Gefällige Sommerkost

 

Muss man jedes Fitzelchen aufbewahren? Jedes musikalische offenbar schon. Denn bereits wenige Tage nach dem 25. Mai lag das Sommernachtskonzert 2017 der Wiener Philharmoniker als DVD vor (Sony 889854 259495). Die rund 100.000 Besucher des Konzerts im Schönbrunner Schlosspark wird’s in die Geschäfte treiben, möglicherweise auch jene Interessierten, die die zeitversetzte Übertragung auf ORF 2 oder 3sat seinerzeit nicht erleben konnten oder sich am Schönbrunner Schloss und der schönen Renée Fleming nicht satt sehen können. Unter dem Motto „Märchen und Mythen“ wurden Werke von Dvořák, Tschaikowsky, Rachmaninoff, Humperdinck, Strawinsky, John Williams, Smetana und Johann Strauss zu einem Konzertprogramm gebündelt, das Renée Fleming mit der gewohnt cremig elegant gesungenen Arie der Titelheldin aus Dvořáks Armida sowie Rusalkas „Lied an den Mond“ adelte, wofür sie passenderweise ein grün glitzerndes Abendkleid angezogen hatte.

Für die drei hier in der Orchesterfassung gesungenen Lieder Rachmaninoffs, „Dämmerung“, „O sing, du Schöne“ und „Frühlingsrauschen“, wechselte sie das Nixen-Outfit gegen ein schwarzes Abendkleid mit roten Blüten ein, womit das Motto irgendwie getroffen war. „Seit jeher beflügeln Märchen und Mythen auch Komponisten, zieht der ewige Kampf von Gut und Böse ihr Publikum in seinen Bann“. Erwartungsgemäß zogen an diesem Gratis-Abend vor allem die Wiener Philharmoniker das Publikum in ihren Bann, die den Abend mit Dvořáks wenig bekannten „Karneval“, dem Mittelstück eines dreiteiligen Ouvertüren-Zyklus‘ von 1891, eröffnet haben. Unter Christoph Eschenbach folgten neben der erwähnten Stücken mit der Primadonna die Hänsel und Gretel-Ouvertüre, ein Ausschnitt aus der Harry Potter-Musik von John Williams, der Tanz der Komödianten aus der Verkauften Braut – alles auf erwartetem allerhöchstens Niveau, doch erst in den drei Sätzen aus Strawinskys Feuervogel-Suite ließ Christoph Eschenbach die Funken stieben, bevor die Sommernacht mit dem Wiener Blut-Walzer ausklang; auch er ein Märchen aus uralter Zeit.

 

Der Sommernacht folgt der Nachtgesang. Ausgezeichnet die in goldener Klappschachtel präsentierte harmonia mundi-Huldigung an die Nacht mit elf Gesängen Franz Schubert für Männerchor und gemischten Chor, die viele der seit jeher mit Nacht verbundenen Gefühle, wie Angst, Melancholie, Liebeskummer und Geisterwelt, umkreisen: Nachtgesang (HMG 501669). Die CD macht Freude: die Abfolge der Lieder ist anregend sowohl durch die Texte u.a. von Seidl, Mayrhofer, Goethe (darunter als umfangreichster Beitrag „Gesang der Geister über den Wassern“) und Grillparzer als auch die unterschiedlichen Besetzungen, in welche die beiden Solisten, die Altistin Birgit Remmert und der Tenor Wener Güra, homogen eingebunden sind. Sie macht Freude, weil der RIAS Kammerchor unter Marcus Creed mit meisterlicher Disziplin und gesammeltem Klang singt, dabei so schlank und durchsichtig, so feinsinnig und textklar, dass es des schönen Beiheftes zum Mitlesen kaum bedarf.  Rolf Fath