Beethoven ganz nahe

 

Zum Jahreswechsel  steht vielerorts in Konzerten die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven auf dem Programm. „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt!“ Schillers wie in Marmor gemeißelte Botschaft, in ebensolche pathetische Musik gesetzt, geht Menschen bei dieser Gelegenheit besonders nahe. Vielen ist es ein Bedürfnis, sich in Erwartung des neuen Jahres dieser Sinfonie mit der „Ode an die Freude“ hinzugeben. Niemand muss dazu zwingend außer Haus gehen. Es gibt Aufnahmen ohne Ende, die dieses Werk in die gute Stube holen, mit und ohne bewegte Bilder. C major Classics/Unitel Classica hat einen Mitschnitt als Blu-ray-Disc aus dem Wiener Musikverein im Programm. Unter der Leitung von Christian Thielemann spielen die Wiener Philharmoniker (737904).

Wer einen entsprechenden Player sein Eigen nennt, der an einen großformatigen Fernseher und eine gute Stereoanlage angeschlossen ist, sitzt mittendrin. Mit wechselnder Perspektive sind die Kameras geführt. Als würden mit Feldstechern ausgerüstete Besucher im Konzertsaal ständig die Plätze wechseln, mal hinten, mal vorn, mal seitlich, mal oben, dann wieder unten sitzen – oder im Raum herumschweben. Die Architektur des Musikvereins gibt das so gar nicht her. Allenfalls ein großer Saal wie in der Berliner Philharmonie. Orchestermusiker – und damit auch Beethoven – kommen einem sehr nahe. Wehe, wer die Manschetten nicht perfekt gebügelt oder den Termin bei der Maniküre verpasst hat. Allen Beteiligten wird nicht nur das Letzte an ihren Instrumenten abverlangt, sie müssen auch eine perfekte äußere Erscheinung abgeben. Blu-ray-Produktionen wollen das so. Sie geben sich stilbildend für guten Geschmack. In Zeiten von abgerissenen Jeans, Turnschuhen und T-Shirts kann das nicht verkehrt sein.

Thielemann lässt Beethoven spielen, als verneige er sich vor ihm. Er verzichtet auf Attitüden und dirigiert aus dem Gedächtnis – also ohne Partitur, konzentriert und bescheiden. Er scheint selbst tief ergriffen von dem, was unter seinen Händen zum Klingen gebracht wird. Am auffälligsten – und damit ganz Thielemann – sind die wohl dosierten Generalpausen an den richtigen Stellen, in denen sich Spannung für das Folgende aufbaut. Zum Schluss hin zieht er das Tempo gelegentlich an, um dann wieder zart inne zu halten. Er ist auf Klarheit bedacht. Unaufhaltsam geht das Werk seinem großen Finale entgegen. Der Dirigent hält sein Konzept eisern durch. Dabei hat er in dem Solisten-Quartett aus Annette Dasch (Sopran), Mihoko Fujimura (Alt), Piotre Beczala (Tenor) und Georg Zeppenfeld (Bass) höchst versierte künstlerische Mitstreiter. Besonders Zeppenfeld, der am meisten zu singen hat, beeindruckt mit seiner kernigen Stimme. Der Wiener Musikverein, in den viele junge Sänger auffallen, singt tadellos. Das Publikum jubelt. Mit dieser Neunten endet ein Projekt, wie es nur das Medienzeitalter hervorbringen kann. Thielemann und die Wiener Philharmoniker nannten es Beethoven 9. Aufgenommen und abgefilmt wurden alle Sinfonien, flankiert von einer weltweiten Tournee. Am Rande gab es Gespräche zwischen dem Dirigenten und Joachim Kaiser über die jeweiligen Werke, die auch ganz launig sein konnten – nachzuhören und nachzusehen auf der Disc. ORF, ZDF und 3Sat sind mit dabei gewesen.

Beethovens 9. Sinfonie zum Jahreswechsel: An dieser Tradition hat der Dirigent Arthur Nikisch Anteil. Foto: Sammlung Manskopf der Universität Frankfurt am Main

Beethovens letzte Sinfonie an Silvester hat auch einen ganz konkreten historischen Hintergrund, der nach Leipzig führt, wo das Werk auch in diesem Jahr auf dem Programm des Gewandhausorchesters steht, dirigiert vom künftigen Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Angekündigt ist auch Georg Zeppenfeld. Die Idee für diesen festen Termin geht auf eine Anregung des Redakteurs der „Leipziger Volkszeitung“, Rudolf Franz, zurück. Der hielt es für passend, das Werk bei der „Friedens- und Freiheitsfeier“ des Arbeiter-Bildungs-Institut in der Alberthalle des Krystallpalastes in Leipzig aufzuführen. Arthur Nikisch, damals Chef des Gewandhauses, wurde als Dirigent gewonnen. Hundert Musiker, dreihundert Chorsänger und das so genannte Rosenthal-Quartett wirkten bei dem Konzert am 31. Dezember 1918 mit. Wenige Wochen zuvor war der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Das Quartett hatte einen sehr guten Ruf, der über Leipzig hinaus ging. Ihn gehörten der Kiefernchirurg Wolfgang Rosenthal, der bei dem bedeutenden Wagner-Sänger Karl Scheidemantel Gesang studierte, seine erste Frau Ilse Helling-Rosenthal (Sopran), seiner späteren zweiten Frau Marta Adam (Alt) und der Tenor Hans Lissmann an. 1922 starb Nikisch. Nun leiteten seine Nachfolger Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter die Aufführungen, die allerdings keine Gewandhaus-Konzerte waren. Auch Hermann Scherchen stellte sich als Dirigent zur Verfügung. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Gewandhausorchester die Tradition als eigene Veranstaltung wieder auf. Seitdem erklingt die Neunte alljährlich. Rüdiger Winter