Kunst und Macht

Klassik und Kalter KriegMusiker in der DDR heißt ein Film von Thomas Zintl u.a. bei Arte und RBB, den es als knapp 60minütige DVD bei Arthaus gibt und der eigentlich eine weitere Zeitspanne umfasst, nämlich 1945 bis 1989. So ganz genau nimmt er es auch mit der Sprache nicht, wenn er von russischen Truppen, die Berlin befreiten, spricht. Manch ein Berliner oder besser eine Berlinerin wird das anders gesehen haben. Aber das sind geringe Einwände gegenüber der Fülle des Materials, angefangen von Aufnahmen des Kommandeurs Bersarin und seines Kulturoffiziers Tulpanov, dessen wichtige Rolle leider nicht einmal mit der Nennung seines Namens gewürdigt wird. Das Bemühen der Sowjets um die Wiedererweckung kulturellen Lebens in Berlin, wo bereits zwei Wochen nach Kriegsende die Philharmoniker im Titania-Palast spielten, die erste Aufführung der Staatsoper im Admiralspalast mit Glucks Orpheus und Eurydike, die sowjetischen Soldatenchöre zwischen Heideröslein und Kalinka, das alles und noch viel mehr wird in Filmausschnitten gezeigt. Aber es kommen, so mit Helmut Schmidt, auch sofort kritische Stimmen zu Wort, die von der Instrumentalisierung der Kultur zur Durchsetzung politischer Ziele sprechen, später von den kulturellen Leuchttürmen als Devisenbringer für die DDR. Ehemalige Intendanten wie Pischner, Burghardt und Rimkus berichten ebenso wie Dirigenten und Komponisten (Masur, Matthus), Sänger wie Schreier und Lorenz über die Formalismusdebatte, der zeitweise Händel zum Opfer fiel, über Westengagements und die allmächtige Staatliche Künstleragentur, über Felsenstein und seine Privilegien, über die Versuche, Künstler für die Stasi anzuwerben. Das klassische Erbe und die sozialistische Nationalkultur werden zum Schutzschild auch für Thomaner- und Kreuzchor und ihre geistliche Musik, so dass ihre Mitglieder sich sogar konfirmieren lassen dürfen und der Konfrontation zwischen FDJ und Junger Gemeinde entgehen. Vieles von dem, worüber der Film berichtet, hatte man bereits vergessen, so die verhängnisvolle Rolle der Staatlichen Kunstkommission, die Propagierung des Sozialistischen Realismus, die Kampagne für das enge Bündnis zwischen Künstlern und Arbeitern.

Viel Raum wird der Suche nach einem Dirigenten für die wieder erbaute Staatsoper gegeben, der Zusage Erich Kleibers, die dieser zurücknimmt, nachdem man sich seitens der Regierung für eine andere als die Friedrich II. als Erbauer bezeichnende Portalinschrift entschließt. Konwitschny ist da weniger empfindlich und erfüllt den Wunsch der DDR-Oberen nach einem international bekannten Dirigenten. Ein besonderes Kapitel bilden die Plattenaufnahmen in der DDR, die Geschichte des dem Sänger Ernst Busch gehörenden Labels, das verstaatlicht und zum Devisenbringer wird und als Eterna eine Zusammenarbeit mit westlichen Künstlern und Plattenfirmen ermöglicht. So entsteht u.a. eine Meistersinger-Aufnahme unter Karajan mit der Dresdner Staatskapelle und Adam und Kollo.

Wie nachtragend und unerbittlich die DDR-Führung sein konnte, berichtet Masur, der mehrere Jahre lang kein Engagement hatte, über den aber interessierten Westagenten gesagt wurde, er sei auf Jahre hinaus ausgebucht. Dass den ganz Großen Widerstand möglich war, bewies Theo Adam, der sich nach dem Mauerbau weigerte, überhaupt noch zu singen, wenn man ihm nicht weiterhin Westengagements gestatten würde. Von deren Erlös in D-Mark durften die Künstler zwischen 50 bis 80% behalten, der Rest wurde in Ostmark umgetauscht. Als heikel erwiesen sich Gastspiele ganzer Orchester oder Ensembles, denn neben dem Ruhm, den sie der DDR brachten, bargen sie die Gefahr, dass nicht alle zurück kehren würden – wofür der Tourneeleiter verantwortlich war.  Der Film endet mit Ausschnitten aus Fidelio an der Semperoper 1989 und dem Bericht der Regisseurin Christine Mielitz über die Reaktion des Publikums, die ihr noch so viele Jahre danach die Tränen in die Augen treibt.

Wenn man die aufregenden Bilder über den Mauerfall zum x-ten Mal sieht und davon nicht unberührt sein kann, folgt die Ernüchterung darüber, dass vom Enthusiasmus und der Aufbruchsstimmung sich so wenig halten konnte (Arthaus 101 664).

Ingrid Wanja