Extrem ausgereizt

Das seltene Beispiel einer extremen Ausreizung der opernhaften Elemente des Requiem von Giuseppe Verdi mit dem Ergebnis einer tiefen Verinnerlichung  gelang Mariss Jansons mit dem Chor und dem Orchester des Bayerischen Rundfunks 2013 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Da verbindet sich eine beinahe überreiche Agogik mit Extremen in Tempo und Lautstärke mit einem ganz instrumentalen  Einsatz des Chores, lassen die Solisten kaum einen Wunsch übrig und bedarf es nicht der Zustimmung erflehenden Blicke des Dirigenten gen Himmel, um zu fühlen, dass es hier tatsächlich um die letzten und wichtigsten Dinge überhaupt, um tiefste Not und höchste Glaubensgewissheit geht, auch wenn am Ende ein hier nicht beschwörend geflüstertes, sondern gesungenes „Libera me“ mit unsicherem Ausgang steht. Dem Zuschauer erscheint es geradezu als Indiskretion, wenn die Kamera auf dem verzückten Gesicht von Jansons verweilt. Allein das stufenlose An- und Abschwellen von Stimmen und Instrumenten spricht außer von hoher technischer Kontrolle von großer künstlerischer Reife aller Mitwirkenden. Nicht nur, aber ganz besonders  das vom Chor gesungene „Amen“ ist ein expressives Glaubensbekenntnis.

Überragend ist der Sopran Krassimira Stoyanova, bei dem einfach alles stimmt: Timbre, Vibrato, Flexibilität, die Bewältigung der Intervallsprünge, die Ausgeglichenheit der Register und die Substanz der Stimme auch in der Tiefe. Dazu kommt eine überzeugende Glaubwürdigkeit des Singens, man nimmt ihr jedes Wort und jede Note als Äußerung innerer Überzeugung ab. Dass Singen Schwerstarbeit und höchste Konzentration ist, vermittelt der Mezzosopran Marina Prudennskaja, aber was dabei herauskommt, kann sich ebenso hören lassen, wie es erkämpft aussieht. Der Mezzo von schöner Farbe in gleichbleibender Qualität auch in den Höhen, stets Wärme und Festigkeit ausstrahlend, klingt tröstlich selbst in den Teilen der Partie, die das zunächst nicht nahelegen, das Lacrymosa wird in balsamisch wirkendem Ton angestimmt. Die beiden Frauenstimmen harmonieren aufs Schönste miteinander, so im Agnus Dei, und sind beide fähig, ein feines Pianissimo durchzuhalten.

Wer eher einen Donizetti-Tenor als eine dunkle Stimme wie die des jungen Carreras bevorzugt, ist mit Saimir Pigu sehr gut bedient. Die Tenorfanfare strahlt in den Ensembles, das Ingemisco wird von einem schönen Spitzenton gekrönt und das Hostias mit tragfähigem Pianissimo begonnen. An Verinnerlichung des Singens kann es der Tenor mit seinen Kolleginnen nicht aufnehmen. Bassgewaltig ist Orlin Anastassov vor allem für die Ausmalung der Schrecknisse des Jüngsten Gerichts zuständig, seine Stimme ist eher markig als balsamisch oder gar salbungsvoll, auch hier ist die Besetzung Geschmackssache. Entscheidet man sich für eine eher slawische Stimme, die auch Verdi singen kann, dann ist die seine ohne Zweifel erste Wahl. Die Aufnahme gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten der letzten Zeit, lässt wohl keinen Hörer gleichgültig und widerlegt wie viele andere Shaws Bemerkung, das Requiem sei die beste Oper Verdis (Arthaus Blu-ray 108 136).

Ingrid Wanja