Atemberaubend schön

An einem Abend im September 2011 in Amsterdam aufgeführt und nun in einer DVD-Kassette vereint sind Glucks Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride in einer ungemein schlüssigen, sehr bewegenden und, wenn man als klassisch das allgemein Gültige ansieht, durchaus mit diesem Attribut zu belegenden Inszenierung von Pierre Audi. Michael Simon schuf das Bühnenbild, das aus Gestänge, für den ersten Teil geordnet und übersichtlich, für den zweiten Teil chaotisch wirkend, besteht sowie aus mehreren Treppen, an deren oberen Ende sich die Schicksal spielende Göttin Diane bisweilen zeigt, um ihren jeweiligen Willen kund zu tun. Salomé Haller ist die einzige Sängerin, die in beiden Produktionen zu erleben ist und die mit klarem, reinem Sopran und strenger Frisur und Kleidung die keusche Göttin darstellt. Das Publikum sitzt im Halbkreis um die Bühne herum wie in einem griechischen Amphitheater. Die Iphigénie wird im ersten Teil von Véronique Gens, im zweiten von Mireille Delunsch, also zwei Diven der französischen Oper, dargestellt.

opus arte gluck iphigenieDie Produktion legt dem Zuschauer nahe, den Krieg und die Militärs als alles menschliche Unheil produzierende Kräfte anzusehen, das geschieht aber in einer angenehm zurückhaltenden Art ohne ideologischen Holzhammer, eigentlich nur dadurch, dass Agamemnon im Militärmantel mit vielen Orden der hartherzig zum Opfer Bereite, ansonsten der liebende Vater ist. Der tragische Konflikt, in dem er sich sieht, ist der zwischen Privatem und Staatsräson, der er als König und Feldherr der Griechen besonders verpflichtet ist. Das wird von der Regie sehr sensibel herausgearbeitet und von Nicolas Testé mit majestätischer Erscheinung und machtvollem Bariton eindrucksvoll dargestellt. Ein würdiger Gegenspieler ist ihm der Achille von Frédéric Antoun, der ganz junger Held und mit geschmeidigem Tenor auch vokal eine reine Freude ist. In der kleineren Partie des Freundes Patrocle ist Martijn Cornet optisch ebenso attraktiv und mit eindrucksvoller dunkler Stimme ausgestattet. Mit strengem Bass verkörpert Christian Helmer den ebenso strengen Seher Kalchas, Laurent Alvaro ist der Unglücksbote Arcas mit herbem Bass, im zweiten Teil ist er mit der umfangreicheren Rolle des Thoas bedacht.

Mit hellem, ebenmäßigem und flexiblem Mezzozopran singt Anne Sofie von Otter die Clytemnèstre mit so ergreifender Klage, dass man darüber fast die Untat, die sie später begehen wird, vergisst. Erst nach der fulminant gesungenen Wutarie traut man ihr das rächende Verbrechen wieder zu. Mit einem Sopran von wunderbarer Reinheit und voll dolcezza gibt Véronique Gens die Iphigénie, mit schönem Glockenton, mühelosem Stimmfluss besonders innig im Abschied von Achille. Nach diesem ersten Teil hätte man als Zuschauer bereits hoch zufrieden, ja beglückt nach Hause gehen können. Noch mehr mitgerissen wird man vom zweiten Teil durch Spiel und Gesang der Protagonisten. Auch hier herrschen strenge Rituale, so die des Opferns der Gefangenen, ist die Gestik sparsam, hat dadurch jede Bewegung, jedes Ändern der Mimik eine große Bedeutung. Das Ideal der edlen Einfalt und schlichten Größe ist in die szenische Tat umgesetzt. Das Freundespaar Oreste und Pylade ist optimal, zudem mit Sängern mit französischer Muttersprache besetzt. Neben den Klagegesängen der Iphigénie und ihrer Schicksalsgenossinnen bewegt besonders das Duett zwischen den beiden Freunden in gegenseitiger Operbereitschaft, des Oreste von Jean-François Lapointe und des Pylade von Yann Beuron, es ist von ergreifender Schönheit und passt ideal zu dem hellen, dabei vollmundigem Bariton und dem eher dunklen, auch im Piano gut tragenden Tenor. Der wie ein südamerikanischer Despot uniformierte Thoas von Laurent Alvaro hat einen Bass von schöner Farbe, der nur oben etwas eng wird. Anders als bei Goethe stirbt er bei Euripides und Gluck.

Bei der Iphigénie von Mireille Delunsch hat man wegen der ungemein farbigen Mittellage und der eher schwachen Höhe manchmal den Eindruck, es handle sich um einen Mezzosopran. Aber alle Bedenken gegenüber der Besetzung schweigen angesichts des ungeheuer intensiven, dabei sehr beherrscht wirkenden Spiels, des ebenso intensiven stimmlichen Farbenspiels, der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten dieser ganz besonderen Stimme. Sanft und liebreizend sekundieren ihr die beiden Priesterinnen Rosanne van Sandwijk und Simone Riksman. Der Chor ist der der Nederlandse Opera, das Orchester Les Musiciens du Louvre Grenoble sorgt unter Marc Minkowski für den authentischen Klangteppich, befindet sich inmitten der Zuschauer. Hat man diese beiden DVDs genossen, fragt man sich verwundert, warum die beiden Opern nicht öfter aufgeführt werden. Verdient hätten sie es, vor allem aber in einer so einfühlsamen Inszenierung und mit so wunderbaren Sängern (Opus Arte 1099 D).

Ingrid Wanja