Gruseliges und Heiteres

 

Nur gut, dass Graham Vick und sein Bühnenbildner Stuart Nunn für ihre Inszenierung von Rossinis Mosé in Egitto einen Großteil des eigentlich den Zuschauern zugedachten Auditoriums in Pesaro für ihre Produktion beanspruchten, denn bei einem zahlreicheren Publikum hätte vielleicht der Einsatz der Polizei nach Premierenschluss nicht ausgereicht, die empörten Gemüter zu beruhigen. Und damit hatte sich der Sturm der Entrüstung noch längst nicht gelegt, denn sowohl Israelis wie Palästinenser protestierten in seltener Einmütigkeit, wenn auch aus verschiedenen Gründen gegen die eigenartige Sicht auf die alttestamentarische Geschichte, sogar Überlebende des Holocaust waren  unter denen, die sich protestierend zu Wort meldeten. Als wäre die Tagesschau neuerdings mit Musik unterlegt, konnte man Osama Bin Laden (Mosè) mit der Kalaschnikow hantieren, junge bis kindliche Palästinenser (Juden) den Sprengstoffgürtel um die Taille binden sehen, während andere, auch mit einem toten Kind auf dem Arm, blutüberströmt durch die Reihen der irritierten bis indignierten Zuschauer wankten. Selbst die Liebestatt, auf die Osiride die kopftuchbewehrte Elcia zieht, hat an Kopf- und Fußende Fesseln, deren Gebrauch allerdings durch das Eintreffen von Amalthea und Aronne, der sich auch als Fernsehreporter betätigt, verhindert wird. Es gibt viel Stacheldraht, Klagemauern, auch goldene Treppengeländer oben, wo die Araber unbestimmter Herkunft herrschen, während unten die Palästinenser-Juden sich in Kleinbusse zwängen müssen, sprayen und auch mal mit schwarzer Kapuze an Hundeleinen über die Bühne getrieben werden. Am Schluss fährt ein Papp-Panzer mit einem Israeli auf die Bühne, während ein Kind aus dem Gefolge dessen, der bei Rossini der Pharao ist, sich einen Sprengstoffgürtel umbindet. Die beiden gehen aufeinander zu, der Israeli oder auch Palästinenser mit einer Tafel Schokolade in der Hand, der Knabe mit der seinen am Abzug des Sprengkörpers- Musik aus, Dunkel – was nun?

Keinen guten Draht zum Allmächtigen hat Mosè in dieser Inszenierung, denn das wiedergewonnene Licht ist nur ein Kronleuchter, der angeknipst wird und der gleichzeitig auch als Blitz dient, der den frevelnden Pharaonensohn wie alle anderen Erstgeborenen trifft, so sie nicht durch Gasmasken gerettet werden, um die ein unwürdiger Kampf entbrennt, nachdem das Mosè-Gefolge eine todbringende Flüssigkeit allüberall verteilt hat. Graham Vick hat sich mit dieser Produktion nicht nur einer plumpen Modernisierung schuldig gemacht, sondern bringt einiges durcheinander, wenn er die Rossini-Hebräer mal mit arabischer Kopfbedeckung, mal mit Kippa herumlaufen oder sie Sprengstoffattentate vorbereiten lässt.

Wäre da nicht die musikalische Seite, könnte man die DVD, die 2012 in Pesaro entstand,  gleich in die Mülltonne werfen. So heißt es denn: Augen schließen und genießen. Das akustisch Schönste an dieser Rossini-Oper sind die Ensemble- und Chorszenen, denen die Solisten und der Chor des Teatro Comunale di Bologna aufs Beste gerecht werden. Von einem ganz anderen Fach her kennt und schätzt man Alex Esposito, der als Faraone beweist, dass er nicht nur ein exzellenter Buffo ist, sondern auch dieser Basspartei viel vokales Gewicht bei schlanker, prägnanter Stimmführung verleihen kann. Viel Würde schenkt trotz aller Regiemisslichkeiten Riccardo Zanellato dem Mosè, hat eine angenehme mezza voce und führt vorbildlich das Ensemble im 3. Akt an. Seinen Bruder Aronne singt Yijie Shi mit feinem Belcantotenor, der, wäre da nicht die etwas unglückliche Optik, ihm auch die Liebhaberrolle gestatten könnte. Die füllt hier Dmitry Korchak mit guter Bühnenpräsenz und ebensolcher Phrasierung sowie einem höchst angenehmem stimmlichem Einsatz zu Beginn des zweiten Akts aus. Der dritte Tenor ist Enea Scala als Sacerdote Mambre, ein brauchbarer Charaktertenor für kleinere Partien wie diese. Neben Esposito der zweite Star der Produktion ist Sonia Ganassi als Elcia, mit Kopftuch, Jeanskleid und Trainingshosen verunstaltet, aber von wunderbar sanfter Tongebung, mit farbiger mezza voce, wunderschön anzuhören im „mi manca la voce“. Olga Senderskaya ist eine angemessene Besetzung für die Pharaonengattin Amaltea, einen feinen Sopran setzt Chiara Amarú für die Mosè-Schwester Amenofi ein. Roberto Abbado dirigiert das Rossini-erfahrene Orchester aus Bologna – auch in Italien scheinen Dirigenten im Vergleich zum Regisseur wenig zu melden zu haben. (Opus Arte 1093 D). Ingrid Wanja      

 

 

Il Signor Bruschino Rossini opus arteHarmloses Sommervergnügen: So nett und harmlos wie das Werk selbst ist auch seine Inszenierung in Pesaro durch das Teatro Sottoterraneo im Bühnenbild der Accademia di Belle Arti di Urbino: Rossinis Il Signor Bruschino, eine einaktige Farsa um eine durch List und Verkleidung erreichte Hochzeit. In einem modernen Ambiente, etwa dem Pesaro von heute, tummeln sich Einheimische und Touristen (offensichtlich auch deutsche, wie die weißen Socken in Sandalen nahelegen), zwischen ihnen in der Karikatur nahen Kostümen und Frisuren des Rokoko die Personen der Handlung. Das ist komisch, ironisch, aber nie das Operchen überfrachtend und damit erschlagend. Es gibt zahlreiche Gags, doch die Arien der Protagonisten werden respektiert und die Aufmerksamkeit nicht ungebührlich von ihnen abgelenkt. Erstaunen macht, dass es Einkaufstüten mit der Aufschrift Rossini-Land gibt, aber die Werbung für eine Aufführung mit einigen Takten aus der entsprechenden Sinfonia wird mit Guglielmo Tell betrieben.

Das Rossini-Festival stellt immer auch wieder junge Sänger, vor allem in leichtgewichtigen Werken wie diesem, vor, und so ist es auch bei dieser Aufführung aus dem Jahre 2012. Die Titelpartie allerdings wird von einem gestandenen, mit allen Farse-Wassern gewaschenen Buffo, wie es Roberto de Candida ist, gestaltet. Welche Variationsmöglichkeiten er allein im  immer wiederholten „Oh, che caldo“ sieht, ist erstaunlich und belustigend zugleich, und die sichere Höhe wird vom Sänger  offensichtlich mit Genuss ausgestellt. Dunkel, dabei etwas dumpf klingend ist der Bass von Carlo Lepore für den hintergangenen Brautvater oder vielmehr Vormund Gaudenzio. Zu dessen Schwiegersohn intrigiert sich mit List und Tücke, aber auch einigem Charme David Alegret als Florville mit hellem, beweglichem Rossinitenor und beachtlichem komischem Charme. Leicht dunkel getönt ist der Sopran von Maria Aleida für die zweifach umworbene Sofia, die herrlich die Einfältige bei den Aufklärungsversuchen ihres Vormunds spielt, während gleichzeitig ein heutiges Liebespaar ein Sofa zu nicht mehr nur zweideutigen Schwingungen bringt. Ein paar frische Soprantöne steuert Chiara Amarù als Marianna bei, in zwei kleinen Rollen kann man Francisco Britos große dunkle Augen bewundern, angemessen umtriebig zeigt sich Andrea Vincenzo Bonsignore als Wirt Filiberto. Daniele Rustioni leitet das Orchestra Sinfonica G. Rossini, das seinem Namen mit frischem, prägnantem, wenn erforderlich duftigem Spiel die Sänger begleitet (Blu-ray Opus Arte BO 7124D). Ingrid Wanja