Angekommen im Baritonfach

 

Zweifellos seine bisher beste Baritonpartie hat Plácido Domingo mit dem Francesco Foscari in Verdis I due Foscari gefunden, denn in ihr hat er eine Partie gewählt, die dem Zuschauer keine peinlichen Vergleiche zwischen dem Rollen- und dem tatsächlichen Alter des Ex-Tenors aufdrängt wie etwa Il Conte di Luna oder bald wohl auch der Posa, sondern wo die Bühnenfigur sogar noch einige Jährchen mehr als ihr Interpret auf die Bretter bringt. Entscheidend aber ist der gute Zustand der Stimme in der Aufnahme aus dem Jahre 2016, als der sich zur Schönheit als oberstem Prinzip seines künstlerischen Schaffens bekennende Regisseur Alvis Hermanis das selten gespielte Werk an der Mailänder Scala inszenierte.

Ein ebenso strenges wie angenehm anzusehendes Bühnenbild mit vielen venezianischen Elementen, im Hintergrund mit den häufig wechselnden  Historienbildern von Francesco Hayez lässt durch die vielen ineinander geschachtelten Bühnen auf der Bühne schnelle Szenenwechsel zu, zehn maskierte Ballettschüler stellen mal die gefürchteten Dieci, mal auch Gondolieri in teils grotesken Bewegungen dar, dass auch die Tapete sich zeitweise bewegt, dürfte zu viel des Guten sein, vor allem, weil ansonsten eher Statisches das Merkmal der Inszenierung ist. Auch die vielen venezianischen geflügelten Löwen mit unterschiedlichem Beißverhalten in der Kerkerszene erregen eher Ver- als Bewunderung. In wunderschönen Rot-und Brauntönen sind die historischen Kostüme von Kristine Jurjane gehalten und tragen wesentlich zum angenehmen optischen Gesamteindruck bei. Der Chor ist sichtlich dazu angehalten, sich  individuell zu bewegen, tut dies aber allzu brav schülermäßig, die Regie für die Solisten ist eher eine zurückhaltende, kann bei Domingo natürlich auf die Wirkung der Persönlichkeit bauen. Eindrucksvoll ist nicht nur die letzte Szene in und vor dem großen Renaissancebett, wenn der Doge nach der Nachricht vom Tode seines letzten Sohnes die durchsichtigen Vorhänge zuzieht, um seinen umso ergreifender wirkenden Schmerz vor den auf der Bühne Anwesenden zu verbergen.

Plácido Domingos Stimme ist in dieser Produktion tatsächlich die eines Baritons, gleichermaßen gut ansprechend in allen Registern, der Sänger hat hier den langen Atem für die verdische großzügige Phrasierung, die Piani haben Farbe, ein überzeugendes Rollenportrait ohne Einschränkungen ist gelungen. Darstellerisch kehrt er mehr den leidenden Vater als den Herrscher hervor, wirkt – gespielt! – hinfälliger als Kollegen vor ihm in derselben Partie, abgesehen von dem markanten Auftritt vor den Dieci, dem Sichaufbäumen gegen das erlittene Unrecht. Typisch für die intimere Gesamtrollenauffassung ist die Tatsache, dass die letzte Szene nicht im Thronsaal, sondern im Schlafgemach des Dogen stattfindet.

Francesco Meli, in einem Bonus-Teil von dem wohl noch immer unverzichtbaren Ioan Holender als „bester Verdi-Tenor“ gefeiert, ist ein intelligenter, sympathischer Sänger, der allerdings wohl auch nicht der Versuchung  widerstehen mag, schnell zu dramatische (Radames, Manrico) Partien zu singen. Die des Jacopo Foscari ist zudem eine extrem lange, in allen drei Akten geforderte. Die Stimme ist seit seinen lyrischen Partien zwar dunkler geworden, aber auch härter, eine schöne Rundung ist nicht auszumachen, auch wenn Schwelltöne und eine beachtliche Fermate im ersten Akt verdienstvoll sind. Besser gelingt „Notte, perpetua notte“, angestrengt „non maledirmi“ und auch der endgültige Abschied von der Gattin klingt recht belegt. Höchst ansprechend ist die Darstellung des unglückseligen Dogensohns.

Sowohl ätherische, aber nie anämische Töne, als auch viel Grinta für den Kampf um das Leben des Gatten  hat Anna Pirozzi in einer Stimme, die wie geschaffen ist für eine Odabella oder Elvira, sogar eine Abigaille und die in dieser Aufnahme nicht in allerbester Verfassung zu sein scheint, aber hörbar alle Qualitäten für die anspruchsvollen Rollen des frühen Verdi hat, auch wenn hier als Lucrezia der Sopran manchmal eng wird statt aufzublühen. Schön fies grienen kann der intrigante Loredano, von Andrea Concetti mit schlankem Bass gesungen.  Michele Mariotti hat mit dem Orchester der Scala das notwendige Brio für diesen leider unterschätzten Verdi, der Chor unter Bruno Casoni, insbesondere die Herren, trägt das Seine bei  zur Verlebendigung eines düsteren Kapitels venezianischer Geschichte (C-Major Classics 742104). Ingrid Wanja