Aufpolierter „Figaro“

 

Live in der (echten!) Staatsoper Unter den Linden war sie mir immer recht trübe und dröge vorgekommen, die Produktion von Mozarts Le Nozze di Figaro in der Inszenierung von Thomas Langhoff von 1999, was aber nicht an diesem, sondern an der Bühne von Herbert Kapplmüller lag. Vorwiegend dunkles Braun, eine schwergewichtig erscheinende Verbindungsbrücke von links nach rechts hatten so gar nichts von zarter, pastellfarbener Rokokobeschwingtheit und schienen auf der gesamten Produktion geradezu zu lasten. Nun geschickt von Alexandre Tarta in nur wenigen Totalen aufgenommen und sich auf die Sänger konzentrierend, ist die sorgfältige Personenführung durch den Regisseur zu goutieren und außerdem ein Wiedersehen mit vielen Sängern der Staatsoper zu feiern, die noch heute, 16 Jahre nach der Aufzeichnung, an der Institution Staatsoper, wenn auch nicht im selben Haus, sondern im Schiller Theater und in aller Welt und längst in einem dramatischeren Fach tätig sind.

mozart figaro arthausDer Betrachter der Blu-ray Disk wird so zum Beispiel sofort darauf aufmerksam, dass die Contessa sich trotz spanischer Sonne (deren Fehlen allerdings auch zum  Braunschleier beiträgt, der über allem zu  liegen scheint) in einen schweren Pelz kuschelt und einen Teddybären mangels ehelicher Zärtlichkeiten zum Gefährten hat. Manches wirkt andererseits, aber es sollte bis in die 15.Reihe sichtbar sein, übertrieben, so das Händezittern des Pagen beim Vortrag von „Voi che sapete“, und der desolate, schmuddelige Bühnenboden ähnelt auch in keiner Weise dem eines gräflichen Schlosses. Die letzte Szene schließlich lädt in keiner optischen Weise zu Liebeslust und Zärtlichkeit, wie in der Rosenarie besungen, ein.

Die Besetzung ist es wert, dass man sich die Aufnahme ansieht, und so verdienstvoll die Bemühungen von Peter Schreier im Konzert- und Oratorienbereich sein mögen, als Basilio gefiel er mir nun mit seinem ganz speziellen Timbre zum ersten Mal auch in einem italienisch gesungenen Mozart, so dass gut nachvollziehbar ist, warum seine Arie nicht gestrichen wurde. Gar nicht einverstanden allerdings kann man damit sein, dass die von Rosemarie Lang, die optisch wie vokal eine wunderbare Marcellina voller Saft und mozartgebändigter Kraft auf die Bühne stellt, dem Rotstift zum Opfer fiel. Der Dritte im Bunde der Intriganten ist Kwangchul Youn, inzwischen längst bei Wagner und Verdi zu Hause, mit einer makellosen Vendetta-Arie als Bartolo. Eine ähnliche Entwicklung hat René Pape vollzogen, der hier noch ein umtriebiger Figaro ist, noch nicht ganz die Tiefe von heute hat, aber dafür eine ungeheure darstellerische Wendigkeit und stimmliche Flexibilität. Einen überaus noblen Bariton setzt Roman Trekel, auch er dem Haus immer noch verbunden und sogar noch als Papageno unterwegs, für den Conte ein, optisch holen die Regie und Kostüm und Maske nicht das Optimum aus ihm heraus. Bernd Zettisch, der hier den Antonio gibt, dürfte allen Staatsopernfreunden ein Begriff sein.

Dorothea Röschmann, inzwischen und gerade erst kürzlich in der Neuinszenierung durch den Hausherrn Jürgen Flimm die Contessa, ist in der Aufnahme noch Susanna, spielt hinreißend und singt ebenso, da nicht soubrettig, sondern mit lyrischem Glanz in der Sopranstimme und fein ironisch in der duftig gesungenen Rosenarie. Warum der Conte die attraktive Contessa von Emily Magee vernachlässigt, ist nicht zu verstehen, dazu singt die Amerikanerin beide Arien schön und anrührend, ergänzen sich die beiden Frauenstimmen im Briefduett wunderbar. Optisch ein Volltreffer ist Patricia Risley als Cherubino, in ihren beiden Arien hätte man gern noch mehr drängende Erotik verspürt, bleibt die Stimme etwas zu brav und kühl. Yvonne Zeuge singt die Arietta der Barbarina sehr  anständig. Insgesamt kann man nachvollziehen, dass die Disk unter dem Signum „Festival of Voices“ angeboten wird, auch wenn natürlich Daniel Barenboim mit der Staatskapelle seinen gebührenden Anteil daran hat (Blu-ray ; Foto oben ein Ausschnitt aus dem Trailer bei Arthaus;  111 111). Ingrid Wanja