Gesamtkunstwerke in Schwarz-Weiss

Die Liste von Äußerungen des Dirigenten Sergiu Celibidache über den Sinn und Zweck von Musikkonserven ist so lang wie verstörend. Er hielt nichts davon. „Wer beim Rasieren Hänschen klein pfeift, hat viel mehr mit Musik zu tun als einer, der sich eine Beethovenplatte auflegt.“ Das ist so ein typischer Spruch. Vernichtend, lästernd, unerbittlich, gnadenlos. Seine berühmte und oft zitierte Begründung lieferte er bei anderer Gelegenheit: Musik entstehe aus dem Augenblick, und der Augenblick sei nicht wiederholbar oder fixierbar. Das leuchtet ein. Celibidache hat sich sein Leben lang daran gehalten. Es lässt sich nachprüfen – an Hand seiner Aufnahmen. Wie zum Trotz haben die sich nämlich doch in sehr großer Anzahl erhalten. Zum Glück, sonst wüssten wir ja gar nicht mehr, was es denn nun mit seinen scharfzüngigen Lästereien in der Praxis auf sich hat. Celibidache ist fast zwanzig Jahre tot. Er starb am 14. August 1996 bei Paris. Ich kenne kaum einen anderen Dirigenten, dessen Aufnahmen ein und des selben Werkes so unterschiedlich klingen, als sei die Interpretation tatsächlich dem Augenblick abgerungen. Selbst bei aus später Zeit ist das so. Man höre sich nur die Coda der Vierten von Bruckner an, die in mehreren Varianten aus Konzerten überliefert ist. Denn das Meiste, was von ihm blieb, sind Livemitschnitte.

Opus Arte hat in einer Sammelbox The Incomparable Celibidache Konzerte mit dem Orchestra Sinfonica di Torino della RAI herausgebracht auf vier DVDs (OA 1152B D). Sie stammen von 1969 und 1970, den Wanderjahren des Dirigenten, der nach seinem unfreiwilligen Abschied von den Berliner Philharmonikern 1952 mit zahlreichen Orchestern in aller Welt arbeitete und erst 1979 wieder eine langjährige und sehr nachhaltige Bindung als Generalmusikdirektor mit den Münchner Philharmonikern einging. Turin war eine der vielen Zwischenstationen. Wer graue, verwaschene und flackernde Bilder erwartet, wird wahre Wunder erleben. Die Filme wurden vorzüglich restauriert. Sie wirken wie neu. Schwarz-Weiß stört überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Es gibt Grautöne in tausend Schattierungen wie auf einem Foto von Helmut Newton. Mir will es scheinen, als ob dieses Grau entscheidend dazu beiträgt, dass aus diesen Konzerten eine Art Gesamtkunstwerk wird. Die schlichte Architektur des Auditoriums „Arturo Toscanini“ gibt dafür den passenden Hintergrund ab. Es sind Kameramänner mit ausgeprägtem Musikverstand am Werk, oder aber die Regie hat sie richtig gebrieft. Die Bilder passen haargenau auf die Musik und umgekehrt. Es ist ein Genuss, den Konzerten am heimischen Bildschirm zu folgen, zumal auch bei der Aufarbeitung der klanglichen Qualität offenkundig nicht gespart wurde. So werden diese Konzerte zu eleganten, unaufdringlichen Inszenierungen von Musik.

Das Programm ist vielseitiger als in den späten Jahren, als Bruckner dominierte: die Symphonie fantastique von Berlioz klingt über weite Strecken sehr lyrisch und zurückgenommen. Celibidache schätzte Berlioz als revolutionären „Intrumentator“, was in seiner Lesart deutlich hervortritt – besonders im letzten Satz, dem gespenstischem Hexensabbat. Die ausladende 5. Sinfonie von Prokofiev von 1944, als der verheerende Zweite Weltkrieg in seinen letzten Zügen lag, wird in ihrer ganzen Grellheit gemeinsam mit Tod und Verklärung von Strauss in einem Konzert gespielt. Da passt manches zusammen. Celibidache hat auf die Konzeption seiner hintergründigen Programmabfolgen immer größten Wert gelegt. Mozart ist mit seiner 39. Sinfonie in Es-Dur vertreten. Deren Beginn erinnert mich immer an Gluck, der ein Jahr, bevor dieses Werk entstand, gestorben war. Bei Celibidache ist diese Ähnlichkeit besonders deutlich zu hören. Daneben die 2. Sinfonie von Schubert, die ihrerseits schon vom Beginn her wie eine Fortführung von Mozart klingt. Last but not least dann doch noch der für den Dirigenten unverzichtbare Bruckner mit der unvollendeten Neunten, die wie aus dem Nichts kommt.

Erstmals habe ich Celibidache 1987 erlebt. Er war zu den 750-Jahr-Feiern Berlin mit seinen Münchner Philharmonikern in den Osten der geteilten Stadt gekommen und hatte zwei Konzerte gegeben. Ich hörte ihn unter anderen mit Dvoráks 8. Sinfonie, dem Zauberlehrling von Dukas. Er hätte auch Militärmärsche oder Nationalhymnen spielen können. Es war mir egal, was auf dem Programm stand, ich wollte ihn hören und sehen. Raumfüllend betrat er das Podium im Konzerthaus. Schon schwer zu Fuß. Der Frack mit der altehrwürdigen Chemisette, wie nur er sie trug. Das immer noch volle Haupthaar löwenartig nach hinten geworfen. Da war er nun. Mir kam es so vor, als würde er jeden Einzelnen im Publikum in die Augen schauen. Er suchte diesen Kontakt, der etwas Bezwingendes hatte. Niemand konnte ihm ausweichen. Er nahm für sich ein, noch bevor der erste Ton erklungen war. Der Vergleich mit einem Guru ist nicht zu weit hergeholt. Celibidache war Anhänger des Buddhismus.

Rüdiger Winter