Altherrenunterhaltung

 

Eine Altherrenunterhaltung. Müßig ist der Diskurs über Schönheit und Vergnügen, Zeit und Wahrheit. Händel war erst 22 Jahre alt, als er 1707 während seines Italien-Aufenthalts in Rom im Palazzo Pamphili ein zweiteiliges Oratorium mit dem umständlichen Titel Il trionfo del tempo e del disinganno (Der Triumph der Zeit und Erkenntnis) zur Aufführung brachte, wozu ihm der Hausherr den Text geliefert hatte. Der mehr als 30 Jahre ältere Kardinal Pamphili, welcher Scarlatti bereits mit Il trionfo della grazia versorgt hatte, hatte möglicherweise eine ganz andere Sichtweise auf das Thema, das der junge Studienreisende aus dem Norden mit aufmüpfiger Sinnenkraft gestaltete. Aber die gelehrte Diskussionsgrundlage ist eigentlich kein Stück für das Theater, so lebendig Händel die Schönheit, das Vergnügen, die Zeit und die Wahrheit auch „vermenschlicht“ hat, dennoch haben die Regisseure gerade in den letzten Jahren gierig danach gegriffen, so Jürgen Flimm in Berlin (bzw. zuvor bereits in Zürich) oder Calixto Bieito in Stuttgart. 2015 nahm sich in Aix-en-Provence Krzysztof Warlikowski in bewährter Zusammenarbeit mit seiner Ausstatterin Malgorzata Szcześniak des Oratoriums an, das Händel derart beschäftigte, dass er es sich dreißig und fünfzig Jahre später in London als italienisches Oratorium mit Chören und zum Abschluss seines Schaffens als englisches Oratorium nochmals vornahm. Warlikowski holt die vier Figuren der Urfassung, die Eltern, Mutter „Wahrheit“ (disinganno meint eigentlich Enthüllung, Erkenntnis oder Enttäuschung) und Vater „Zeit“, und die Tochter „Schönheit“ samt deren Verehrer „Vergnügen“ noch ein bisschen näher heran, etwa in die70er Jahre des vorigen Jahrhundert und führt uns in brillanter Überblendung von Kino und Probenbühne, Familiendrama und Generationenkonflikt –inklusive einer „Film im Oratorium“-Szene The Science of Ghosts mit dem Philosophen Jacques Derrida über Film, Geister, Erscheinungen und moderne Technologie –  in dem handlungsarmen Stück die Versatzstücke seiner Inszenierungskunst vor (Blueray Erato, 0190295819293).

Wie der Diskurs auszugehen hat, war durch die Form des Oratoriums im Rom des frühen 18. Jahrhunderts vorgegeben: Die Schönheit wird der Verführung entsagen und ein frommes Leben führen. Das Lehrstück lässt Warlikowski im Zuschauerraum eines Kinos stattfinden, auf dessen rückwärtiger Leinwand er Bellezzas Absturz in der Welt der Drogen und sexuellen Ausschweifungen als Schwarzweiß-Vorspiel zeigt  Der Kinosaal ist in der Mitte durch eine schmalen gläsernen Raum in zwei Teile getrennt, in dem beispielsweise bereits während der Ouvertüre ein hübscher Mann in Shirt und Jeans zur Musik wippt, daraus hervortritt und Bellezza durch seine aufreizende Gegenwart, ohne Shirt und Jeans, verführt und später stirbt: die Verkörperung der Jugend. Die Gestalten und weitere Teilnehmer beobachten, auf dem Kinosesseln sitzend, ebenso sich gegenseitig wie die Zuschauer im Théatre de l’ Archevêché, schauen sich und der bitteren Moral sozusagen selbst zu. Brillant gemacht. Die Worte des Kardinals scheinen wie für diese Aufführung geschrieben. Musikalisch von der energischen Emmanuelle Haim und Le Concert d’ Astrée virtuos umgesetzt. Sabine Devieilhe trifft in Spiel und im herb filigranen Gesang recht hautnah den Gestus dieser verirrten und verwirrten jungen Frau, Franco Fagioli fand ich gewöhnungsbedürftig. Bei seiner ersten Arie wirkt seine Stimme gelinde gesagt unruhig, sein in jeder Hinsicht grimassierendes Singen passt zwar gut zu der schmierigen Figur, die Warlikowski aus Piacere macht, ist einem edlen Gesang aber hinderlich; allerdings gelingt ihm der Hit des Oratoriums, „Lascia la spina coglia la rosa“, ganz berückend. Sara Mingardo ist prachtvoll als Disinganno, und Michael Spyres ist als altväterlich bärtiger Tempo für mich eigentlich der Star des Abends.  Rolf Fath