Inbrünstig

Es ist schlichtweg nicht möglich, von der Inbrunst und Hingabe, mit der die gewaltigen Massen der University of Minnesota sich dieses interreligiösen Oratoriums annehmen, nicht mitgerissen zu werden – von der ansteckenden Musizierlust und Freunde. Wie bei den Abschlussaufführungen von Ballettschulen, an deren Gestaltung sämtliche Familien mit eingebunden sind, merkt man auch dieser Aufführung aus dem Frühjahr 2012 die breite und nachhaltige Unterstützung an, die sie erfahren hat –  ein gemeinsames und gemeinschaftliches Erlebnis, das weit mehr ist als es diese Aufführung mit ihrer behelfsmäßigen und sehr vordergründigen szenischen Illustration dem nüchternen Betrachter vermitteln kann. Parables war ein die Großarea der Twin Cities St. Paul und Minneapolis umspannendes Projekt über den Amerikanischen Traum und die religiöse Vielfalt Amerikas, in das Schulklassen, religiöse und ethnische Gruppen und die Bürgerschaft bei Diskussionen, Workshops und Opern-, Chor- und Orchesterprogramme eingebunden waren. Die DVD (Naxos) ist sozusagen der Abschlussbericht des Projekts.

Mit einem religiösem Thema hatten sich der Komponist Robert Aldridge (* 1954) und sein Librettist Herschel Garfein bereits in ihrem in der American Opera Classics-Reihe bei Naxos erschienenen Opern-Zweiakter Elmer Gantry nach dem Roman von Sinclair Lewis auseinandergesetzt; Lewis wurde für seine sozialkritische Darstellung eines Priesters mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In ihrem im Gedenken an den September 2001 entstandenen Auftragswerk Parables beschäftigen sich Aldridge und Garfein mit den drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam und finden versöhnliche und verbindende Aspekte in Bibel, Koran und Thora. Das knapp einstündige Oratorium für großes Orchester, Chor und vier Solisten ist in sieben Abschnitte gegliedert, eine Rahmensituation, drei Parabeln (Ibrahim and Ismail, Job, Lilies) und in der Mitte des Werkes sozusagen ein Credo (Finitum Capx Infinitum), gesungen sowohl in englischer Sprache als auch in Arabisch, Hebräisch und neutestamentarischem Griechisch; sinnvollerweise ist im Beiheft der Text mit Anmerkungen wiedergegeben. Das Werk hat einen gewaltigen Impakt, ist wirkungsvoll und volkstümlich und nur in Grenzen banal, die Musik krallt zunächst wie Filmmusik, entwickelt aber eine eigenständige, mitreißende Kraft in der Tradition der amerikanischen Gemeindegesänge. Bühnenkomponisten wie Copland fallen einem ein, der rhythmische Schwung und Elan erinnert an Gershwin, das Oratorium ist opulent und pompös, mancher wird vielleicht auch an Bernsteins Mass denken – ein Glaubensfest. Unter den vier guten Solisten fällt vor allem der junge Tenor Joseph Okell angenehm auf.  Durchaus denkbar, dass sich auch andere amerikanische Orchester und Chöre dieser Parables annehmen.

Rolf Fath

 

Robert Aldridge: Parables mit Monica Yunus, Sopran – Adriana Zabala, Mezzosopran – Joseph Okell, Tenor, Philip Zawisza, Bariton; University of Minnesota Symphony Orchestra; University of Minnesota Choruses, University Singers, Dancers of the St. Paul Concervatory for Performing Arts; Leitung: Kathy Saltzman Romey; Inszenierung: David Walsh; DVD Naxos 2.110358