Cäsar mit Tröte

 

Beide lassen blutige Köpfe über die Bühne rollen, aber während Barrie Kosky in Glyndebourne aus dem eher strengen Oratorium, Händels Saul, ein so spannendes wie unterhaltsames Spektakel machte, schwankt der Zuschauer in des Komponisten an sich schon mit allen interessanten Ingredienzien einer Oper versehendem Giulio Cesare  dank der Herren Moshe Leiser und Patrice Caurier zwischen Ekel, Langeweile und Überdruss. Das Seine zum Unbehagen trägt der Bühnenbildner Christian Fenouillat bei, der die Geschichte um den römischen Feldherrn und die ägyptische Königin in die Jetztzeit verlegt, in der es um Öltürme, Playboy-Hefte, Maschinenpistolen, Sprengstoffgürtel und Fluchtkoffer geht, alles schon gehabt und selten für gut befunden. Die edle Cornelia greift in ihrem Kummer zur Whisky-Flasche, Tolomeo reißt aus einer Platikstatue Cesares blutiges Gedärm und lässt oft die Hosen zu unzüchtigem Tun fallen, und Kostümbildner Agostino Cavalca lässt Cleopatra wie eine nicht einmal Edel-Nutte erscheinen. Der Salzburger Hausherrin und Cleopatra-Sängerin Cecilia Bartoli schien das alles zu gefallen, denn sie verpflichtete das Regie-Team gleich auch für die ein Jahr später, 2013, aufgeführte Norma.

Die musikalische Seite der Produktion von 2012 allerdings könnte hochkarätiger nicht sein. Gleich vier Countertenöre oder Alti wurden benötigt und gefunden. Die schönste Stimme hat sicherlich Philippe Jaroussky, der einen jünglingshaften Sesto anrührend spielt und betörend singt. Vor ihm hatte wohl selbst die Regie Respekt und lässt ihn seine Entwicklung vom Muttersöhnchen zum selbstbewussten Rächer des Vaters störungsfrei vollziehen. Mit warmer, runder Stimme singt Christophe Dumaux den lüsternen und skrupellosen Tolomeo, der in dieser Produktion die eigene Schwester vergewaltigt und ins Soldatenbordell schickt. Als ein windiger Geschäftsmann und Geschäftemacher  ist der Cesare von Andreas Scholl angelegt, die Stimme wird hochvirtuos geführt, ist etwas weniger sinnlich als die der beiden anderen Counter. Als Nirena, Amme Cleopatras, liefert Jochen Kowalski eine umwerfend köstliche Studie als gewitzte Alte. Obwohl ihr die Regie allerlei Steine in den Weg legt, wirkt Anne Sofie von Otter als Cornelia ungemein nobel, nicht zuletzt wegen ihres ebenmäßig geführten Mezzosoprans. Vitaler und damit rollengerecht setzt Cecilia Bartoli ihre Stimme ein, hat einen schönen Klagelaut für „Se pietà di me non senti“ und selbst für das in einem Einkaufsbeutel gesungene „Piangerò“. Wohllautende tiefe Stimmen haben die Herren Ruben Drole als Achilla, der die seine etwas zu krude einsetzt, und Peter Kálmán als Curio. Den akustischen Kontrast zur Bühne, auf der il lieto fine mit Haschisch und Tröten gefeiert wird,  steuert, fast schon zu sehr auf reinen Schönklang bedacht, Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini bei (Decca 074 3856). Ingrid Wanja