Antiker Humor

Das letzte Wort hat der Hund Cerberus, eine sympathische Erscheinung, einem Bobtail ähnlich und mit der Stimme von Thomas Stache eindrucksvoll bellend, wenn es brenzlig wird. Es geht um Offenbachs Orphée aux Enfers in der Produktion des Brüsseler Opernhauses aus dem Jahre 1997. Herbert Wernicke siedelte den ersten Akt vor einem Riesengemälde antiken Zuschnitts an, um den Gegensatz zwischen edler Einfalt und stiller Größe der alten Griechen wirkungsvoll kontrastieren zu lassen mit dem gar nicht edlen und sehr lautstarken Treiben der vom Komponisten in das Zweite Kaiserreich zeitversetzten Operette, die ihrerseits wieder von der Regie in die Gegenwart geholt wurde. Der zweite Akt spielt in einer Art Wartesaal Erster Klasse, der vom Publikum, wohl weil bekannt, jubelnd begrüßt wird und in den beim Aufsuchen der Unterwelt eine Dampflokomotive krachend hinein fährt und einiges an Säulen purzeln lässt. Natürlich wird fleißig Cancan getanzt, Schampus aus Schuhen getrunken und über die guten Sitten hinausgehender Verkehr gepflegt. Ungewöhnlich lang dehnen sich nur die Szenen mit einem wenig komischen Styx (André Jung) und mit der Sumsefliege, für die der Regie wenig eingefallen ist.

Sehr komisch ist die der Proszeniumssloge entsteigende Öffentliche Meinung Désirée Meiser, mit Regenhaube und Klobürste bewaffnet und mit scharfem Diseusensopran Menschen- und Götterwelt tyrannisierend. Orpheus erscheint in der Gestalt und mit gut tragender Tenorstimme von Alexandru Badea als eine Art Paganiniverschnitt, während die hübsche Eurydice von Elisabeth Vidal mit zartem Soubrettenstimmchen sicherer Höhe und Koloraturen eine sehr gute Besetzung ist. Einen etwas nasal klingenden Tenor setzt Reinoldo Macias für den Pluto ein, zeigt leichte Tiefenschwächen und ist wenig teuflisch anzusehen. Das Gegenteil von einem Jupiter ist Dale Duesing, dem es nicht gegeben ist, eine Fallhöhe von kraft- und machtvoll zum lüsternen Pantoffelhelden glaubhaft zu machen, sondern der klein, zierlich und behände hörbar Publikumsliebling ist – vielleicht auch wegen anderer Meriten am selben Haus. Eine köstliche vernachlässigte Alte, mit vielen Reihen Perlenketten behängt, ist Jacqueline van Quaille. Entschlossen greift die Diana von Sonja Theodoriou zum Schifferklavier und zeigt sich auch vokal beherzt. Niedlich in jeder Beziehung ist die Venus von Michele Patzakis, ständig müde die Minerva von Laurence Misonne, Franck Cassard darf als Mercury vielmals vom Himmel herab schweben und Marie-Noëlle de Callatay höchst neckisch sein. Unermüdlich Beine und Röcke werfen die Drei Grazien Sylvia Printemps, Caroline Cornelis und Pascale Mouteau. Am Dirigentenpult sorgt Patrick Davin für Tempo, Rhythmus und gute Stimmung, in die das schließlich in rhythmishes Klatschen verfallende Publikum offensichtlich versetzt wurde (Arthaus 100 403).

Ingrid Wanja