Gentleman mit feinem Gespür

Vierzig Jahre nach ihrer Aufzeichnung legt ica classics in ihrer Legacy-Serie den Mitschnitt zweier Konzerte mit Rudolf Kempe erstmals auf DVD vor (ICAD 5119). Gehören Kempes Schallplatten-Einspielungen bis heute vielfach zu den Referenzaufnahmen der jeweiligen Werke, ist dadurch sein Name unvergessen, so droht doch die optische Erinnerung an den eleganten, immer beherrschten und doch von großem Gestaltungswillen beseelten Mann Rudolf Kempe zu verblassen. Beim Betrachten der DVD stellen sich unmittelbar wieder intensive persönliche Erinnerungen an unvergessene Konzertabende Kempes mit „seinen“ Münchner Philharmonikern ein. Ich habe den schlanken, kerzengeraden Mann mit seiner eisgrauen Mähne immer bewundert. In seiner etwas zurückhaltenden Art war er der totale Gegenentwurf zu den Karajans, Bernsteins und sonstigen damals hoch gehandelten Pultstars, die sich eifrig selbst inszenierten. Kempes Liebe zu den gespielten Stücken war immer spürbar, aber er behielt stets Haltung und vermied die großen Gesten. Er hatte seine Karriere aus dem Orchester heraus begonnen, und das war stets zu bemerken.

Brahms‘ 2. Symphonie führte er mit den Bamberger Symphonikern im Januar 1973 in München auf. Es gelingt ihm eine Interpretation von großer Dichte und Konzentration. Vielleicht kommt das heitere und leichte Element, das dieser Symphonie zu Eigen ist, ein wenig zu kurz, dafür entschädigt er mit straffer Hand und durchgängig zügigem Tempo. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass vor vierzig Jahren auch ein großes, renommiertes Orchester noch gänzlich ohne Frauen auskam, was heute undenkbar wäre. Aus dem gleichen Jahr, 1973, stammt der „Füller“ für die DVD, eine Aufführung der Tannhäuser-Ouvertüre mit dem Royal Philharmonic Orchestra in London. Ein schönes Dokument des Opern-Dirigenten Kempe, das er mit feinstem Gespür für den dramaturgischen Aufbau interpretiert. Faszinierend die filigrane Transparenz der Streicher am Übergang zur Venusberg-Musik. Kempe at his best!

Filmdokumente wie diese sind so wichtig, weil sie doch mehr von einer Künstlerpersönlichkeit bewahren als die reine Tonaufzeichnung. Dafür nimmt man Einschränkungen bei der Bild-und Tonqualität gerne in Kauf.

Peter Sommeregger