Barock im Sechserpack

 

Unter dem Titel Baroque Opera Classics gibt OPUS ARTE einen Schuber mit sechs Opernaufnahmen heraus (OA 1204 BD, 9 DVD), die zwischen 2006 und 2012 entstanden und nun en bloc auf DVD wieder herausgekommen sind. Ältestes Dokument ist Rameaus Zoroastre aus dem Drottningholmer Schlosstheater von 2006, wo Christophe Rousset mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques in Zusammenarbeit mit dem Drottningholm Theatre Orchestre musikalisch eine authentische Wiedergabe garantiert. Auch Regisseur Piere Audi und Ausstatter Patrick Kinmonth sorgen in der bezaubernden Drottningholmer Kulisse für eine Aufführung von opulenter barocker Pracht, welche sich ausgiebig der historischen Theatermaschinerie bedient. In die Handlung um den Kampf zwischen Gut und Böse, personifiziert in dem Priester Zaroastre und dem machtgierigen Zauberer Abramane, die beide potentielle Anwärter auf die Thronfolger sind, ist eine Liebesbeziehung zwischen dem Titelhelden und der rechtmäßigen Thronfolgerin Amélite eingewoben, welche die eifersüchtige Prinzessin Erinice zu vereiteln droht. Im internationalen, stilistisch kompetenten Ensemble finden sich Anders J. Dahlin mit hellem, tragfähigem Tenor in der Titelrolle, Evgueniy Alexiev als Abramane, Sine Bundgaard als liebliche Amélite, Anna Maria Panzarella als strenge Erinice u. a. Nur Jennie Lindström und The Drottningholm Theatre Dancers agieren in der Choreografie von Amir Hosseinpour in dessen bekannter zappelnder Gebärdensprache und bringen damit eine verfremdende Brechung mit oft bizarrer Wirkung ein. Der Anhang, eine Dokumentation von Olivier Simonnet („Discovering an opera“) vermittelt Wissenswertes in Interviews mit Rousset, Audi und Hosseinpour.

 

Aus dem Jahre 2009 stammt Cavallis Ercole Amante (mit Ballettmusik von Lully) aus dem Musiektheater Amsterdam mit Ivor Bolton am Pult des Concerto Köln – auch er ein ausgewiesener Spezialist des Barock, was zu hören ist im gestrafften, Affekt betonten Musizieren des Ensembles. Die Regie lag hier in den Händen von David Alden, der im historisierenden, später digital anmutenden Bühnenbild von Paul Steinberg mit Elementen des Comic-Stils inszeniert, was nicht selten einen lächerlichen Effekt evoziert, noch verstärkt durch die exaltierte Choreografie von Jonathan Lunn. Zu den Sängern in opulenten, aber auch karikierenden Kostümen von Constance Hoffman zählen renommierte Interpreten des Barock – Luca Pisaroni mit markantem Bassbariton als attraktiver Titelheld, der im Prolog als Ludwig XIV. auftritt und zu Beginn des 1. Aktes in eine monströse Body-building-Montur steigen muss, die ihn zum Science-fiction-Helden macht, Anna Bonitatibus mit farbigem Mezzo als Giunone, Veronica Cangemi als Iole sowie Jeremy Ovenden als Hyllo, die mit lyrischen Stimmen das liebende Paar der Oper verkörpern, Anna Maria Panzarella mit expressivem Mezzo als Deianira und Umberto Chiummo mit profundem Bass als Nettuno. Die Sopranistin Johannette Zomer, die im Anhang auch bei der Probenarbeit zu sehen und im Interview zu hören ist, beweist ihre Vielseitigkeit gleich in vier Rollen: Cinzia, La luna, Pasithea und Spirito di Clerica. In den komischen Rollen des Paggio, der bei der Uraufführung des Werkes 1662 in Paris von einem Kastraten interpretiert wurde, und des Liccio sind der bekannte Counter Tim Mead, der mit munterem Gesang gefällt, und der Charaktertenor Martin Miller in exzentrisch-schriller Darstellung zu hören. Sie alle erweisen sich kompetent im Stil des recitar cantando und können auch in den dazwischen positionierten ariosi überzeugen. Auch diese Ausgabe wird durch Extra Features bereichert – The making of, Interviews mit dem Dirigenten, den Sängern und dem Regisseur sowie einer Cast gallery.

 

Eine weitere Oper von Cavalli, La Didone, uraufgeführt 1641 in Venedig, wurde 2011 im Théatre de Caen aufgezeichnet. In dieser Koproduktion mit dem Théatre des Champs-Èlysées und Les Théatres de la Ville de Luxemburg dirigiert William Christie sein Ensemble Les Arts Florissants und sorgt für farbenreiche, rhythmisch markante Klänge. Clément Hervieu-Léger, ein Schauspieler der Comédie-Française, inszenierte im strengen Bühnenbild von Éric Ruf, das im Prolog und 1. Akt eine zerstörte Mauer Trojas, später Elemente eines Palastes zeigt. In der Besetzung finden sich einige renommierte Interpreten der Alte-Musik-Szene, so die überragende Anna Bonitatibus in der Titelrolle, Kresimir Spicer mit expressivem Tenor als Enea und Xavier Sabata mit klangvollem Altus als Iarba, die Caroline de Vivaise in heutige Kostüme gekleidet hat, was die Götter zu normal Sterblichen macht. Cavallis Oper ist die erste der zahlreichen Vertonungen von Vergils Aeneis, die in Berlioz’ Grand opéra Les Troyens kulminierten. Im Gegensatz zu diesem Gipfelwerk endet die Handlung bei Cavalli mit einem lieto fine, weil Didone nach Eneas Weggang nach Italien nicht wie sonst Selbstmord begeht, sondern Iarba, König des benachbarten Numidien, heiratet. Leider weist das Booklet dieser Ausgabe keine Trackliste, geschweige denn das Libretto auf, was bei einem so unbekannten Werk als ärgerliches Versäumnis angemerkt werden muss.

 

Mit Pergolesis Adriano in Siria, uraufgeführt 1734 in Neapel, kam 2010 eine veritable Rarität auf den Markt, die im Teatro Pergolesi von Jesi als Initiative der Fondazione Pergolesi Spontini gefilmt wurde. Dirigent Ottavio Dantone hat in die von Ignacio Garcia inszenierte Aufführung auch des Komponisten heiteres Intermezzo Livietta e Tracello eingefügt, wie das bei der Uraufführung 1734 geschehen war. Metastasios Libretto zum Adriano war bereits von Caldara und Giacomelli vertont worden und handelt von der Liebe des römischen Kaisers Adriano, verlobt mit der Römerin Sabina, zu Emirena, Tochter von Osroa, des von ihm besiegten Königs der Parther, die ihrerseits mit dem assyrischen Prinzen Farnaspe verlobt ist. Diesen sang bei der Premiere im Teatro San Bartolomeo der Starkastrat Caffarelli und ihm fällt mit „Sul mio cor“ auch die erste Bravourarie des Werkes zu. Als in Adrianos Palast ein Feuer ausbricht, hält man Farnaspe für den Brandstifter, was eine Arie mit obligater Oboe. „Lieto così tal volta“, schildert. Farnaspes drittes Solo, „Torbido in volto e nero“, beschließt den 2. Akt mit einem weiteren vokalen Glanzlicht, das Pergolesi auch in seine Oper L’Olimpiade übernommen hat. In Jesi wird die Partie von Annamaria dell’Oste gesungen, der es ein wenig an androgynem Timbre fehlt. Die Stimme klingt allzu sopranlastig und feminin, zeigt sich aber den virtuosen Ansprüchen der Rolle imponierend gewachsen. In der lyrisch-getragenen Oboen-Arie nimmt ihr Ton einen larmoyanten Charakter an und kann nur in den Verzierungen brillieren. Damit beeindruckt sie auch in „Torbido…“, trotz dass ihr die Arie in manchen Passagen zu tief liegt. Die Titelrolle wird von Marina Comparato mit schlankem, strengem Mezzo wahrgenommen. Im resolut auftrumpfenden „Fra poco assiso in trono“ zu Beginn des 3. Aktes entfaltet sich die Stimme am eindringlichsten. Emirena ist Lucia Cirillo mit warmem, dunkel getöntem Sopran von hoher Kultur im Vortrag. In „Quell’amplesso“ im 2. Akt mischt sie in ihren Vortrag auch herbe Töne. Sabina singt Nicole Heaston mit glutvollem Sopran von vehementer Attacke. Verblüffend sind ihre Atemreserven in der ersten Arie, „Chi soffre senza pianto“, im 2. Akt brilliert sie in „Splenda per voi sereno“ mit bravourösen Koloraturgirlanden. Stefano Faerrari imponiert mit gleichermaßen heroischem wie flexiblem Tenor

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als Osroa in seinem Auftritt, einer effektvollen Sturm-Arie „Sprezza il furor del vento“, und auch den folgenden, meist stürmisch-bewegten Soli. Die Bühne von Zulima Memba del Olmo zeigt eine archaische Szenerie aus Felsbrocken und Säulenresten; die Kostüme von Patricia Toffolutti variieren spielerisch Historie und Modisches.

Nach dem 1. Akt des Adriano wird vor dem Vorhang der erste Teil des Intermezzos eingeschoben mit Monica Bacelli als Dorfschöne Livietta und Carlo Lepore als betrügender Herumtreiber Tracollo, der sich als schwangeres Bettelweib verkleidet hat. Der zweite Teil folgt nach dem 2. Akt des Adriano. Die Mezzosopranistin singt mit fulminanter Vitalität, der Bassist mit prallem Wortwitz. Beide haben sichtlich großen Spaß an der turbulenten Episode, die natürlich am Ende gut ausgeht. Dantone dirigiert das Dramma per musica mit vibrierender, oft fiebriger Spannung, das Intermezzo lebendig und pulsierend – beides macht enorme Wirkung. Auch bei dieser Veröffentlichung gilt das beim letzten Titel Gesagte.

 

Ein Juwel der barocken Theaterlandschaft ist das alte Theater von Cesky Krumlov, wo 1768 Giuseppe Scarlattis Dove è amore è gelosia zur Uraufführung gelangte. 2011 gab es dort die erste Wiederaufführung in moderner Zeit, geleitet von Vojtech Spurny an der Spitze des Schwarzenberg Court Orchestra und am Cembalo. In der komischen Oper, welche Joseph Adam zu Schwarzenberg, Graf von Krumlov, anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Jan Nepomuk beim Komponisten, der als Musiklehrer bei der Familie Schwarzenberg wirkte, in Auftrag gab, finden sich kapriziöse Liebhaber, rebellische Diener, Verkleidungsszenen, Eifersüchteleien und am Ende natürlich zwei glückliche Paare. In historisch nachempfundenen Kostümen von Jana Zborilová singen in den historischen Kulissen tschechische Interpreten vom Prager Nationaltheater, angeführt von Lenka Máciková mit feinem lyrischem Sopran als verwitwete Marquise Clarice und Ales Briscein mit recht monochromem Tenor als Graf Orazio, der um ihre Hand anhält. Das zweite Paar wird verkörpert von Katerina Kneziková mit munterem Soubrettenton als Clarices Magd Vespetta und Jaroslav Brezina mit buffoneskem, grob zeichnendem Tenor als Orazios Diener Patrizio. Auch bei dieser Ausgabe fehlt eine Trackliste, doch findet sich im Booklet immerhin eine genaue Handlungsangabe mit detaillierter Szenenfolge.

 

Händel Deidamia beschließt die Sammlung als Produktion der Nederlandse Opera Amsterdam 2012. Wieder dirigiert Ivor Bolton mit lebhaften Impulsen das Concerto Köln und eine Crew versierter Barocksänger, so Sally Matthews mit blühendem, betörendem Sopran in der Titelrolle, Veronica Cangemi mit reifem Sopran als Nerea, Olga Pasychnyk mit energischem, beweglichem Sopran als Achille, Silvia Tro Santafé mit resolutem, flexiblem Mezzo als Ulisse und Umberto Chiummo mit sonorem Bass als Licomede. Händels letzte Oper, uraufgeführt 1741 in London, erzählt die Geschichte von Deidamia, Tochter des Königs Licomede auf der Insel Skyros, und Achille, der dort in Frauenkleidern lebt, um seinem von einem Orakel verkündeten Tod zu entgehen. Die Regie lag in den Händen von David Alden, der für betont ironische Inszenierungen in poppiger Ausstattung bekannt ist – hier stammt sie von Paul Steinberg, der eine Bühne mit U-Boot, Sprungturm, Mosaikwänden, Palmeninsel und Säulenhalle erdachte, sowie Constance Hoffman, deren Kostüme von extravagant-mondänen über klassisch-griechische bis zu sportlich-lässigen Entwürfen reichen. Jonathan Lunns bizarre Choreografie unterstreicht den Comic-Charakter der Aufführung.

Auch hier fehlt die Trackliste, doch gibt es einen Bonus mit der Cast gallery und einer Dokumentation von Interviews und Ausschnitten aus der Probenarbeit. Liebhaber der Barockmusik werden manche (oder mehrere) dieser Ausgaben bereits in ihrem Besitz haben, so dass sich für sie die Anschaffung des Schubers nicht lohnen würde. Musikfreunde, die am Beginn ihrer DVD-Sammlung stehen oder eine solche aufbauen wollen, sind mit diesem preisgünstigen Angebot bestens bedient. Bernd Hoppe