unternommen, das Werk zumindest mit einem repräsentativen Ausschnitt mustergültig in Szene zu setzen einschließlich waschechtem Mohammed, was heutzutage gar nicht mehr korrekt ist.

Die Schwarzkopf, die durch Präsenz zum heimlichen Star der DVD avanciert, hat noch viel mehr zu tun. Sie singt fünf Orchesterlieder – darunter „Meinem Kinde“, „Zueignung“ und „Walseligkeit“ –, die 1968 in Paris mit dem von Berislav Klobucar geleiteten Orchestre National de l’ORTF aufgenommen wurden. Aus einem 1970 in London im gemütlichen Landhausstil produzierten Studio-Liederabend mit Gerald Moore am Klavier wurde die kleine Strauss-Gruppe aus „Morgen“ und „Mein Vater hat gesagt“ herausgenommen.

Eine heitere Note in dieses zusammengewürfelte DVD-Sammelsurium der hohen Kunst bringt Rita Streich mit dem erfrischend leicht gesungenen Lied „Schlechtes Wetter“ hinein. Es müsste bei dieser Sängerin eigentlich schönes Wetter heißen, so viel gute Laune und Fröhlichkeit verbreitet sie mit ihrem kurzen Auftritt, der zudem noch das ganze Programm einleitet. Die Aufnahme mit der Pianistin Janine Reiss entstand 1965 in Paris und wurde vor Jahren einige Male auf dem Bezahlsender Premiere ausgestrahlt. Ich finde sie entzückend, zumal die Streich auch stilistisch einen ganz vorzüglichen Job macht und bis ins letzte Wort zu verstehen ist.

Aus Paris war auf Premiere auch Irmgard Seefried mit Orchesterliedern von Strauss zu sehen und zu hören, die später ebenfalls auf eine EMI-DVD gelangten. Umso erfreulicher ist die Wiederbegegnung mit dieser vor allem in Wien heiß geliebten Sängerin, deren Markenzeichen Natürlichkeit ist. Natürlichkeit, die auch über die hörbaren stimmlichen Defizite des Jahres 1965 triumphiert. Damit bildet sie den Kontrast zur Schwarzkopf, die jeden Buchstaben und jedes Komma auf die stimmliche Goldwaage legt und immer auf der Suche nach noch mehr Ausdruck ist. Da beide mit „Zueignung“ wenigstens ein gemeinsames Lied im Programm haben, ist das Publikum am heimischen Fernseher zum anregenden Vergleichen angehalten.

Rüdiger Winter

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