Die vielen Gesichter der Sasha Waltz

Rechtzeitig zu Sasha Waltz’ Neuinszenierung von Wagners Tannhäuser an der Berliner Staatsoper legt ARTHAUS MUSIK eine DVD mit einem Porträt der Choreografin von Brigitte Kramer vor (Sasha Waltz:A Portrait/102 182). Es beschreibt die Arbeit der Künstlerin von den Anfängen bis zur Gegenwart, beginnend mit einem Bericht über das Projekt „Sasha Waltz. Installationen. Objekte. Performances“ bei der Ausstellung ZKM 2013 in Karlsruhe. Der Titel trifft den Stil der Choreografin sehr genau, hat sie doch ein ganz besonderes Verhältnis zum Raum, sucht immer wieder neue Aufführungsorte für ihre Produktionen, die mehr Performances sind als Tanztheater und erst recht keine Ballettaufführungen. Sie mag Werkhallen, Fabriken, ungenutzte verfallene Säle, Museen. In den 1990er Jahren fand sie im Künstlerhaus Betanien und in den Sophiensälen geeignete Räume für ihre freien Produktionen. Im Jahre 2000 ging sie an die Berliner Schaubühne, die damit zum Zwei-Sparten-Haus wurde, und zeigte dort erstmals ihr Stück Körper, mit dem sie Tanzgeschichte schrieb. Danach folgte S, in welchem sie Sexualität, Schmerz und Scham thematisierte. Abschluss der Körper-Trilogie war noBody 2002, das nach der Geburt ihres ersten Kindes und dem Tod der Mutter entstand und von Abschied, Ängsten und dem Prozess des Sterbens handelt. Nachdem sich Differenzen mit der Leitung der Schaubühne häuften, verließ sie das Haus und fand im Radialsystem eine neue Wirkungsstätte für ihre Compagnie Sasha Waltz & Guests, zu der inzwischen Tänzer aus 31 Ländern gehören.

1999 hatte sie im Berliner Jüdischen Museum von Daniel Libeskind schon einmal das Museum als Ort für ihre Kunst genutzt. Ein Ereignis war dann 2009 die Einweihung des wieder errichteten Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel mit den „Dialogen 09“, wo sie auch selbst als Tänzerin auftrat. Das Programm wurde im selben Jahr auch in Zaha Hadids Museum der Künste des 21. Jahrhunderts MAXXI in Rom gezeigt Sie schuf damit ein neues Genre, „Tanzszenen im Museum“ – einige davon hat sie in dem Programm „Continu“ zusammengefasst.

Eine Tanz-Szene stammt aus einer der jüngsten Arbeiten der Choreografin, Strawinskys Sacre du printemps, die aus Anlass des 100. Jahrestages der Uraufführung entstand und nach St. Petersburg, Paris und Brüssel auch in Berlin gezeigt wurde. Rückblickend bringt der Film die wichtigen Stationen im Künstlerleben der Waltz – auch die Bahn brechende Inszenierung von Purcells Dido and Aeneas mit dem spektakulären Wasserbecken, in dem die Tänzer schwimmen, auf der Berliner Waldbühne 2011 und dann in der Staatsoper.

Eine Arbeit von 2004 heißt „Impromptus“ (auf Musik von Schubert) und war als Studie für Dido, ihre erste Opern-Inszenierung, mit der sie das Genre der „Choreografischen Oper“ kreierte, gedacht. Inzwischen ist sie, ausgehend vom Barock, bis zur zeitgenössischen Oper vorgestoßen, was ihre Produktionen von Pascal Dusapins Medea (2007), wo sie die Körper eines steinernen Frieses lebendig werden lässt, und Passion (2010) oder Toshio Hosokawas Matsukaze (2011) belegen.

Der Film gewährt auch Einblicke in Sasha Waltz’ Privatsphäre, lässt sie selbst ausführlich in Interviews zu Wort kommen. Sie spricht über ihre Ausbildung als Tänzerin in Amsterdam und New York, ihre Anfänge als Choreografin, die ersten Erfolge. Zu sehen sind Szenen aus ihrem Kultstück Allee der Kosmonauten (1996), mit dem die Sophiensäle eröffnet wurden und in dem sie Elemente des Slapstick nutzt. Schauplatz ist eine nachgestellte Neubauwohnung von Marzahn, in der das auf einem Berliner Flohmarkt erstandene Sofa eine Hauptrolle spielt. Ihr Ehemann Jochen Sandig, mit dem sie ihre Compagnie gründete und der als deren Künstlerischer Direktor fungiert, ist bis heute in allen Dingen ihr Berater. Er schildert die spontane Liebe beim ersten Betreten der Sophiensäle, die er für seine Frau und die Compagnie entdeckt hat. Der Vater, Friedrich Waltz, spricht über die Jugend seiner Tochter, ihre Schwester, Yoreme Waltz, über das gemeinsame Theaterspielen und das Hochzeitskleid einer Tante, das für die Auftritte als Umhang oder Schleier spielerisch genutzt wurde.

Sasha Waltz verschweigt nicht ihren Zusammenbruch nach der sie überfordernden Arbeit mit Berlioz’ Roméo et Juliette an der Pariser Opéra, räumt ein, dass sie am bevorstehenden Tannhäuser an der Berliner Staatsoper vielleicht auch scheitern könnte. Von ihrer ersten Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim an diesem Haus, einem dreiteiligen Ballettabend mit Debussys „L`Après-midì d’un faune“, der „Scène d’Amour“ aus Roméo et Juliette und dem Sacre sind Ausschnitte zu sehen. Inzwischen ist ihr streitbarer Tannhäuser im Schiller Theater schon Vergangenheit, spaltete das Publikum und weckt die Spannung, ob sie bei der Wiederaufnahme in der nächsten Saison weiter an ihrer Choreografie und Inszenierung arbeiten wird. Die Staatsoper könnte möglicherweise eine neue Heimstatt für die Gruppe werden. Denn deren Zukunft ist wegen der angekündigten Sparmaßnahmen des Berliner Senats ungewiss. Auch die Deutsche Oper Berlin hat Sasha Waltz in der nächsten Spielzeit im Programm und bringt ihre Produktion von Berlioz’ Roméo et Juliette. Die DVD mit ihrem reichen Material ist ein würdiges Geschenk zu Sashas Waltz’ 50. Geburtstag und dem 20jährigen Bestehen ihrer Compagnie, zudem eine Fundgrube für alle Freunde des zeitgenössischen Tanzes. Sie enthält noch einen zweiten Film von Brigitte Kramer, Garten der Lüste, der mit ähnlichem Bildmaterial arbeitet, sich aber mehr auf die Jahre zwischen 1992 und 2007 konzentriert. Ein zusätzlicher Bonus hält Probenausschnitte aus den „Dialogen 06 – Radiale Systeme“ fest.

Bernd Hoppe