Abgründe des Bösen

 

Jeder Mensch hat seine eigene, ganz persönliche Vorstellung von der Hölle, und die von Roland Schwab befindet sich zwischen zwei riesigen beweglichen Tunnelgittern, bevölkert von dem Sado-Maso-Sex zugeneigten Personal in Lack und Leder und auffallend extravagantem Schuhwerk. In München wurde die Opernsaison 2015/16 mit Boitos einziger vollendeter Oper eröffnet, Mefistofele, und das Publikum sah sich einer Überfülle von Bildern und Assoziationen gegenüber, seien es die Wolkenkratzer von New York mit bedrohlich darüber kreisendem Flugzeug, das Portrait John Lennons (Sollte er Gott darstellen- dann wäre Gott tot.), sei es Feuer oder seien es Grausam- und Scheußlichkeiten ohne Ende wie ein blutiger Fötus noch in der Fruchtblase, den Mefistofeles in die Mülltonne wirft, oder eine damenhafte Margherita, wohl bereits die Gattin von Faust, so gelangweilt-gediegen sitzt man am Abendbrottisch beisammen, die von Faust unter lebhafter Anteilnahme der Walpurgisnachtbesucher vergewaltigt wird. Die himmlischen Heerscharen lassen sich nur von einer Schallplatte vernehmen, die Mefistofele zum Schluss zerbricht, arkadische Seligkeit gibt es nur im Heim für Demenzkranke, also im Vergessen, selbst Margherita fährt offensichtlich in die Hölle, zumindest in die Tiefe. Es gibt die Münchner Wies’n mit Kettenkarussell, in dem die Besucher kraftlos wie Leichen hängen, und das Lebkuchenherz Wagner mit „I mog di“ zerfällt zu Asche. Das ist alles grandios gemacht, Bühnenbildner (Piero Vinciguerra) und Kostümbildnerin (Renée Listerdal) haben Großartiges geleistet, aber die Botschaft des Stücks wurde in ihr Gegenteil verkehrt, wie man das ja auch in Berlin in Schwabs Don-Giovanni-Inszenierung beobachten konnte, wenn der Titelheld frohgemut nach seiner Höllenfahrt wieder aus dem Orchestergraben auf die Bühne klettert, um sein schändliches Treiben fortzusetzen. Bei all diesem Aufwand setzt es in Erstaunen, dass Schwab sich kaum um Personenregie gekümmert hat- man steht an der Rampe und singt, zumindest was die beiden Herren angeht, wunderschön.

Joseph Calleja beginnt mit einem herrlich lyrischen, emphatischen „Dai campi, dai prati“, hat strahlende Höhen für seine Liebesbekenntnisse für Margherita wie Elena und ein mal ruhig fließendes, mal leidenschaftlich drängendes “Giunto al passo estremo“.  René Pape ist ganz basso cantate mit teuflisch wohllautendem Klang, was ihn von einem Mefistofele, wie ihn der vokal gewaltigere Ghiaurov verkörperte, wesentlich unterscheidet. Die berühmt-berüchtigten Pfiffe gelingen nicht so ganz, und auch ihn verdammt die Regie zu darstellerischer Passivität. Als schmucker, sonorer Wagner kann Andrea Borghini auf sich aufmerksam machen. Eher die verzweifelte Kindsmörderin als das liebliche Mädchen, das ihr in der Produktion auch optisch versagt bleibt, kann Kristine Opolais nachvollziehbar machen, allerdings gerät auch „L’altra notte“ recht herb. Als Pflegerin im Altenheim, gleich Elena,  erweckt Karine Babajanyan mit dunkel getönter Stimme die Lüste Fausts. Zum Kopulieren auf dem Motorrad lädt die Marta von Heike Grötzinger ein. Omer Meir Wellber setzt der Turbulenz auf der Bühne ein ebenso bewegtes, auch ab und zu knalliges Musizieren im Orchestergraben entgegen.

Bislang aber ist für DVD-Käufer die Inszenierung von Robert Carsen aus San Francisco, nicht so schwarz, sondern bunt, nicht so alle Untiefen irdischer und unterirdischer Gemeinheit auslotend, aber ironisierend, die Botschaft Goethes und Boitos respektierend, das Maß aller Mefistofele-Dinge und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben (Blu-ray C-Major 739304). Ingrid Wanja