Auf der Strecke geblieben

 

Befremdlich erscheint dem oberflächlichen Betrachter das Cover von Beethovens Fidelio aus St: Gallen, auf dem die schöne Jacquelyne Wagner mit schmerzverzerrtem Gesicht, straff nach hinten gebürstetem Haar und in ein rotes Etwas gehüllt, das sich später als biederes Kleid entpuppt, zu sehen ist. Erst allmählich offenbart sich die Sicht der Regie auf das Werk, wenn die Darstellerin der Leonore fast durchweg auf der Bühne anwesend ist, auf einem Podest stehend, wenn sie nicht in die Handlung integriert ist, und am Schluss gar nicht froh über die Wiedergewinnung des Gatten, der am liebsten auf dem Kleiderbündel im Kerker liegen bleiben würde, statt in den allgemeinen Jubel einzustimmen. Zunächst erfüllt es den Betrachter noch mit ungläubigem Staunen, dass niemand merkt, dass es sich bei Fidelio nicht um einen Mann handelt, erst allmählich wird klar, dass sie weniger eine reale Person als die Utopie der Freiheit selbst ist. Regisseur Jan Schmidt-Garre bekennt sich im Booklet begeistert zu Beethovens Werk, nicht aber zu dessen Optimismus, wenn er meint, zwar sei am Ende die Menschheit erlöst, die Menschen aber seien auf der Strecke geblieben . Von denen scheint die Regie keine hohe Meinung zu haben, wenn die Gefangenen bei ihrem Hofgang sich sofort vergewaltigend auf die arme Marzelline stürzen, Rocco und Fidelio trampeln mit Lust auf dem in der Grube liegenden Pizarro herum.

Die Bühne (Nikolaus Webern) besteht aus dunklen, verschiebbaren Wänden, nur ein Stuhl und Haufen von dunklen Kleidern oder Mänteln (Kostüme Yan Tax), wie sie sie auch die Personen tragen und nacheinander abwerfen, bieten sich dem Auge.

Fast durchweg angenehm ist, was sich dem Ohr bietet. Der Chor ist klein, aber fein und weiß durchaus den Jubel der Befreiung zu verdeutlichen. Das Orchester unter Otto Tausk setzt nicht auf Überwältigung, sondern besticht durch feine Filigranarbeit.

Jacquelyn Wagner wusste an der Deutschen Oper Berlin zuletzt als Contessa zu bezaubern. Inzwischen ist die Stimme weit größer geworden, hat sich ihr Leuchten bewahrt, bezaubert durch ein genau richtig bemessenes Vibrato, durch eine farbige mezza voce und wie auch die anderen durch eine Sprechstimme ohne deklamatorische Peinlichkeiten. Lediglich die Diktion des Rocco von Wojtek Gierlach ist nicht akzentfrei. Diesem ist in der Endfassung die Arie gestrichen, die ohnehin besonders in dieser Inszenierung wie ein Fremdkörper wirken würde. Dieser Rocco ist von Anfang an aufmüpfig und in der Bekämpfung Don Pizarros sehr aktiv, hat dazu eine höchst angenehme dunkle Stimme. Für Berliner die große Überraschung ist Roman Trekel als Pizarro, dem hier seine ausgefeilte Technik erlaubt, ohne große Einbußen über sein Fach zu singen und der eine ausgefeilte Charakterstudie des sadistischen Fieslings liefert, die viel Respekt verdient. Einen überwältigenden Beginn singt Norbert Ernst als Florestan, erst in den schnellen Teilen seiner großen Arie gerät er in Schwierigkeiten, ist aber insgesamt eine achtbare Besetzung für die heikle Partie. Heilsverkünder werden in moderner Regie gern dadurch entlarvt, dass sie ihren Rettung verheißenden Text ablesen, so auch der Don Fernando von Martin Summer, der auch vokal recht blass bleibt. Einen fachgerechten Jaquino singt Riccardo Botta, eine Marzelline mit klarem, reinem Sopran ist Tatjana Schneider.

Unter den vielen durchweg das happy end in Frage stellenden Inszenierungen des Fidelio ist diese Version noch eine der überzeugendsten.  Von Jacquelyne Wagner gibt es im Film zusätzliche Aufnahmen, die in den Vorstellungen nicht zu sehen waren.Eine zweite DVD bringt interessante Interviews mit den Mitwirkenden der Produktion aus dem Jahre 2018 (Euroarts 2064858). Ingrid Wanja