Wuchtiger Beethoven, geschmeidiger Schumann

Das zu Recht Weltgeltung genießende Boston Symphony Orchestra bewahrt in seinen Archiven einen wahren Schatz: über hundert Konzerte wurden in den späten Fünfzigern bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts für das Fernsehen aufgezeichnet – und sind erhalten geblieben. Die Dirigenten dieser Konzerte waren nicht nur die damaligen Chefs des Orchesters, Charles Munch und Erich Leinsdorf, auch Aufführungen mit Gastdirigenten wurden aufgenommen. Man darf gespannt sein, was noch an Dokumenten den Weg auf DVDs finden wird.

Eine 5-DVD-Box (ICA Classics ICAB 5130) ist Charles Munch gewidmet, der das Orchester von 1949 bis 1962 leitete. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Platteneinspielungen, die zum Teil noch heute Referenzcharakter besitzen. Was diesen Aufnahmen fehlt, ist naturgemäß der optische Eindruck von Munchs Dirigaten. Der gebürtige Elsässer, als Deutscher geboren und ursprünglich als Geiger, u.a. bei Flesch in Berlin ausgebildet und als solcher Konzertmeister bei namhaften Orchestern gewesen, wandte sich erst mit über vierzig Jahren dem Dirigentenberuf zu. Während des Dritten Reichs sagte er sich von Deutschland los und war während des Krieges sogar im französischen Widerstand, wofür er später zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt wurde. Mit dem Wechsel der Nationalität legte er auch den Umlaut in seinem Namen ab, aus Münch wurde Munch.

Im ersten Augenblick ist man von der Bild- und Tonqualität der Aufzeichnungen enttäuscht, das HD-verwöhnte Auge und Quadrophonie-verwöhnte Ohr müssen sich erst an die technischen Standards der Aufnahmezeit gewöhnen. Wenn man sich aber auf die Zeitreise einlässt, wird man durch den Genuss im besten Sinne des Wortes alter Musikkultur belohnt. Der elegante, weißhaarige Herr der alten Schule, zum Zeitpunkt der Aufnahmen knapp siebzig Jahre alt, verkörpert unter den Dirigenten der Zeit den europäischen Traditionalisten. Die Bostoner, von je durch Dirigenten der alten Welt geprägt, Ende der Fünfziger unter den Musikern auch sicherlich noch einige Emigranten, entwickeln unter Munch einen sehr speziellen Klang, der selbst den Vergleich mit anderen Spitzenorchestern der Welt nicht scheuen muss.

Mit höchst akkurater Schlagtechnik illustriert Munch förmlich die Musik. Schnell vergessen sind technische Mängel der Aufnahmen, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, erlebt man einen Meister des klassischen Repertoires und einen homogenen Klangkörper. Im Vergleich zu den damals führenden Dirigenten wie Karajan und Böhm hat Munch sehr eigene Vorstellungen von Tempi und der Architektur einzelner Werke. Seine Beethoven-Symphonien ( 4. und 5.) kommen doch sehr wuchtig daher, bei einigen Tutti zeigt sich die seinerzeitige Aufnahmetechnik schlichtweg überfordert. Es scheint hier Fehler bei der Überspielung zu geben, manche Tempi sind einfach fast unspielbar schnell, auch das Bild hüpft ein wenig und zeigt Munch als unfreiwilligen Vorläufer der Luftsprünge eines Leonard Bernstein. Selbst Mozart wird beinahe martialisch und streng interpretiert. Mendelssohn und Schumann geraten viel weicher, geschmeidiger, gleichzeitig aber auch grüblerisch, schwermütig. Händel und Haydn fallen etwas streng aus, noch geprägt von einem anderen Verständnis der Barockmusik. Schwelgerisch und schlank dagegen Bruckners 7. Symphonie

Leider wurden die Konzerte nicht in der für ihre gute Akustik berühmten Symphony Hall aufgezeichnet, sondern im Sanders Theatre der Harvard University. Die Gründe dafür werden nicht genannt. Beim Blick auf die Orchestermusiker stellt man fest, dass das Durchschnittsalter der Musiker entgegen heutigen Standards erstaunlich hoch liegt, und Frauen damals noch eine verschwindende Minderheit darstellten. Wohltuend dagegen die Distanz zu den Gesichtern der Instrumentalisten. Wo heute eine gnadenlose Kamera jedes Barthaar heranzoomt, hat man es hier noch mit mehr Respekt vor dem Einzelnen zu tun. Die Munch-Box macht neugierig auf weitere Ausgrabungen der Bostoner Archiv-Schätze!

Peter Sommeregger