Vielbeiniges

 

Bei OPUS ARTE: Mayerling zum Dritten. Kenneth MacMillans Ballett Mayerling zählt zu den bedeutendsten Schöpfungen des Choreografen. Uraufgeführt wurde es am 14. Februar 1978 am Royal Opera House London, wo es seither immer wieder in neuen Besetzungen zu erleben ist. OPUS ARTE veröffentlicht jetzt bereits die dritte Aufzeichnung nach 1994 (mit Irek Mukhamedov in der Titelrolle) und 2009 (Edward Watson). Der aktuelle Interpret ist Steven McRae, ein in London hoch geschätzter Tänzer, der sich dieser fordernden Rolle nach einer längeren Pause stellte und sie mit Bravour bewältigte. Im Bonus spricht er über die kritische Zeit seiner Verletzung und Operation sowie das nachfolgende harte Training im Studio, um zu seiner Form zurückzufinden. Als Feature findet sich außerdem ein Gespräch mit dem Ballet Coach Leanne Benjamin, früher Principal der Company, und Darcey Bussell, viele Jahre gleichfalls Principal und in der Aufführung von 1994 als Mitzi Caspar, Rudolfs favorisierter Prostituierter, beteiligt.
Für das Stück hat John Lanchbery Kompositionen von Franz Liszt orchestriert und arrangiert. Es behandelt die historischen Ereignisse um den österreichisch-ungarischen Kronprinzen Rudolf, der sich 1889 auf dem Jagdschloss in Mayerling das Leben nahm, nachdem er zuvor seine 17jährige Geliebte Mary Vetsera mit ihrem Einverständnis erschossen hatte. Die Handlung beginnt dann auch mit einem Prolog, der auf dem Friedhof von Heiligenkreuz die heimliche Beerdigung des Paares zeigt. In der Presse wurde der tragische Doppelselbstmord romantisch verklärt. Die folgenden drei Akte mit insgesamt elf Szenen führen in den Ballsaal der Wiener Hofburg, die Gemächer von Kaiserin Elisabeth und Rudolf sowie ein berüchtigtes Gasthaus und das Anwesen der Familie Vetsera, deren Tochter Mary Rudolfs Mätresse ist. Mit einem Epilog, der die Friedhofsszene des Beginns wiederholt, schließt sich der Kreis.
MacMillan zeigt Rudolf in seiner gespaltenen Psyche, der inneren Zerrissenheit und pathologischen Sucht, die schließlich zu seinem Niedergang führt, in Atem beraubenden Soli und Pas de deux. Letztere sind von gewagter Körperlichkeit, existentiellem Gewicht und höchstem technischem Anspruch. McRae, der in den beiden vorausgegangenen Veröffentlichungen noch den Bratfisch, Rudolfs Privatchauffeur und virtuoser Entertainer im Gasthaus, getanzt hatte, reiht sich nun mit seiner Interpretation der Titelrolle würdig ein in seine illustren Vorgänger.
Im 1. Akt im Ballsaal der Wiener Hofburg werden bereits fünf Frauen aus Rudolfs Umkreis eingeführt – seine Braut, Prinzessin Stephanie (Meaghan Grace Hinkis), Prinzessin Louise, mit der er bei seiner Hochzeit schamlos flirtet (Anna Rose O’Sullivan), Countess Marie Larisch, mit der er eine frühere Beziehung hatte (Laura Morera), Baroness Vetsera (Elizabeth McGorian) und deren Tochter Mary (Sarah Lamb). Der leidenschaftliche Pas de deux mit Marie Larisch, die versucht, die einstige Beziehung mit Rudolf wiederherzustellen, ist der erste tänzerische Höhepunkt. Der nächste ist die verzweifelte Konfrontation mit seiner Mutter, Kaiserin Elisabeth (Kristen McNally), in der er versucht, ihr Mitgefühl über seine erzwungene und unglückliche Ehe zu wecken. Das Ende des 1. Aktes zeigt die Hochzeitsnacht mit Stephanie, in der er sie mit einem Revolver und Totenschädel erschreckt und damit erstmals seine suizidale Neigung offenbart. Dann aber fliegen beide im Tanz dahin, schwebend leicht und mit ekstatischer Steigerung.
Der 2. Akt führt in das berüchtigte Gasthaus, wo sich Rudolf mit seiner Gattin einfindet. Ihre traurige Stimmung wegen des verrufenen Ortes versucht Bratfisch zu zerstreuen. Das ausgelassene, sprungreiche Solo tanzt James Hay solide, ohne McRae in den vorangegangenen Produktionen vergessen zu machen. Die frivole Atmosphäre mit den Prostituierten und ihren Kunden erinnert an die Abendgesellschaft im Nobelbordell der Madame in MacMillans Manon. Und der aufreizende Tanz der Mitzi Caspar (Mayara Magri) hat sein Vorbild in Manons provozierendem Auftritt ebendort. Großen Effekt machen die vier ungarischen, mit Rudolf befreundeten Offiziere (Marcellino Sambé, Reece Clarke, Thomas Mock, Calvin Richardson) mit ihren vehementen Sprüngen und Pirouetten. Auch er selbst hat eine fordernde, bis zum Taumel führende Variation sowie ein Duo mit Mitzi, in welchem er ihr den gemeinsamen Selbstmord vorschlägt.
Das Geschehen ist im Folgenden fokussiert auf Rudolf und Mary, der Countess Larisch beim Kartenspiel eine glückliche Zukunft prophezeit, so dass sie ihr einen Brief für Rudolf mitgibt. Bald folgt beider erstes Treffen in Rudolfs Gemächern der Hofburg. In einem aufreizenden durchsichtigen Chiffongewand erweckt sie sofort Rudolfs Begierde, der Pas de deux knistert vor erotischer Spannung. Lamb und McRae erweisen sich hier als Traumpaar – sie in einer Mischung aus Keuschheit und Laszivität, er von animalischer Wildheit und pathologischer Selbstzerstörung.
Bei einer Jagd hatte Rudolf verwirrt um sich geschossen, ein Mitglied des Hofes getötet und den Kaiser nur knapp verfehlt. Das nächste Treffen mit Mary im Jagdschloss Mayerling nutzt er, um gemeinsam mit ihr zu sterben. Beider letzter Pas de deux ist ein Gipfel der Tanzkunst und reicht in seiner existentiellen Dimension an jenen von Manon und Des Grieux heran. Die Tänzer setzen MacMillans geniale Choreografie mit bedingungsloser Hingabe und ekstatischer Leidenschaft um.
Die Aufführung wird bereichert durch die atmosphärische Ausstattung von Nicholas Georgiadis mit stimmungsvollen Interieurs und kostbaren Kostümen. Die schwelgerische, oft auch dramatisch aufgeheizte Musik spielt das Orchestra of the Royal Opera House unter Leitung von Koen Kessels klangvoll und fesselnd. Bernd Hoppe

 

Getanzte Weltliteratur bei BelAir: In der aufreizenden Pose eines Mädchens wie auf einem Balthus-Gemälde sitzt Hedda Gabler im Ohrensessel ­– es ist das Cover der Neuausgabe des gleichnamigen Ballettes bei BelAir (Bluray BAC567).  Das auf Henrik Ibsens Schauspiel basierende Tanzstück hat die norwegische Choreografin Marit Moum Aune in einer Mischung aus Neoklassik und Ausdruckstanz beim Norwegian National Ballet herausgebracht. Nach Ibsens Geistern ist es ihre zweite Auseinandersetzung mit einem Werk des norwegischen Dichters. Die Musik dazu schuf Nils Petter Molvaer. Es sind oft monoton klopfende, pochende Geräusche, dann wieder sphärische, rätselhafte Klänge. Im Oktober 2017 wurde die Aufführung im Opernhaus von Oslo aufgezeichnet. In der surrealen Ausstattung von Even Borsum hängen Möbel in der Luft, erscheinen Figuren im Frack mit Fischköpfen (Kostüme: Ingrid Nylander).

Während Ibsens Stück mit der Rückkehr Heddas und ihres Mannes Jorgen Tesman (Philip Currell) von einer Hochzeitsreise beginnt, lässt Marit Moum Aune das Ballett mit einer Erinnerung an Hedda als Kind (Erle Ostraat) mit ihrem Vater, General Gabler (Kristian  Alm), einsetzen. Man sieht ein verwöhntes, selbstbewusstes Geschöpf im Reitkostüm mit Zylinder. Dann folgt ein Zeitsprung mit der Ankunft von Eilert Lovberg (Silas Henriksen), einem früheren Verehrer Heddas, in der Stadt. Zwischen ihnen besteht noch immer eine starke erotische Anziehung, was beider Körper betonter, fast aggressiver Tanz sehr eindrücklich darstellt. Die folgende Szene mit der nackten Hedda und ihrem Mann, der sich nur seinen Bücherstapeln widmet und von ihr keinerlei Notiz nimmt, ist ein ernüchternder Einblick in die Beziehung des Paares. Zudem hat er offenbar ein Verhältnis mit seiner Tante Julie (Samantha Lynch), bei der er aufgewachsen ist. Trotz der tiefen Kluft zwischen den Eheleuten ist Hedda schwanger, was sie Assessor Brack (Shane Urton), einem Freund der Familie, anvertraut. Lovberg stellt für Heddas Mann, der auf ein Professorenamt an der Universität hofft, einen Konkurrenten dar. Denn er ist ein begabter, doch alkoholabhängiger Bohemien, der von Thea Elvsted (Eugenie Skilnand) geliebt wird, die für ihn ihren Mann verlassen und mit ihm zwei Buchmanuskripte geschrieben  hat. Eine gespenstische Atmosphäre stellt sich bei einer Party im Hause von Brack ein, wo schwarze, verschleierte Gestalten unter Anführung der Tante wie Todesboten erscheinen. Lovberg verliert das Manuskript seines neuen Buches. Tesman findet es und vertraut es seiner Frau an. Sie aber verbrennt es und händigt Lovberg eine Pistole aus, aus der sich zufällig ein Schuss löst und zu seinem Tode führt. Brack nutzt sein Wissen, von wem die Waffe stammt, Hedda zu seiner Geliebten zu machen. Grete Sofie Borud Nybakken in der Titelrolle ist ein Ereignis. Sie verdeutlicht alle Facetten der Figur bezwingend, ist lasziv, launisch, mondän, herrschsüchtig, trotzig, wild, verzweifelt und am Ende eine Gebrochene, die sich den tödlichen Schuss aus der Pistole gibt. Bernd Hoppe

 

Ein neuer Preljocaj bei Naxos: Für sein Ballett Le Parc wurde der Choreograf Angelin Preljocaj 1995 mit dem renommierten Benois de la Danse – dem Oscar der Tanzwelt – ausgezeichnet. Es ist seine bisher berühmteste Schöpfung geblieben. Gleichwohl ist der Franzose bekannt für seine hohe Produktivität, arbeitet auch für die Filmbranche und kreiert Werbespots für die Parfümindustrie. Bereits 1984 gründete er seine eigene Compagnie – das Ballet Preljocaj –, die seit 2006 ihren Sitz im Pavillon Noir in Aix-en-Provence hat.

Angelin Preljocaj Wikipedia

Die neue Kreation La Fresque (The Painting on the Wall), die Naxos auf Blu-ray Disc veröffentlicht (NBD0094V), wurde im Juni 2017 im Théatre de la Criée von Marseille aufgezeichnet. (Im Bonus der DVD wird allerdings September 2018 als Entstehungsdatum genannt.) Das Ballet basiert auf einer chinesischen Erzählung. Vor Zeiten suchten die beiden Reisenden Chu und Meng an einem regnerisch-stürmischen Tag Zuflucht in einem Tempel, in dem ein Einsiedler lebte, der sie einlud, einzutreten und ein wunderbares Fresco an der Tempelwand zu betrachten. Es zeigt eine Gruppe junger Mädchen mit Sonnenschirmen, eines davon pflückt Blumen, lächelt bezaubernd, hat rote Lippen und strahlende Augen. Chu ist derart fasziniert von diesem Anblick, dass er das Mädchen intensiv und anhaltend betrachtet  und schließlich gänzlich in dem Bild aufgeht. Nach Jahren des Glücks wird er von Kriegern aus der Welt des Frescos vertrieben, kehrt in die reale Welt zurück, wo er Meng wieder trifft. Beide schauen erneut auf das Bild, aber das Mädchen trägt nun alle Anzeichen einer verheirateten Frau.

Die Musik komponierte Nicolas Godin, der bereits 2003 für Preljocajs Near Life Experience den Sound kreiert hatte. Für La Fresque schuf er träumerische, mysteriöse Klänge, die den märchenhaften Charakter des Stückes atmosphärisch grundieren. Die Kostüme stammen von dem tunesischen Designer Azzedine Alaïa, der schon für Claudette Colbert und Greta Garbo gearbeitet und 1989 die berühmte Robe der französischen Tricolore  für Jessye Norman entworfen hatte. Bühne und Videos gestaltete Constance Guisset, die bereits 2009 mit Preljocaj bei seinem Solo La funambule zusammenarbeitete.

Wie Insekten kriechen die beiden Reisenden herein, um dann zu kraftvollen Sprüngen und Drehungen zu wechseln. Das Fresco wird von Tänzerinnen dargestellt, die in kurzen Hemdchen ekstatisch ihre  Körper schütteln und sich zu Gruppenskulpturen vereinen. Die Begegnung von Chu mit dem Mädchen ist von somnambulem Zuschnitt, wirkt in slow motion wie eine Traumsequenz. Beider nachfolgender Pas de deux vor einem nächtlichen Sternenhimmel wird gleichermaßen von sportiver Energie wie verrätselter Zweisamkeit getragen. Das sich anschließende Solo des Mädchens ist in seinem aufbegehrenden Gestus ein  Höhepunkt der Choreografie, wie auch ein Maskentanz, der für einen turbulenten Wirbel sorgt. Raffiniert ist eine Figurenskulptur als Schattenriss mit drei Tänzern, deren Arme wie bei einer Spinne oder einem Tausendfüßler abstehen. Viele Szenen sind in ihrer Rätselhaftigkeit schwer zu deuten. Das Booklet enthält leider auch keine Trackliste mit Angaben zu den einzelnen Episoden. Gleichwohl besitzt diese Veröffentlichung ihren Reiz und ist allen Freunden des modernen Tanztheaters zu empfehlen. Bernd Hoppe

 

Bei BelAir: Puppenzauber aus dem Bolshoi. Die verfügbaren Aufnahmen von Léo Delibes’ Ballett Coppélia sind überschaubar – Referenzstatus besitzt noch immer die BBC-Produktion vom Royal Ballet London aus dem Jahre 2000 mit Leanne Benjamin als Swanilda und Carlos Acosta als Frantz. Auch beim Ballet de l’Opéra national de Paris, wo  das Stück 1870 zur Premiere kam, gehört es noch heute zum Kernrepertoire. 2001 gab es eine Aufzeichnung der Choreografie von Arthur Saint-Léon aus dem Palais Garnier mit Charline Giezendanner und Mathieu Ganio in den Hauptrollen, zehn Jahre später hatte Patrice Bart die Choreografie überarbeitet und mit den Étoiles Dorothée Gilbert und Mathias Heymann herausgebracht.

Nun bietet BelAir die Blu-ray Disc einer Aufführung des Moskauer Bolshoi Ballets von 2018 (BAC463), die besonderes Interesse erweckt durch die gezeigte Choreografie von Marius Petipa und Enrico Cecchetti – also eine Novität auf dem Musikmarkt. In Sammlerkreisen und auf youtube existiert zwar ein Dokument dieser Produktion von 2011 aus Moskau mit Natalia Osipova und Vyacheslav Lopatin, das weltweit in die Kinos übertragen, aber nicht kommerziell veröffentlicht wurde. Gegen diese Starbesetzung haben es Margarita Shrayner und Artem Ovcharenko in der neuen Ausgabe natürlich schwer. Bezaubernd und jung sind sie, aber das technische Finish ihrer Vorgänger besitzen sie noch nicht. Im Vergleich zur Osipova wirkt Shrayner wie eine Solistin aus der zweiten Reihe – trotz ihrer jugendlichen Anmut und des naiven Zaubers. Gleichwohl bewältigt sie die virtuosen Anforderungen der Rolle mit leichtfüßigem und munterem Vortrag – aber eben ohne die Aura einer Assoluta.  Die Automatik einer mechanischen Spielzeugfigur gelingt ihr überzeugend, ebenso das  temperamentvolle Solo in Coppelius’ Kabinett.

Ovcharenko wirkt männlicher als Lopatin, weniger zart und feingliedrig, besitzt aber nicht dessen Charisma. Er ist ein sympathischer und tänzerisch solider Bursche, dem man Swanilda gern gönnt, die er am Ende im großen Pas de deux wahrhaft auf Händen trägt und darüber hinaus in seiner Solovariation glänzt. Alexey Loparevich ist als Coppelius der gebührend wunderliche und skurrile alte Kauz. Das Corps de ballet kann sich in den zahlreichen Nationaltänzen profilieren – der Mazurka zu Beginn, dem Czárdás am Ende des 1. Bildes, dem Walzer im 2. Akt und dem Galopp im Finale.  Im Kabinett von Coppelius sieht man brillante Episoden von Solotänzern als mechanische Puppen. Das Orchester des Staatlichen Akademischen Bolshoi Theaters leitet Pavel Sorokin mit Schwung und Temperament, aber auch elegischen Lyrismen.

Die märchenhafte Bühne von Boris Kaminsky ist entzückend, nicht minder reizvoll sind die farbenfrohen Kostüme von Tatiana Noginova. Die Aufführung in ihrer Pracht und Poesie ist ein Vergnügen für Jung und Alt. Bernd Hoppe

 

Bei OPUS ARTEGiselle in neuem Gewand. Den modernen choreografischen Versionen von Adolphe Adams Ballett Giselle (Mats Ek, Boris Eifman, David  Dawson u.a.) fügt OPUS ARTE eine weitere hinzu – die des Choreografen Akram Khan vom English National Ballet, die 2016 in Manchester ihre Premiere erlebte (OA BD72544 D). Nach Adams Originalkomposition hat Gavin Sutherland eine elektronische Klangcollage erstellt, die vom English National Ballet Philharmonic unter Matthew Scrivener realisiert wird. Die DVD-Veröffentlichung vom Oktober 2017 aus Liverpool bezieht ihre Attraktivität vor allem aus der Mitwirkung von Tamara Rojo in der Titelrolle. Die spanische Tänzerin, einst Principal Dancer beim Royal Ballet London und seit 2012 Artistic Director des English National Ballet, hat in ihrer Karriere alle großen klassischen Rollen getanzt (Odette/Odile, Kitri, Nikia, Julia, Manon, Marguerite und viele mehr), natürlich auch die Giselle in der Originalchoreografie von Coralli/Perrot. Hier nun stellt sie sich der Herausforderung, die Partie in einem völlig konträren Tanzstil zu interpretieren. Denn der Choreograf, dessen Eltern aus Bangladesch stammen, lässt in seine Arbeiten, die auf der Neoklassik und dem zeitgenössischen Tanz fußen, auch Elemente des indischen Tanzstils Kathak einfließen. Rojo bewältigt diesen Anspruch bewundernswert, tanzt auf Halbspitze voller Kraft und Energie, vermittelt im Ausdruck das Schicksal der Titelfigur mit bezwingender Eindringlichkeit. Giselle gehört in dieser Fassung zur Gemeinschaft von eingewanderten Arbeitern in einer Textilfabrik. Sie sind Outcasts, Ausgestoßene – für die Fabrikherren, die ihren Reichtum in extravaganten Roben zur Schau stellen, nichts weiter als eine Art exotischer Unterhaltung. Durch eine hohe Mauer sind sie von der Außenwelt abgeschieden (Ausstattung: Tim Yip). Unzählige Hände haben darauf ihre Abdrücke hinterlassen und zeugen von den vielen vergeblichen Befreiungsversuchen. Der Choreograf erinnert in seiner Deutung an die dramatische Situation von Migranten und Flüchtlingen – ob in Manchester, einem Zentrum der Textilindustrie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, oder in Bangladesch, wo sich die Textilfabriken heute konzentrieren. Somit gelingt ihm ein Verbindungsglied zwischen dem Ort der Uraufführung des Balletts und seiner Heimat.

Dramaturgisch folgt Khan dem Szenarium von Théophile Gautier (nach Heinrich Heine). Albrecht (James Streeter) mischt sich verkleidet unter die Fabrikarbeiter, findet Giselles Zuneigung, was in einem neoklassischen Pas de deux von starken Emotionen gezeigt wird. Deutlich herausgearbeitet ist die Rivalität zwischen Albrecht und Hilarion (Jeffrey Cirio), die bis zu körperlicher Aggressivität geht. Nach der Offenbarung von Albrechts Betrug umringen alle schützend und tröstend die verzweifelte, einsame Giselle. Für den 2. Akt öffnet sich die Wand und zeigt eine gespenstische Fabriklandschaft mit verstorbenen Arbeiterinnen, die sich für das an ihnen begangene Unrecht rächen wollen. Ihre Anführerin ist Myrtha in zerfetztem Tutu und von pathologischer Wesensart. Stina Quagebeur gibt sie, auf Spitze tanzend, in schizophrenem Habitus, bringt Giselle zum Erwachen, die nun gleichfalls auf Spitze tanzt. Myrtha und die Willis bedienen sich langer Stangen, um jeden Eindringling in ihr Reich (wie Hilarion)  brutal zu töten. Albrecht aber entgeht seiner Strafe durch Giselles Vergeben und ihre unverbrüchliche Liebe zu ihm. Fassungslos verfolgt Myrtha diesen ihr unverständlichen Vorgang. Mit Giselle und den Willis muss sie den Ort verlassen, während Albrecht, nunmehr auch er ein Outcast, allein zurückbleibt. Bernd Hoppe

 

Bei OPUS ARTE: Londoner Ballett-Ereignisse. Für alle Ballettfreunde veröffentlicht OPUS ARTE eine Schatztruhe mit 15 DVDs (OA BD7210 BD), welche 22 Aufführungen des Royal Ballet London festhält, die einen imponierenden Überblick über die Bedeutung dieser renommierten Compagnie bieten. Man findet darin Arbeiten von allen berühmten Choreografen der Insel, beginnend mit dem Grandseigneur der britischen Tanzkunst Frederick Ashton über Meisterwerke von Kenneth MacMillan bis zu den zeitgenössischen Vertretern Wayne McGregor und Christopher Wheeldon. Natürlich werden in der Anthologie auch die unvergänglichen Ballettkreationen von Marius Petipa und Lev Ivanov berücksichtigt. Viele davon (wie Don Quixote mit Marianela Nuñez und Carlos Acosta, Swan Lake mit Nuñez und Thiago Soares, The Winter’s Tale mit Edward Watson, La Fille mal gardée mit Natalia Osipova und Steven McRae oder Rhapsody mit diesen beiden Startänzern wurden hier bereits besprochen, deshalb soll sich dieser Artikel auf die noch nicht rezensierten Produktionen konzentrieren.

Hochwillkommen ist die Entscheidung, für Giselle jene Aufführung zu wählen, mit der Natalia Osipova 2014 ihr Debüt beim Royal Ballet gegeben hatte. Sie gilt aktuell als die weltweit führende Interpretin dieser Rolle und ist die legitime Nachfolgerin von Principals wie Alina Cojocaru und Marianela Nuñez, die jahrelang diese Partie in London verkörperten. Technisch ist ihr Auftritt von erhabener Vollendung, aber auch darstellerisch gibt es – bis auf Natalia Makarova – kaum vergleichbare Darstellungen von solcher Wahrhaftigkeit und Tiefe. Das Dokument ist auch deshalb von Bedeutung, weil es eine Interpretation des Albrecht von Carlos Acosta festhält, der sich inzwischen von der Bühne zurückgezogen hat und kürzlich mit dem Film Yuli von sich reden machte. Eine Myrtha von eiskalter Gnadenlosigkeit, vor deren Blick man sich fürchtet, ist Hikaru Kobayashi, wenn auch technisch nicht so perfekt wie die Nuñez in einer früheren Veröffentlichung.

Die argentinische Ausnahmetänzerin Marianela Nuñez ist auch die Gamzatti in La Bayadère, die stolze Tochter des Rajah, die den berühmten Krieger Solor begehrt und ihre Rivalin, die Tempeltänzerin Nikiya, aus dem Wege räumt. Tamaro Rojo gibt diese mit orientalischer Aura und stupender Biegsamkeit. Auch hier, 2009, ist Carlos Acosta der männliche Star des Abends, der im berühmten Schattenreich in seiner Variation für überwältigende Effekte sorgt.

Von den Tschaikowsky-Klassikern ist eine Aufführung von The Sleeping Beauty aus dem Jahre 2006 von besonderem Interesse, hält sie doch Alina Cojocaru als bezaubernde Prinzessin Aurora fest. In Federico Bonelli hat sie einen nicht minder charismatischen Partner als Prinz Florimund zur Seite. Beide sorgen im finalen Grand pas de deux für Tanzkunst von höchster Vollendung.

Von 2009 stammt The Nutcracker, bei dem Peter Wright Ivanovs Originalchoreografie bearbeitet hat und zu einer originellen Lesart gekommen ist. Bei ihm ist Drosselmeyer (der große Charakterdarsteller Gary Avis) ein Handwerker, der mechanisches Spielzeug herstellt und mit seinen Fallen die Rache der Mäusekönigin hervorrief, die seinen Neffen in einen hässlichen Nussknacker verwandelte. Der berühmte Grand pas de deux im letzten Akt, der im Garten der Zuckerfee stattfindet, ist Miyako Yoshida und Steven McRae zugeordnet, die diesen mit aristokratischer Bravour zelebrieren und zu einem Höhepunkt der Aufführung werden lassen.

Die Reihe der Ashton-Kreationen beginnt mit Sylvia in einer Aufführung von 2005, hochkarätig besetzt mit Darcey Bussell in der Titelrolle und dem italienischen Superstar Roberto Bolle als Schäfer Aminta, der noch heute gelegentlich in London auftritt. Bussell beherrschte viele Jahre Covent Gardens Tanzbühne und ist heute der Host bei den weltweiten Kinoübertragungen der Company.

Von MacMillan finden sich zwei berühmte Schöpfungen in der Sammlung – Romeo and Juliet vom März 2012 und  Mayerling aus dem Jahre 2009. In der Shakespeare-Tragödie ist das Titelpaar mit Federico Bonelli und Lauren Cuthbertson bezaubernd und gebührend jugendlich besetzt.

Das Ballett über den Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn mit der Musik von Liszt existiert bereits in mehreren Interpretationen auf DVD. Hier ist die von Edward Watson festgehalten, dem bedeutenden Charaktertänzer von Covent Garden. Um ihn schart sich eine Reihe großer Persönlichkeiten – angefangen von Steven McRae als Rudolfs Fahrer Bratfisch über Sarah Lamb als Countess Maria Larisch bis zu Laura Morera als Prostituierte Mitzi Caspar. Erwähnenswert ist der Auftritt von Sergei Polunin, dem später gefeierten Tanzidol, als einer der vier ungarischen Offiziere. (Er war dann auch der Jack in Wheeldons Ballett Alice’s Adventures in Wonderland neben Lauren Cuthbertson in der Titelrolle, das hier bereits besprochen wurde.)

McGregors Arbeiten wurden dagegen auf diesen Seiten noch nicht berücksichtigt. Sein Chroma von 2010 versammelt eine illustre Tänzerelite – von Federico Bonelli und Steven McRae über Sarah Lamb und Laura Morera bis zu Tamara Rojo und Edward Watson. Erstaunlich, wie sich diese Stars der Klassik in den bizarren Bewegungsduktus einbringen, als wäre dieser Stil für sie das Natürlichste der Tanzwelt. Auch Infra auf Musik von Max Richter aus dem Jahre 2008 sieht große Namen auf der Besetzungsliste – Leanne Benjamin, Lauren Cuthbertson, Marianela Nuñez und Edward Watson. Die Bewegungssprache ist hier automatisierter, die Musik weniger aggressiv denn sphärisch. Dass beim Royal Ballet alle diese zeitgenössischen Produktionen prominent besetzt sind, beweist schließlich Limen von 2009, wo Leanne Benjamin, Sarah Lamb, Steven McRae, Marianela Nuñez und Edward Watson für faszinierende Auftritte in einem fremdartig digitalen Ambiente sorgen.

Die prachtvolle Ausgabe begleitet ein reich bebildertes Buch mit Beiträgen über die Company, ihr Repertoire und Handlungsangaben der insgesamt 22 Ballette. Für Ballettliebhaber ist sie ein Muss und wegen ihrer reichen stilistischen Vielfalt geradezu eine Chronik des Royal Ballet. Bernd Hoppe

 

 

Le Corsaire aus Wien: Erfreut registriert der Ballettomane den wachsenden DVD-Zuwachs von Produktionen des Wiener Staatsballetts. Nach dem Schuber mit drei Nurejew-Choreografien (Schwanensee, Nussknacker, Don Quixote) bei Cmajor erscheint nun bei NAXOS Le Corsaire mit der Musik von Adolphe Adam und weiteren Komponisten, so Cesare Pugni und Riccardo Drigo  (2.110594). Das Stück ist auf dem Musikmarkt nicht oft vertreten – Referenzaufnahme ist noch immer die Aufführung des American Ballet Theatre aus der Saison 1998/99 mit Julie Kent, Ethan Stiefel und Angel Corella bei ARTHAUS. Der letzte Zugang war eine Aufzeichnung vom English National Ballet, die im Januar 2014 im Londoner Coliseum entstand und ihre Attraktivität aus der Mitwirkung von Alina Cojocaru in der weiblichen Hauptrolle der Medora bezog.

Die Neuveröffentlichung aus Wien, gefilmt im März/April 2016, fußt auf der gelungenen Choreografie von Manuel Legris (nach Petipa), einst gefeierter Étoile beim Ballet de l’Opéra de Paris und seit 2010 Direktor des Wiener Staatsballetts, wo er vor allem die legendären Kreationen von Rudolf Nurejew wieder belebte. Luisa Spinatellis Ausstattung ist superb in ihrer Farbkultur, dem orientalischen Kolorit und den atmosphärischen Schauplätzen.

Ein starkes Tänzeraufgebot macht die Aufführung zum Ereignis.  In den weiblichen Rollen der Medora und Gulnare rivalisieren Maria Yakovleva und Liudmila Konovalova. Erstere besticht mit aristokratischer grandeur und sorgt mit ihren beiden Pas de deux im 2. Akt für die absoluten Höhepunkte des Abends. Der erste ist das Bravourstück des Balletts, der zweite von lyrischer Empfindung. Robert Gabdullin als Conrad ist ihr nicht nur ein zuverlässiger Partner, sondern auch exzellent in den Sprüngen und Drehungen. Als Favoritin des Pasha (Mihail Sosnovschi mit attraktiver Erscheinung und Ausstrahlung) hat Gulnare zu Beginn des 3. Aktes im Palast des Regenten ihren großen Auftritt und Konovalova absolviert diesen mit Eleganz und Bravour. Das Trio der Odalisken (Natascha Mair, Nina Tonoli, Prisca Zeisel) sorgt hier für ein brillantes Divertissement. Danach wechselt die Szene in einen Jardin animé, von dem der Pasha träumt. Hier ist Gelegenheit für weitere Unterhaltungstänze, in denen die beiden Solistinnen und das Corps de ballet glänzen können.

Davide Dato ist ein Birbanto von Atem beraubender Energie und Vitalität, Kirill Kourlaev ein kraftvoller und sprungstarker Lanquedem. Mit dem Orchester der Wiener Staatsoper bringt Valery Ovsianikov die musikalische Mixtur, welche Manuel Legris zusammenstellte und Igor Zapravdin arrangierte, effektvoll zum Klingen. Bernd Hoppe

 

 

Bei hm: Königliche Freuden in luxuriöser Präsentation. Eine Deluxe-Edition mit drei CDs und einer DVD offeriert harmonia mundi unter dem Titel Ballet Royal de la Nuit (902603.06). Zu Beginn des Jahres 1653 war dieses an sieben Abenden im Louvre zur Aufführung gekommen – unter Mitwirkung des 15jährigen Ludwig XIV., der bei dem Unternehmen als Tänzer auftrat. Das Libretto von Isaac de Benserade besteht aus vier „Veilles“ (Nachtwachen) von jeweils drei Stunden Dauer und einem großen Ballett als Finale mit der Absicht, den Sonnenaufgang in aller Pracht zu inszenieren. Darsteller, Handlung und Ausstattung spiegeln die phantastische Welt des 17. Jahrhunderts wider. In den Versen findet man ernste und komische Elemente sowie Bezüge zur Mythologie. Götter, Koketten, Räuber, Soldaten, Jäger und andere Figuren treten auf, was eine abwechslungsreiche Handlung garantiert. Sie beginnt mit dem Alltag von Dorfbewohnern, bis mit dem Einbruch der Dämmerung die bizarre Welt des „Bauchs von Paris“ erwacht. Dann folgen Vergnügungen und ein Ball unter der Ägide der Venus. Die Mondgöttin steigt herab, um ihren Geliebten Endymion zu treffen. Zu einem Hexensabbat finden sich Ungeheuer aller Art ein. In der letzten „Veille“ werden die Zuschauer in das Reich der Träume entführt. Nach ihrem Erwachen erscheint Aurora auf dem Wagen, um das wundersame Erscheinen des Lichts anzukündigen, das nichts anderes symbolisiert als den jungen Ludwig selbst. Er ist die Sonne, die über die Welt herrscht, was das große Schlussballett preist.

Die DVD zeigt das in einer bizarren Realisierung von Francesca Lattuada (Regie/ Ausstattung/ Choreografie). Die Kostüme sind von überbordender Phantasie, verfremden den barocken Stil mit asiatischen Elementen und heutiger Mode. Einige Figuren stelzen auf Kothurnen in weißen Anzügen, die mit Reptilien-Zacken besetzt sind. Surreale Erscheinungen wie ein Mond-Kaninchen und Personen en travestie sorgen für eine wundersame Szenerie. Männliche Tänzer mit nacktem Oberkörper und monströsen schwarzen Reifröcken sind die Grazien, welche den Auftritt der Vénus in der Seconde Veille begleiten. Caroline Dangin-Bardot erscheint im weißen plissierten Kleid und lässt einen strengen Sopran hören. Von Herren in Nadelstreifen-Anzügen wird Thétis bei ihrer Hochzeit akrobatisch balanciert, ihr weißes Kleid mit Stoffrosen geschmückt und sie schließlich wie eine Tote davongetragen. Die folgende Folia-Szene zeigt Akrobaten, die Körperpyramiden bauen, und einen Jongleur, der virtuos mit einer Feuerschlange hantiert. Die Troisième Veille schildert den verliebten Herkules (Renaud Bres mit resonantem Bass im bunten Anzug) und seine eifersüchtige, erzürnte Gattin Dejanira (Dagmar Saskova mit bohrendem Sopran in pompöser barocker Robe) sowie die Astrologen Ptolémée und Zoroastre, die aus Leuchtstäben Sternbilder zusammenfügen. Wieder erscheint Venus, diesmal im leuchtend roten Kleid, in Begleitung ihrer Grazien, um sich mit Herkules im Duett zu vereinen. In rasendem Zorn sieht man Juno in silbernem Paillettenkleid, das zur Hälfe von einer Rüstung bedeckt ist. Caroline Meng lässt einen besonders farbigen und interessant timbrierten Sopran hören. Ihr Furor setzt den Hexensabbat in Gang, der Missgeburten und Fabelwesen aller Art auftauchen lässt. Das Orchester begleitet diese Szene mit überwältigender Klangkulisse. Muntere, helle Soprantöne bringt Marie-Frédérique Girod als Pasithea, Hüterin des Schlafes, ein. Von ihr erbittet Juno,  den Gott des Schlafes mitnehmen zu dürfen. Davon erzählt die Quatrième Veille mit Träumen aller Art, welche die vier Temperamente ausdrücken. Und hier treten auch Orphée und Euridice mit ihrer sattsam bekannten Geschichte auf. Euridices Tod deklamiert Caroline Weynants eindringlich in der Art eines monteverdischen Lamento. Den Apollo im weißen Anzug singt der Countertenor Stephen Colardelle mit klagendem Ton. Danach kündigen sechs Schmiede den Anbruch des Tages an. Aurora (Davy Cornillot mit klangvollem Tenor) eröffnet den Sonnenaufgang. Alle vereinen sich zum Grand Ballet mit dem Titel Le Soleil, in welchem festlich-pompöse Klänge zu hören und artistische Kunststücke zu sehen sind. In goldener Rüstung mit Umhang und Strahlenkranz erscheint der König als krönender Höhepunkt des Spektakels. Alle preisen die Macht der Liebe.

Die Aufführung entstand 2017 für das Théatre de Caen und wird geleitet von Sébastien Daucé, der das Ensemble Correspondances mit stilsicherer Hand dirigiert und für ein reiches Spektrum an Farben und dynamischen Kontrasten sorgt. Der Abend ist lang, doch ein Fest für Augen und Ohren, wovon der enthusiastische Applaus des Publikums kündet.

Prachtvoll ausgestattet ist das umfangreiche Begleitbuch mit Einführungstexten in drei Sprachen (auch in Deutsch!) und zahlreichen Abbildungen. Bernd Hoppe

 

Bei OPUS ARTE: Eine Schatztruhe mit Marianela Nuñez: OPUS ARTE würdigt die argentinische Ausnahmetänzerin Marianela Nuñez mit einem attraktiven Schuber (OA BD7243 BD), der vier Ballette enthält und damit das Wirken der Primaballerina repräsentativ wiedergibt. Seit fast zwanzig Jahren ist sie Principal beim Royal Ballet London, wo sie alle großen Rollen des klassischen, romantischen und auch zeitgenössischen Repertoires interpretiert hat. Die vier Ballettaufzeichnungen aus Covent Garden stammen aus den Jahren 2005, 2009, 2013 und 2016, zeigen die Tänzerin also in ihrer Entwicklung im Zeitraum von mehr als zehn Jahren.

Das älteste Dokument vom 2. Februar 2005 betrifft Ferdinand Hérolds Ballett La fille mal  gardée in der legendären Choreografie von Frederick Ashton, das mit der Lise eine sehr jugendliche Rolle bereithält. Ihr gelingt es, die gestrenge Mutter, Witwe Simone, die ihre Tochter mit dem reichen, aber tölpelhaften Alain verheiraten möchte, zu überlisten, so dass am Ende einer glücklichen Verbindung mit ihrem geliebten Colas nichts mehr im Wege steht. Nuñez verkörpert die Rolle des Bauernmädchens mit bezauberndem Charme und anmutiger Heiterkeit. Die makellose technische Bewältigung des Parts braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden, ist diese bei ihr doch absolute Selbstverständlichkeit. An ihrer Seite brilliert der kubanische Startänzer Carlos Acosta als Colas, auch er ein Principal der Company und in vielen Rollen auf DVD dokumentiert. 2005 ist er noch jugendlich ungestüm, sehr schalkhaft und zeigt eine überwältigende Präsenz. Spektakulär sein Entrée mit phänomenalen Sprüngen und Drehungen, bravourös seine Variation und der Pas de deux  im 2. Bild. Urkomisch der tumbe Alain von Jonathan Howells, köstlich William Tuckett in der Rockrolle der Witwe Simone.

Ashtons Klassiker von 1960 ist der unvergängliche Glücksfall einer Komödie voller Humor, Esprit und tänzerischer Bravour mit mehreren Pas de deux und Solo-Variationen. Die Produktion ist ein signature piece des Royal Ballet und zeigt dieses auf dem denkbar höchsten Level.

Marianela Nuñez bei Opus Arte

Auch Tschaikowskys Swan Lake in der Choreografie von Petipa/Ivanov sowie den ergänzenden Teilen von Ashton und Bintley zählt zu den Glanzstücken des Ensembles. Nicht weniger als drei verschieden besetzte DVDs existieren von dieser meisterhaften Produktion. Die vorliegenden Aufzeichnungen vom 16. und 24. März 2009 halten davon die 932. und 936. Aufführungen fest, was für die Beliebtheit des Londoner Swan Lake spricht. Die Doppelrolle der Odette/Odile ist ein Prüfstein für jede Tänzerin, verlangt sie doch neben der technischen Virtuosität einen immensen Ausdrucksradius von lyrischer Empfindsamkeit bis zu dramatischem Furor. Nuñez meistert diese Herausforderung mit bewunderungswürdigem Einsatz und bedingungsloser Hingabe. Ihre Odette ist von anrührender Fragilität, die Odile von verführerischer Eleganz und katzenhafter Biegsamkeit. Geriet schon die Variation des Weißen Schwanes in majestätischer Erhabenheit, setzte sie mit den mirakulös auf dem Punkt gedrehten Fouettées des Schwarzen das tänzerische Glanzlicht der Aufführung. Neben ihr der charismatische Thiago Soares als Prinz Siegfried von sympathisch männlicher Aura in schnittiger Uniform und der charaktervolle Christopher Saunders als raubvogelartiger Rothbart. Bemerkenswert ist die Besetzung des Pas de trois im 1. Akt mit Laura Morera und Steven McRae, die heute zu den führenden Interpreten der Company zählen und hier eine beachtliche Talentprobe abgeben, sowie Yuhui Choe.

Die überladene Ausstattung von Yolanda Sonnabend mit vielen Spiegeln und üppigem Schmuckdekor im Fabergé-Stil droht zuweilen, die Tänzer zu ersticken. Entsprechend starke Persönlichkeiten, die sich dagegen zu behaupten wissen, sind gefordert. Nuñez und Soares sind solche, die den szenischen Schwulst vergessen lassen, mit ihrem  tänzerischen Können und enormen Ausdrucksradius für faszinierende Momente sorgen.

Eine Rolle, die der Argentinierin quasi im Blut liegt, ist Kitri in Ludwig Minkus’ Don Quixote, den Carlos Acosta 2013 für das Royal Ballet unter Bezug auf Marius Petipa choreografierte und selbst den Basil tanzte. Bei aller tänzerischen Bravour – es sind sein unwiderstehliches Charisma und die animalisch-virile Ausstrahlung, welche ihm das Siegel des einzigartigen und unverwechselbaren Tänzers verleihen. Neben ihm kann sich Nuñez imponierend behaupten. Schon der effektvolle Auftritt ist spektakulär; hinreißend die überschäumende Vitalität, die rasante Variation mit den Kastagnetten im ersten Pas de deux und das große Duett mit Acosta am Ende, wo sie ihre Figuren mit aristokratischer Finesse zelebriert und mit phänomenalen Fouettés und Pirouetten überwältigt. Auch im Divertissement des Gartenbildes besticht sie mit majestätischer Aura und höchster Bravour. Acosta ist ihr in allen gemeinsamen Szenen ein phänomenaler Partner mit sicheren Hebungen und inspirierendem Spiel. Effektvolle Auftritte haben der arrogant-stolze Espada (Ryoichi Hirano) und seine hintergründig-raffinierte Mercedes (Laura Morera). Zwischen Skurrilität und Weisheit schwankt Christopher Saunders’ Titelheld. Das richtige Gespür für Minkus’ sprühende, rhythmisch mitreißende Musik hat Martin Yates am Pult des Orchestra of the Royal Opera House.

Jüngstes Dokument ist Adolphe Adams Giselle in der Choreografie von Petipa/Coralli/Perrot. Die Titelrolle ist eine der anspruchsvollsten Partien des romantischen Repertoires. In der Londoner DVD-Aufzeichnung vom Januar 2006 mit Alina Cojocaru als Giselle hatte Nuñez noch die Rolle der Myrtha getanzt und als gestrenge Königin der Willis mit eiskalter Aura fasziniert. Zehn Jahre später kam die Titelrolle auch für die Argentinierin. Eine Aufzeichnung vom 6. April 2016 hält ihre bemerkenswerte Deutung des verliebten und schändlich getäuschten Dorfmädchens fest. Im Auftritt lebhaft und kokett, bravourös auf Spitze in der Diagonalen und in den wirbelnden Pirouetten, zeigt sich bei Giselles Erkennen von Albrechts Betrug und in der Wahnsinnsszene die erfahrene Tänzerin mit ihrer mimischen und gestischen Ausdruckskraft. Mirakulös das Erwachen im nächtlichen Waldbild, die wie in slow motion zelebrierten Figuren, die fliehenden Arabesquen, die überirdische Schwerelosigkeit.

Ihr Partner ist der Russe Vadim Muntagirov, einer der neuen Stars der Company, der mit romantischem Empfinden und sensiblem Gespür der Rolle vor allem im nächtlichen 2. Akt ideal entspricht. Tänzerisch ist er erstklassig mit stupenden battements und weiten grand jetés, was seine etwas biedere Ausstrahlung wettmacht. Als Myrtha fasziniert die strenge, in ihrer Eiseskälte geradezu erstarrte, tänzerisch anfangs nicht  sichere Itziar Mendizabel. Barry Wordsworth dirigiert das Orchestra of the Royal Opera House und verhilft der Aufführung auch musikalisch zum Erfolg.

Marianela Nuñez hat im November des vergangenen Jahres ihre Karriere mit der Titelrolle in Natalia Makarovas Londoner Produktion von La Bayadère gekrönt. Zuvor hatte sie die Gamzatti, Nikiyas intrigante Rivalin, verkörpert – im bravourösen Anspruch gleichfalls eine große Herausforderung. Nikiya aber mit ihrem großen Pas de deux mit Solor im Schattenreich ist der Traum jeder Assoluta. Man kann nur hoffen, das OPUS ARTE, nachdem die Firma 2006 Nuñez’ Gamzatti (mit Tamara Rojo als Nikiya und Carlos Acosta als Solor) herausgegeben hatte, auch diese Interpretation auf DVD veröffentlichen wird. Bernd Hoppe

 

 

Nurejew forever: Drei Produktionen des Wiener Staatsballetts mit Choreografien von Rudolf Nureyev zwischen 2012 und 2016, die Cmajor bereits als DVD-Einzelausgaben veröffentlichte, hat die Firma nun in einem Schuber neu herausgebracht (747008, 3 DVD). Die älteste Aufführung stammt vom 7. Oktober 2012 und bietet Tschaikowskys Nussknacker in der phantasievollen Ausstattung von Nicholas Georgiadis. Die Handlung beginnt mit dem lebhaften Treiben auf der Straße und führt in dass Haus einer Familie, wo sich am Weihnachtsabend Gäste in eleganten Gründerjahre-Kostümen versammelt haben. Tochter Clara erlebt hier einen phantastischen Traum mit putzigen Rattenkindern und einem riesigen Rattenkönig im schwarzen, mit roten Federn besetzten Umhang. Nach dem turbulenten Kampf der Ratten mit den Spielzeugsoldaten erscheint ihr Onkel Drosselmeyer verwandelt als Prinz und nimmt Clara mit auf eine Reise in das Königreich des Schnees. Nach den pantomimischen Szenen des Beginns beginnt nun der eigentliche klassische Tanz mit einem Pas de deux, in welchem Liudmila Konovalova als reizende Clara und Vladimir Shishov als stattlicher Prinz mit eleganter Attitüde beeindrucken. Im 2. Akt führt der Traum Clara zurück nach Hause, wo die Ratten inzwischen zu Menschen mit monströsen Köpfen mutiert sind. Temperament, Sinnlichkeit und Tempo bietet das Divertissement mit Spanischem, Arabischem, Russischem und Chinesischem Tanz sowie einer Rokoko-Pastorale. Und der populäre Blumenwalzer vor prachtvoller illuminierter Kulisse ist auch hier ein choreografischer Höhepunkt, der nur noch vom Grand pas  de deux übertroffen wird.  Nach anfänglichen Schwierigkeiten in den Balancen ist Shishov der Konovalova ein souveräner Partner, meistert die vertrackten Figuren perfekt. Makellos seine Variation und auch sie absolviert ihr Solo bravourös und mit spielerischer Leichtigkeit. Paul Connelly ist ein weltweit geschätzter Ballettdirigent und leitet das Orchester der Wiener Staatsoper mit erfahrener Hand.

Am 16. März 2014 wurde das populärste Ballett des russischen Komponisten, Schwanensee, aufgezeichnet. Nurejews Fassung für Wien entstand 1964 und ist in Luisa Spinatellis eleganter Ausstattung mit ihren weißen, hellblauen und silbrigen Tönen noch immer im Repertoire der Compagnie. Nurejews Version (nach Petipa und Ivanov) stützt sich zudem auf Vladimir Burmeisters Lesart (entstanden 1953 für das heutige Stanislawski Ballett Moskau) sowie John Crankos Fassung von 1963 für sein Stuttgarter Ballett, welche die Geschichte mit dem Tod Siegfrieds enden lassen. Dessen Part ist wie immer in Nurejews Choreografien aufgewertet. Vladimir Shishov freilich bleibt trotz sympathischer Ausstrahlung zunächst uncharismatisch und offenbart schon im ersten  der von Nurejew zusätzlich eingefügten Soli Unsicherheiten. Im elegischen Solo vor der Verwandlung zur Szene am Schwanensee hat Shishov zu seiner Form gefunden. In Olga Esina hat er einen grazilen, zarten, zerbrechlichen und anrührenden Schwan an der Seite. Überwältigend ist der Pas de deux „Weißer Schwan“, in welchem Shishov romantische Empfindung und perfekte Hebungen zeigt, die Esina exquisite Ausformung ihrer Figuren und wunderbare Führung der Arme. Einen enormen Kontrapunkt setzt sie mit ihrer Odile von unnachahmlicher Rasanz und abgründiger Hinterhältigkeit. Ungemein raffiniert ist der zweite Pas de deux „Schwarzer Schwan“, der auf die Musik der Burmeister-Version zurückgreift – verhaltener, weniger rasant im Rhythmus, dafür abwartender und letztlich spannender. Die beiden Variationen I und II für den Prinzen und Odile sind gespickt mit immensen Schwierigkeiten. Shishov und vor allem Esina brillieren hier in gebührender Manier von Stars. Sehr sensibel gestaltet ist die Wiederbegegnung der Liebenden im letzten Akt, wo sie noch einen weiteren Pas de deux zu tanzen haben – erfüllt von Trauer, Wehmut und Abschiedsschmerz. Odette wirkt schwach, gebrochen, beinahe zusammen sinkend. Siegfried kann der Übermacht Rothbarts nicht Paroli bieten. Dieser ist ein dämonisches Vogelwesen mit weiten Armflügeln aus roten und schwarzen Federn – mit dem agilen und raubtierhaft-gespannten Eno Peci hervorragend besetzt. Die Aufführung wird musikalisch geleitet von Alexander Ingram, der das Orchester der Wiener Staatsoper zu einem Spiel auf höchstem Niveau inspiriert.

Die dritte DVD enthält die Aufführung von Minkus’ Don Quixote vom 28. und 31. Mai 2016. Nurejew hatte seine Fassung in der Ausstattung von Nicholas Georgiadis dort 1966 herausgebracht. Wien bietet eine solide Besetzung auf mit Maria Yakovleva als Kitri, die das choreografische Vokabular zuverlässig erfüllt, sich in der Kastagnettenvariation im 1. und in Dulcineas Solo im 2. Akt sogar zu mitreißender Bravour steigert. Mehr noch vermag Denys Cherevychko als Basil zu imponieren, obwohl man ihm in der Ausstrahlung etwas mehr Männlichkeit wünschen würde. Aber seine exzellenten Sprünge und wirbelnden Pirouetten weisen ihn als einen kompetenten Ersten Solisten aus. Im Zigeunerlager überzeugen beide im Pas de deux, der in seiner neoklassischen Anlage stilistisch herausfällt, aber eine sehr wirkungsvolle Nummer darstellt. Hoch besetzt ist die Königin der Dryaden mit Olga Esina, die hier ein weiteres Zeugnis ihrer Kunst abgibt. Ein reizender Amor ist Kiyoka Hashimoto. Das Attribut „solide“ trifft auch für das zweite Paar mit Ketevan Papava als Straßentänzerin und Roman Lazik als Espada zu. Besonders gefallen können sie mit dem rasanten Fandango im 3. Akt. Danach gelingt es Yakovleva und  Cherevychko, den Grand pas de deux Kitri/Basil zum tänzerischen Höhepunkt des Abends werden zu lassen. Alle Solisten und das Orchester der Wiener Staatsoper, das unter Kevin Rhodes die Musik von Minkus mit großer Delikatesse gespielt hat, werden am Schluss der Aufführung vom Publikum anhaltend gefeiert. Bernd Hoppe

 

Crankos Onegin bei Unitel/Cmajor: John Crankos Onegin nach Alexander Puschkins Versroman gehört zu den bedeutendsten Schöpfungen in der Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts und ist eines der ersten literarischen Handlungsballette. Uraufgeführt  beim Stuttgarter Ballett 1965, zwei Jahre später zu einer Neufassung überarbeitet, gehört das Stück bis heute zum ständigen Repertoire der Compagnie und wird darüber hinaus in den großen Tanzzentren in aller Welt getanzt. Bisher existierte kein offiziell veröffentlichtes Dokument, lediglich eine 1976 im ZDF gezeigte, für das Fernsehen produzierte Filmversion aus der Sporthalle in Böblingen kursiert unter den Ballettomanen als Video-Mitschnitt bzw. DVD-Überspielung. In dieser ist Marcia Haydée zu sehen, die die Tatiana in der Uraufführung kreierte. Nun kommt zur großen Freude aller Liebhaber von Crankos Kunst bei UNITEL/Cmajor das Werk in aktueller Stuttgarter Besetzung als DVD heraus, wo es ein Wiedersehen mit der legendären Haydée gibt. In der Rolle von Tatjanas Amme kann sie noch einmal ihre große Persönlichkeit zeigen.

In den beiden Aufführungen des 3. und 5. 11. 2017 aus dem Opernhaus Stuttgart, welche das Material für die DVD-Ausgabe lieferten, gibt Alicia Amatriain die Tatiana mit bezaubernder Anmut in den ersten Szenen auf dem Lande. Sie ist eine feinsinnige Tänzerin voller Poesie, ungemein sensibel und verletzlich. Ihre technische Makellosigkeit zeigt sie in der Variation auf dem Geburtstagsfest und natürlich in den mit höchsten Schwierigkeiten gespickten Pas de deux.

In der Titelrolle ist Friedemann Vogel zu erleben – ein Liebling des Stuttgarter Publikums mit großer Anhängerschar. Vom Typ her ist er für mich eher der jugendlich-schwärmerische Lensky, wenn er für diese Rolle mittlerweile vielleicht etwas zu reif scheint. Dieser Onegin  könnte durchaus der ältere Bruder von Lensky sein, als der hier David Moore auftritt. Dessen Sprünge wirken recht schwerfällig und flach, aber sein Pas de deux mit Olga (Elisa Badenes kapriziös und lebensfroh) ist erfüllt von romantischem Gefühl und zeigt perfekte Hebungen. Seinen stärksten Moment hat er in der lyrischen Variation vor dem Duell mit dem Ausdruck der Verzweiflung und Todessehnsucht.

Tänzerisch ist an Vogels Onegin-Darstellung nichts zu bemängeln. Sogleich sein erstes Solo im Garten der Larina zeigt seine technische Meisterschaft und im Ausdruck das gebührende Maß an Langeweile und Lebensüberdruss. Der Traum-Pas de deux in Tatianas Schlafzimmer mit hohem Anspruch an die Interpreten zählt zu Crankos unvergänglichen Schöpfungen und wird von ihm und seiner Partnerin hinreißend umgesetzt. Spannend geschildert ist die Auseinandersetzung der zwei Freunde nach Onegins schamlosem Flirt mit Olga beim Fest zu Tatianas Geburtstag, die dann zum Duell und Lenskys tragischem Tod führt.

Jason Reilly, viele Jahre selbst der Titelheld, tanzt nun den Fürsten Gremin und imponiert schon im ersten Auftritt mit seiner persönlichkeitsstarken Aura. Im Ballsaal sorgt er im Pas de deux mit Tatiana, inzwischen seine Gattin und Fürstin Gremina, für einen ganz großen Moment. Selig, wie traumverloren in ihrem Glück tanzen beide – sie voller Hingabe, er mit Zuwendung und Fürsorglichkeit. Emotional ähnlich dicht ist der letzte Pas de deux mit Onegin und Tatiana. Vogel, nun auch von reiferer Aura, macht den Sinneswandel der Figur und die Tragik eines unerfüllten Lebens glaubhaft. Amatriain ist überwältigend in ihrem Konflikt zwischen unverminderter Liebe zu Onegin und der Treue zu Gremin. Die spektakulären Hebungen und Schleuderfiguren absolvieren beide Tänzer mit sensationeller Perfektion und mühelos scheinender Leichtigkeit. Sie werden am Ende vom Publikum, das auch die Haydée gebührend feiert, stürmisch bejubelt. Die Faszination der Aufführung ist auch dem Dirigenten James Tuggle zu danken, der mit dem Staatsorchester Stuttgart Tschaikowskys, von Kurt-Heinz  Stolze arrangierte und orchestrierte Musik leidenschaftlich und mit empfindsamem Gespür ausbreitet. Und nicht zuletzt ist Jürgen Roses Ausstattung stets der Garant für ein poetisches Erlebnis.  Sie ist ein Wunder an Ästhetik mit ihren atmosphärischen Stimmungen, der farblichen Delikatesse, der Einheit von Raum und Kostüm.

Eine Bonus-DVD bringt ein Gespräch mit dem Kostüm- und Bühnenbildner anlässlich seines 80. Geburtstages. In dieser Talk-Runde, die von Vivien Arnold moderiert wird, finden sich auch Marcia Haydée, Primaballerina und langjährige Intendantin in Stuttgart, sowie der frühere Erste Solist und spätere Ballettintendant des Ensembles  Reid Anderson. Da werden viele Erinnerungen an den legendären Choreografen John Cranko wach. Die Ausgabe (Unitel 8012208) dürfte für alle Ballettfreunde auf dem weihnachtlichen Gabentisch  besonders willkommen sein. Bernd Hoppe

 

Bei Opus Arte: Alice zum Zweiten: Christopher Weeldons zweiaktiges Ballett Alice’s Adventures in Wonderland nach Lewis Carrolls berühmtem Buch gehört zu den Erfolgsstücken des Royal Ballet London und wurde bereits in der Besetzung der Weltpremiere 2011 für die DVD dokumentiert (OA 1045 D). Nun gibt Opus Arte überraschend den Mitschnitt einer Aufführungsserie vom September/Oktober 2017 als DVD heraus (OA 1269 D).  Das erstaunt, weil die Besetzung in mehreren Hauptrollen von jener der Uraufführung nicht abweicht. Wieder bezaubert Lauren Cuthbertson mit poetischer Aura in der Titelrolle. Auch sechs Jahre nach der Uraufführung absolviert sie die hohen technischen Anforderungen der Partie mühelos. Den Gärtnerjungen Jack, der später zum Herzbuben wird, tanzt Federico Bonelli mit jungenhaftem Charme. Alices Mutter, die sich später zur urkomischen Königin der Herzen wandelt, ist Laura Morera. In der Parodie von Auroras Rosen-Adagio brilliert sie mit hinreißend komödiantischen Effekten. Sicher nicht zu ersetzen ist Steven McRae als Zauberer und Hutmacher, der nach der Weltpremiere auch hier zum Einsatz kommt und steppend für ein  Kabinettstück sorgt.

Erneut faszinieren die phantastische Ausstattung von Bob Crowley und die stilistisch vielfältige Komposition von Joby Talbot mit ihrem Walzerschwung, den minimalistischen Effekten, Cluster-Rhythmen, Orientalismen, Tschaikowsky-Zitaten und lyrischem Melos. Es dirigiert nun Koen Kessels und bringt mit dem Orchestra of the Royal Opera House alle Facetten der Musik effektvoll zur Wirkung. Bernd Hoppe

 

Neu bei Cmajor: Nijinski für die Ewigkeit. Seit fast 40 Jahren beschäftigt sich John Neumeier mit dem Leben und Werk des russischen Ausnahmetänzers Vaslaw Nijinski. 1979 schuf er ein Kurzballett mit dem Titel Vaslaw, 2000 ein Abend füllendes Werk, das er gewichtiger einschätzte und ihm deshalb den Namen Nijinski gab. Die letzte Arbeit entstand 2009 und nennt sich Le Pavillon d’Armide – nach jenem Stück, das die Ballet Russes bei ihrem ersten Auftreten in Paris 1909 gezeigt hatten.

Die mittlere ist von den drei Kreationen die bedeutendste, in vielen internationalen Ballettzentren mit großem Erfolg gezeigt und nun endlich auf DVD greifbar. Neumeier und hat nach anhaltendem Zögern eine Aufführungsserie seiner Hamburger Compagnie aus dem vergangenen Jahr von Cmajor mitschneiden lassen (744304)  und erfüllt damit den Verehrern seiner Kunst den lang gehegten Wunsch, auch diese Kreation, bei der er für die Choreografie und Ausstattung sowie das Light Design  verantwortlich zeichnet, als Live-Dokument besitzen zu können.

Natürlich ist inzwischen nicht mehr die Besetzung der Uraufführung zu erleben, aber erste Kräfte des Ensembles garantieren eine hochkarätige Interpretation. Die Titelrolle hatte Jiri Bubenicek kreiert, für ihn tanzt nun Alexandre Riabko, der diese tour de force mit staunenswerter Kondition absolviert und mit seiner immensen Gestaltungskraft überwältigende Wirkung erzielt.

Neumeier selbst nennt sein zweiteiliges Stück „eine Biografie der Seele“, stellt es in einen Rahmen – den Ballsaal des Suvretta Hauses in St, Moritz, wo der geistig umnachtete Tänzer am 19. Januar 1919 zum letzten Male öffentlich auftrat. „Hochzeit mit Gott“ nannte er diese Vorstellung – unter den Zuschauern seine Frau Romola (Carolina Agüero), seine Schwester Bronislawa (Patrizia Friza), sein Bruder Stanislav(Aleix Martínez), die Mutter (Anna Laudere), der Vater (Carsten Jung) und sein Mentor Serge Diaghilev (Ivan Urban).

In wilder Verzweiflung beginnt Nijinsky seine Performance – stampfend, springend, sich auf den Boden werfend und immer wieder die Arme ausbreitend wie ein Gekreuzigter. Dann aber besinnt er sich auf seine Vergangenheit als klassischer Tänzer, auf die Karriere als Star der Ballet Russes mit seiner Partnerin Tamara Karsavina (charismatisch: Silvia Azzoni). In blaues Licht sind diese Erinnerungen an all die großen Rollen getaucht – der Harlequin und Le spectre de la rose (virtuos: Alexander Trusch), der Goldene Sklave aus der Scheherazade und der Faun (lasziv: Marc Jubete) und natürlich Petrushka. Das Leiden der Marionette kombiniert Neumeier mit den Schrecken des 1. Weltkrieges und Lloyd Riggins erschüttert in seiner Wahrhaftigkeit so stark, dass man den Gottesnarren in Mussorgskis Boris Godunow denken muss.

Zitiert Neumeier im Bühnenbild des ersten Teiles den ornamentalen Jugendstil von Bakst, wählt er danach abstrakte Kreise aus Neonlicht, womit er sich wiederum auf die späten grafischen Arbeiten des Tänzers bezieht. Hier sieht man zunächst den Dialog Nijinskys mit Diaghilev, untermalt von Schostkowitschs sperriger Sonate für Viola und Klavier op. 17. Beider Gefühle für einander sind gleichermaßen zugewandt wie zweifelnd und verstört. Bald schon ist „Der neue Tänzer“, Leonid Massine (Jacopi Bellussi mit faszinierender Aura), zu sehen, dem der mächtige Impresario seine Gunst schenken wird. Denn auf einer Schiffsreise hatte Nijinsky eine Frau mit Namen Ramola kennen gelernt. Von scheuer Annäherung wandelte sich diese Begegnung zu sinnlicher Leidenschaft, führte zur schnellen Hochzeit, aber auch zum Bruch mit Diaghilev.

Ein gewichtigen Raum in Nijinskys Phantasiewelten nehmen seine Familienangehörigen ein – die Mutter Eleonora Bereda, die ihm gemeinsam mit dem Vater Vaslaw die ersten Tanzlektionen erteilte, die Schwester Bronislawa, die später selbst Choreografin wurde, und vor allem sein älterer Bruder Stanislaw, auch er ein Tänzer, doch schon früh von einer Geisteskrankeit befallen. Aleix Martínez stellt diese Symptome beklemmend dar.

Den zweiten Teil des Balletts bestimmen Nijinskys alptraumhafte Kriegsvisionen zur peitschenden Musik der 11. Sinfonie von Schostakowitsch. In ihren Uniformjacken tanzen Soldaten Strawinskys Sacre, verfallen in eine geradezu infernalische Rohheit, was die Zuschauer im Ballsaal ansteckt und zu grotesken Szenen animiert. Am Schluss erinnert sich Nijinsky noch einmal an seine Mutter und Lehrerin: Dann folgt der letzte Tanz – ein Solo von übermenschlichem Anspruch an den Interpreten, an dessen Ende er als Gekreuzigter dasteht wie zu Beginn.

Im Bonus spricht John Neumeier über seine besondere Beziehung zu Nijinsky, seine Sammlung mit bedeutenden Dokumenten und Kunstobjekten des Tanzgottes und seine Ballettkreation. Cmajor ist für eine Veröffentlichung zu danken, die schon jetzt Tanzgeschichte geschrieben hat. Bernd Hoppe

 

Neu bei Opus Arte: Die vierte Sleeping Beauty aus London. Tschaikowskys Klassiker The Sleeping Beauty in der Choreografie von Petipa/Ashon/Dowell/Wheeldon ist ein signature piece des Royal Ballet London: 1946 wurde es als erste Produktion zur Wiedereröffnung des Opernhauses Covent Garden nach Ende des Krieges mit Margot Fonteyn und Robert Helpmann (als Prince und Carabosse!) gezeigt. Inzwischen liegt es in mehreren Besetzungen auf DVD vor – mit Viviana Durante und Zoltán Solymosi (Anthony Dowell als Carabosse!) von 1994, Alina Cojocaro und Federico Bonelli von 2006 sowie Sarah Lamb und Steven McRae als letzte Veröffentlichung von 2014. Nun bringt Opus Arte eine Aufführung aus dem Jahre 2017 heraus, wiederum in der Ausstattung von Oliver Messel und Peter Farmer, die eine Erste Solistin der Compagnie, Marianela Nuñez, in der Titelrolle präsentiert (OA 1257 D). In der Aufzeichnung von 2014 hatte sie noch die Lilac Fairy getanzt, aber nach ihrer Kitri, der Odette/Odile, Giselle und anderen Hauptrollen des Repertoires war es nur eine Frage der Zeit, bis man ihr auch die Aurora anvertrauen würde. Es ist dies eine hybride Partie, welche einerseits anmutige Jugendlichkeit verlangt, andererseits aber auch das absolute technische Finish für die Absolvierung höchst artifizieller Bravour. Die Argentinierin, die in diesem Jahr ihre 20jährige Zugehörigkeit zur Compagnie feiert, nimmt bereits mit ihrem übermütig-kecken Auftritt das Publikum im Sturm, besticht danach im gefürchteten Rosen-Adagio mit seinen schwierigen Balancen in souveräner Manier und bezaubert in der Variation mit graziöser Attitüde. Mit Vadim Muntagirov hat sie als Prince Florimund einen romantisch-introvertierten Jüngling an ihrer Seite, der nicht die Aura von Bonelli oder MacRay hat, aber mit seinem technischen Vermögen punktet. Seinen Auftritt im Wald mit dem anspruchsvollen Solo absolviert er topsicher und sorgt im Grand pas de deux mit Nuñez für den tänzerischen Höhepunkt – er mit fliegenden grand jétés, sie mit kapriziöser Delikatesse in ihrer Variation.

Seit Jahren ist Kristen McNally die Carabosse vom Dienst und noch immer imposant in ihrer Aura von aristokratischer Bosheit. Die Lilac Fairy von Claire Calvert hat weniger die hoheitsvolle, denn eine natürlich-liebevolle  Ausstrahlung.  Koen Kessels leitet das Orchestra of the Royal Opera House engagiert und inspirierend. Mit dieser Ausgabe hat Opus Arte nicht weniger als vier Versionen dieser einzigartigen Produktion dokumentiert und auf den Markt gebracht – eine Initiative ohne Vergleich in der Ballettwelt. Bernd Hoppe

 

Neu bei Cmajor: In Mozarts Zaubergarten. Eine Aufführung des Balletts The Lover’s Garden (Il Giardino degli Amanti) eröffnete die Feierlichkeiten anlässlich des 225. Jahrestages von Mozarts Tod an der Mailänder Scala im Jahre 2016. Cmajor hat die Neuproduktion und Weltpremiere nun auf DVD herausgebracht (743708). Sie dürfte das Interesse vieler Ballettfreunde finden – zum einen wegen der Novität, zum anderen wegen der Mitwirkung von Roberto Bolle als A Man und Nicoletta Manni als A Woman. In Massimiliano Volpinis Choreografie begegnet der Zuschauer vielen Figuren aus Mozarts Opern, wird durch einen Zaubergarten in die Zeit des Komponisten zurückgeführt. Die Ausstattung von Erika Carretta beginnt in der Gegenwart, wo die Tänzerinnen Pumps tragen oder barfuß gehen. Die Tänzer sind in moderne elegante Anzüge gekleidet. Je tiefer man dem Solopaar in das verwunschene Labyrinth folgt, desto klassischer werden Kostüme und das tänzerische Vokabular.

Die musikalische Folie bilden Sätze aus Quartetten und Quintetten Mozarts, die vom La Scala String Quartet sowie Solisten des Orchesters gespielt werden. Kostümiert sitzen sie vor der Bühne in einem eigenen Zaubergarten inmitten von Blüten, werden so optisch in den Handlungsablauf des Balletts integriert. Das 1. Bild zum Quartett für Flöte und Streicher D-Dur, KV 285 führt in den Garten einer Villa, wo junge Menschen sich bei einem Fest vergnügen. Die neoklassische Choreografie ist vital, tänzerisch anspruchsvoll und betont sportlich. Bald erkunden alle das Terrain hinter den Hecken. Der junge Mann begegnet einer Gruppe historischer Figuren, die sich als das Personal aus dem Figaro erweist (Walter Madau, Antonella Albano, Mick Zeni, Emanuela Montanari). Die junge Frau wiederum trifft Don Giovanni (Claudio Coviello) und Leporello (Christian Fagetti), die beide auf der Flucht sind und von all den verlassenen Frauen und ihren Männern verfolgt werden.

Die nächste Szene führt in die Verwirrspiele von Così fan tutte mit den Schwestern Fiordiligi (Vittoria Valero) und  Dorabella (Marta Gerani) sowie ihren verkleideten Verlobten Ferrando (Angelo Greco) und Guglielmo (Valeriuo Lunadei). Durch einen Piratenüberfall wird das junge Paar getrennt, findet sich in historischer Gewandung im Reich der Königin der Nacht (Marta Romagna) in einem empfindsamen Pas de deux zum Quintett für Klarinette und Streicher A-Dur, KV 581 wieder. Dann aber erwachen beide aus ihrem Traum – erstaunt und verwundert, unter den überraschten Blicken der Gärtner. Die phantasievolle Aufführung von bezaubernder Heiterkeit fand großen Beifall beim Scala-Publikum. Bernd Hoppe

 

 

Prokofjevs Klassiker neu bei Cmajor: Die Liebenden von Verona in Mailand. Der italienische Startänzer Roberto Bolle hat viele große Rollen seines weit gespannten Repertoires auf DVD dokumentiert – der Romeo allerdings, den er bereits mit 20 Jahren tanzte und der ihn während seiner ganzen Karriere begleitete, fehlte bislang. So ist den Ballettomanen eine Neuveröffentlichung bei Cmajor, die den Primo ballerino in einer Aufführung von Prokofjevs Romeo and Juliet an der Mailänder Scala aus dem vergangenen Jahr festhält, höchst willkommen (743508; 2 DVD). Gezeigt wird die Choreografie von Keneth MacMillan – neben den Arbeiten von John Cranko und John Neumeier eine der bedeutendsten tänzerischen Deutungen von Shakespeares Tragödie.

Prokoffieffs „Romeo and Juliet“ von der Scala bei C major

Die Aufführung mit historisch nachempfundenen Bühnenbildern von Mauro Carosi und opulenten Kostümen im Stil der Renaissance von Odette Nicoletti ist zunächst von heiter anmutender Buntheit. Das turbulente Treiben auf dem Marktplatz und die alsbald einsetzenden Kämpfe zwischen den Angehörigen der verfeindeten Familien sind rasant im Tempo, virtuos in der körperlichen Agilität der Tänzer und ungemein spannend in der gefährlich wirkenden Realistik. Bereits in dieser ersten Szene fallen Antonino Sutera und Marco Agostino als Romeos Freunde Mercutio und Benvolio mit ihrer starken Präsenz auf.

Für Bolle kommt die männliche Titelpartie gerade noch zur rechten Zeit, denn der Tänzer ist kein Jüngling mehr, wäre mit seiner Aura und Reife heute eher ein Tybalt. Aber das ist natürlich eine viel zu kleine Rolle für den Star. Und dass er in der bezaubernden Misty Copeland eine sehr mädchenhafte Julia zur Seite hat, lässt ihn nicht eben jünger erscheinen. Aber er wäre nicht der erfahrene, professionelle Interpret, der er ist, wenn es ihm nicht gelänge, das Flair des verliebten, schwärmerischen Jünglings durch den Tanz zu evozieren. Auch mimisch gelingt es ihm, die scheue Verlegenheit in der ersten Begegnung  mit Julia auszudrücken, das Erwachen seiner Liebe, den Schmerz des Abschieds, die Fassungslosigkeit beim Anblick der vermeintlich toten Geliebten. Und technisch ist er noch immer glänzend, was er sogleich in seiner exquisiten Variation auf dem Ball der Capulets beweist. Danach folgt Julia mit einem nicht weniger bravourösen Solo, bis sich beide erstmals in einem gemeinsamen Tanz finden. Schließlich brillieren auch die beiden Freunde mit wirbelnden Pirouetten und Sprungkaskaden.

Hinreißend in ihrer manierierten Exaltiertheit sind die höfischen Tänze mit Alessandro Grillo als autoritärem Lord und Emanuela Montanari als distinguierter Lady. Riccardo Massimi ist ein Paris von rollenbedingt blasser Ausstrahlung, während Mick Zeni als finsterer, aggressiver Tybalt einen faszinierenden Charakter abgibt.

Erster Höhepunkt jeder Aufführung des Balletts ist die Balkonszene und sie wird auch hier zum umjubelten Glanzstück dank der emotionalen Choreografie und der überragenden Kunst des Titelpaares. Bolle meistert die schwierigen Hebungen perfekt, tanzt Raum greifend und mit großer Emphase, sie voller Überschwang und Hingabe. Und natürlich ist es auch Prokofjevs wunderbare Musik, welche die nächtliche Stimmung und den Zauber der Verliebtheit atmosphärisch einfängt und die von Patrick Fournillier und dem Orchester des Teatro alla Scala in ihren blühenden Lyrismen, aber auch der markanten Rhythmik und gebührend dissonanten Schärfe ausgebreitet wird.

DVD 2 beginnt mit dem 2. Akt auf dem Marktplatz mit dem ausgelassenen Treiben der Volksmenge und dem Auftritt der urkomischen Amme (Monica Vaglietti), gefolgt von der Trauung des jungen Paares bei Bruder Laurence (Matthew Endicott). Zurück auf dem Markt, eskaliert das Geschehen im Duell zwischen Tybalt und Mercutio. Das Ende seines Freundes durch Tybalts heimtückischen Mord rächt Romeo mit dessen Tod und muss dafür in die Verbannung.

Der 3. Akt bringt mit dem Abschied der Liebenden eine tänzerisch anspruchsvolle und emotional starke Szene, in der die beiden Interpreten nochmals ihre Klasse demonstrieren. Vehement gestaltet Copeland Julias Weigerung, mit Paris getraut zu werden, brutal wird sie von ihrem Vater gezüchtigt. In ihrer Verzweiflung sucht sie Hilfe bei Laurence, nimmt schließlich, immer wieder von Zweifeln und Ängsten gequält, das von ihm verordnete Schlafmittel ein. Mit Bolle sorgt sie für ein ergreifendes Finale, das beider ewige Liebe bewegend schildert. In der Intensität der Darstellung erinnert der Tänzer an seinen Des Grieux in MacMillans Manon in Paris und auch die junge Solistin beweist hier eindrucksvoll eine große Gestaltungskraft und kann ihr Scala-Debüt im Triumph beenden. Bernd Hoppe

 

Der Londoner Nutcracker bei Opus Arte: Rechtzeitig zur bevorstehenden Adventszeit kommt Tschaikowskys Klassiker The Nutcracker neu auf den Markt. Opus Arte hat eine Aufführung beim Royal Ballet London vom 8. Dezember 2016 aufgezeichnet (OA 1252 D). Es handelt sich um die Produktion von Peter Wright (nach Lev Ivanov und Marius Petipa), die seit 1984 erfolgreich im Repertoire der Compagnie läuft und alljährlich zur Weihnachtszeit große und kleine Zuschauer erfreut. Die Ausstattung von Julia Trevelyan Oman wird dominiert von einem überdimensionalen märchenhaften Weihnachtsbaum im Biedermeier-Wohnzimmer der Familie Stahlbaum – über und über dekoriert mit Schmuck und Spielzeug. Hier verteilt Herr Drosselmeier, ein Zauberer und Erfinder mechanischen Spielzeugs, Geschenke an die Kinder Clara (bezaubernd: Francesca Hayward) und Fritz (Caspar Lench), vor allem natürlich den Nussknacker, der wenig später in Claras Traumwelt siegreich gegen den Mäusekönig kämpft und – in einen Menschen verwandelt – mit ihr in das Land des Schnees reist. Das zeigt der Choreograf in einem hinreißenden Duo, in welchem Hayward und Alexander Campbell (von sympathischer Jungmännlichkeit) ihr eben erwachtes Gefühl der Verliebtheit überschwänglich zeigen können. In dieser Phantasiewelt bietet das Weiße Bild der Schneeflocken Momente reinsten klassischen Tanzes. Die Reise des jungen Paares geht weiter und führt, begleitet von reizenden Weihnachtsengeln, in das Königreich der Süßigkeiten, wo die Zuckerfee regiert, zunächst aber in einem prachtvollen Divertissement allerlei fremdländische und exotische Tänze zu sehen sind. Der Schauwert dieser Szene in einer Dekoration wie aus Brüsseler Spitze ist hoch, wie auch das tänzerische Niveau der einzelnen Nummern. Zum krönenden Finale wird der Grand pas de deux der Zuckerfee mit ihrem Prinzen, den die beiden Principals Lauren Cuthbertson und Federico Bonelli in hoheitsvoller  Manier zelebrieren. Das Ende führt zurück in die Kleinstadt und die Welt des Herrn Drosselmeier (Gary Avis mit geheimnisvoller Aura). Er hat endlich seinen Neffen Hans-Peter wieder gefunden, der einst von der Mäusekönigin in einen Nussknacker verwandelt worden war.

Die Aufführung an Covent Garden  war Peter Wright anlässlich seines 90. Geburtstages gewidmet, der in den Jubel für alle Interpreten einbezogen wird, wie auch Boris Gruzin, der mit dem Orchestra of the Royal Opera House den ganzen Zauber von Tschaikowskys unvergänglicher Musik entfaltet hatte. Bernd Hoppe

 

 

Neue Ballett-DVDs bei C MajorDon Quixote im Doppel. Gleich in zwei Aufführungen liegt Rudolf Nureyevs Choreografie von Ludwig Minkus’ Ballett Don Quixote bei Cmajor neu auf DVD vor, was die Messlatte für die bevorstehenden Neuproduktionen beim Hamburg Ballett (Dezember) und Staatsballett Berlin (Februar) hoch legt.

Die Aufführung am Teatro alla Scala Mailand (735708) stammt vom 25. September 2014 und hat ihren Trumpf in der Mitwirkung von Natalia Osipova als Kitri. Die Ausnahmetänzerin ist Star des Royal Ballet London, gastiert darüber hinaus an den großen Bühnen der Welt – wie hier im bedeutendsten Ballettzentrum Italiens. Dort haben Raffaele Del Savio (Bühne) und Anna Anni (Kostüme) eine atmosphärische Ausstattung geschaffen. Alexander Titov dirigiert das Orchestra del Teatro alla Scala mit Verve und Temperament, liefert so die ideale Folie für die rasanten Tänze auf dem Platz in Barcelona, im Zigeunerlager und in der Taverne.

„Don Quichote“ bei C Major

Osipova ist eine kokette und vor Temperament sprühende Kitri mit mirakulöser Technik. Al Dulcinea in Don Quixotes Vision kann sie auch ihren unvergleichlich aristokratischen Stil zeigen und vor allem in deren mit höchsten Schwierigkeiten gespickten Variation eine Lektion in Sachen klassischer Bravour liefern. In dem Weißen Bild als Divertissement brillieren darüber hinaus Nicoletta Manni als hoheitsvolle Königin der Dryaden und Serena Sarnatoro als munterer Amor.

Technisch gleichfalls über jeden Zweifel erhaben ist Leonid Sarafanov als Basil, als Typ freilich zu soft und blond, als dass er für einen heißblütigen Spanier gehalten werden könnte. Aber seine Tanzkunst ist so überwältigend wie die  ihre, und beiden sorgen im Grand pas de deux für den finalen Höhepunkt des Gala-Abends. Sie sind auch ein hinreißendes Paar im Zigeunerlager des 2. Aktes mit ihrem neoklassischen Pas de deux. Dort ist Antonio Sutera ein Zigeuner von animalischer Vitalität, geben Deborah Gismondi und Emanuela Montanari zwei temperamentvolle Zigeunerinnen.

Auch der Auftritt der Straßentänzerin (Vittoria Valero) und ihres Partners Espada (Christian Fagetti) bietet hochkarätige Tanzkunst. Sie sorgen im Pas de caractère des 1. Aktes für spanisches Flair und imponieren im Spanischen Tanz zu Beginn des 3. Aktes noch einmal mit bestechender Haltung und vibrierender Sinnlichkeit.

 

Fast zwei Jahre später wurde die Produktion beim Wiener Staatsballett in der legendären Ausstattung von Nicholas Georgiadis aufgezeichnet (Cmajor 742408). Nurejew hatte seine Fassung dort 1966 herausgebracht, danach war sie in 15 Einstudierungen in der ganzen Welt zu sehen. In Paris tanzte der Étoile Manuel Legris 1985 den Basil, in seiner Funktion als Wiener Ballettdirektor brachte er erstmals 2010 Nurejews Version zurück nach in die österreichische Hauptstadt.

Wien bietet eine solide Besetzung auf mit Maria Yakovleva als Kitri, die nicht die Klasse einer Osipova hat, auch nicht deren Feuer, Raffinement und Sinnlichkeit. Aber sie erfüllt das choreografische Vokabular zuverlässig, steigert sich in der Kastagnettenvariation im 1. und in Dulcineas Solo im 2. Akt sogar zu mitreißender Bravour. Mehr noch vermag Denys Cherevychko als Basil zu imponieren, obwohl man ihm in der Ausstrahlung etwas mehr Männlichkeit wünschen würde. Aber seine exzellenten Sprünge und wirbelnden Pirouetten (so in seiner Variation im Pas de deux des 1. Aktes) weisen ihn als einen kompetenten Ersten Solisten aus. Im Zigeunerlager überzeugen beide gleichfalls im Pas de deux, der in seiner neoklassischen Anlage stilistisch herausfällt, aber eine sehr wirkungsvolle  Nummer darstellt. Als Zigeuner in solistischen Auftritten brillieren Mihail Sosnovschi, Rebecca Horner und Erika Kovácová. Don Quixotes Vision spielt hier in einem Zaubergarten, der an den verwunschenen Park in Dornröschen erinnert. Hoch besetzt ist die Königin der Dryaden mit Olga Esina, die in Wien auch als Odette/Odile reüssiert und hier ein weiteres Zeugnis ihrer Kunst abgibt, in den Italienischen Fouettés sogar noch ihre Mailänder Kollegin übertrifft. Ein reizender Amor ist Kiyoka Hashimoto.

Das Attribut „solide“ trifft auch für das zweite Paar mit Ketevan Papava als Straßentänzerin und Roman Lazik als Espada zu. Besonders gefallen können sie mit dem rasanten Fandango im 3. Akt. Danach gelingt es Yakovleva und  Cherevychko, den Grand pas de deux Kitri/Basil zum tänzerischen Höhepunkt des Abends werden zu lassen. Alle Solisten und das Orchester der Wiener Staatsoper, das unter Kevin Rhodes die Musik von Minkus mit großer Delikatesse gespielt hat, werden am Schluss der Aufführung vom Publikum anhaltend gefeiert. Bernd Hoppe

 

 

Beim Royal Ballet: Osipovas neuer Triumph: Gemessen an seinen Balletten Manon, Mayerling und natürlich Romeo and Juliet ist Kenneth MacMillans Anastasia ein Außenseiter in seinem Schaffen geblieben. Nach der Fassung als Einakter 1967 mit Lynn Seymour an der Deutschen Oper Berlin wurde das Stück in seiner späteren und ultimativen dreiaktigen Version 1971 in London uraufgeführt. Opus Arte bringt nun den Mitschnitt einer Aufführung vom November 2016 aus dem Royal Opera House heraus, die auf der Produktion von 1996 basiert (OA 1243 D).

Der Choreograf war fasziniert von der Geschichte der Anna Anderson, die behauptete, Anastasia, das letzte überlebende Mitglied der ermordeten russischen Zarenfamilie, zu sein. 1920 wurde sie bei einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gerettet. Der Prozess in Deutschland zog sich vo 1932 bis 1970 hin, erst 1992 konnte durch eine DNA-Analyse die Behauptung der psychisch Kranken widerlegt werden. MacMillan wollte ihr in seinem dreiaktigen Ballett auf Musik von Tschaikowsky und Martinu ein Denkmal setzen. Das Orchestra of the Royal Opera House musiziert unter Simon Hewett mit gebotener Schärfe, klanglicher Struktur und elegischer Kantabilität.

Der 1. Akt spielt im August des Jahres 1914 auf der kaiserlichen Yacht Standart, wo die Zarenfamilie ein Picknick gibt. Zu den Gästen gehören der Mönch Rasputin (Thiago Soares mit finster-dämonischer Aura) und einige Marineoffiziere. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Auch Anastasia, eine der vier Großherzoginnen, gibt sich dem Vergnügen hin. Natalia Osipova fängt in ihrem Tanz all den Übermut eines jungen Mädchens ein, auch die scheinbare Geborgenheit im Schoß der Familie ist spürbar. Die Choreografie hält zudem für die vier Offiziere als Begleiter der Töchter (Ryoichi Hirtano, Valeri Hristov, Alexander Campbell, Edward Watson) anspruchsvolle tänzerische Aufgaben bereit. Jäh endet die heitere Stimmung, als der Zar die Nachricht vom Ausbruch des 1. Weltkrieges empfängt.

Der 2. Akt führt nach Petrograd auf einen Ball des Zaren anlässlich des Debüts seiner jüngsten Tochter Anastasia im März 1917. Ausstatter Bob Crowley lässt auf der Bühne drei riesige Lüster schräg hängen als Zeichen einer kippenden Weltordnung. Höfische Eleganz stellt sich in den festlichen Kostümen her, Lokalkolorit erbringen die folkloristischen Trachten. Ein spektakulärer Höhepunkt ist die Einlage eines klassischen Pas de deux mit zwei Stars des Kaiserlichen Balletts – Mathilde Kschessinska (einer Geliebten des Zaren vor seiner Heirat) und ihrem Partner. In dieser hochvirtuosen Nummer mit vertrackten Schwierigkeiten brillieren zwei Londoner Principals –  Marianela Nuñez und Federico Bonelli in schwarz glänzenden Kostümen wie Odile und Siegfried. Der Auftritt erregt den Unmut der Zarin, Anastasia erkennt erstmals die hintergründigen Beziehungen am Hofe, was Osipova mit Verwunderung, Ernst und Besorgnis ausdrückt. Aus dem jungen Mädchen ist eine gereifte, wissende junge Frau geworden. Auch in diesem Akt schlägt die Stimmung plötzlich um, wenn das Fest mit seinen opulenten Gesellschaftstänzen von eindringenden Revolutionären mit roten Fahnen gestört wird.

Einige Jahre später spielt der 3. Akt, in welchem sich bei Anastasia Erinnerungen und Gegenwärtiges vermischen. MacMillan bezog dafür elektronische Musik ein, die in einem Studio der Technischen Universität Berlin produziert wurde. In einer psychiatrischen Anstalt sitzt diese Frau in gespenstisch bläulichem Licht auf ihrem Krankenbett. Ein Kriegsfilm in Schwarz/Weiß wird vorgeführt, der ihrem Gedächtnis Impulse geben soll. Osipova ist in dieser Szene durch ihren beredten mimischen Ausdruck und den kreatürlichen Gestus auch schauspielerisch ein Ereignis. Wie sie dann aber tänzerisch all ihre Erinnerungen umsetzt – darunter das Massaker an der Zarenfamilie, die Geburt ihres Kindes, die Heirat, den Tod ihres Mannes (sehr sensibel und zugewandt: Edward Watson), den Selbstmordversuch sowie die Konfrontationen mit Mitgliedern ihrer Familie, die ihre behauptete Identität zu widerlegen versuchen –, ist von einer solchen Gewalt, einer derart bezwingenden Urkraft und existentiellen Dimension, dass die Tänzerin dafür den Benois de la danse verdiente. Hier wird sie zur expressionistischen Ausdruckstänzerin in der Nachfolge einer Isadora Duncan. Die Starballerina der Compagnie hat mit der Anastasia eine neue Glanzrolle gefunden. Bernd Hoppe

 

Wiedersehen mit Bekannten bei BelAir: In ihrer HD Collection THE BOLSHOI BALLET hat BelAir legendäre Aufführungen der berühmten Compagnie neu veröffentlicht oder wiederaufgelegt. Älteste Ausgabe ist La Fille du Pharaon von 2003 mit der Musik von Cesare Pugni in der Choreografie von Pierre Lacotte, der Petipas Schöpfung von 1862 rekonstruiert hatte (BAC 301). Nach der bejubelten Uraufführung in St. Petersburg kam das neue Stück bereits zwei Jahre später am Moskauer Bolshoi heraus, wo es 1905 eine Neufassung von Alexander Gorsky erlebte und weiterhin einen prominenten Platz im Repertoire einnimmt.

„La Fille du Pharao“/ Pugni/ BelAir

In der Titelrolle ist die noch heute amtierende Assoluta der Compagnie, Svetlana Zakharova, zu sehen, die mit ihrem Stilgefühl, ihrer Präsenz und Bravour als Pharaonentochter Aspicia einen denkwürdigen Auftritt hat. Der junge Engländer Lord Wilson, der während einer Ägypten-Reise in einer Pyramide Schutz vor dem Sturm sucht und im Traum zu dem Ägypter und Aspicias Geliebten Taor wird, ist Sergueï Filin. Der Tänzer geriet vor einigen Jahren in die internationalen Schlagzeilen der Presse wegen des auf ihn verübten Säureattentats. In der zentralen männlichen Rolle, die bei der Uraufführung immerhin von Petipa selbst übernommen wurde, gibt er ein glänzendes Zeugnis seiner technischen Meisterschaft und bezwingenden Ausdrucksstärke. Seine Pas de deux mit Aspicia in jedem der drei Akte sind Edelsteine des choreografischen Erbes. Die getreue Sklavin Ramzé verkörpert Maria Aleksandrova und macht sie dank ihrer Autorität zu einer wichtigen Figur. Im Pas d’action des 2. Aktes brillieren Anna Tsygankova, Anastasia Goryatcheva und Denis Medvedev. Da der Pharao seine Tochter mit dem König von Nubien vermählen will, muss das liebende Paar fliehen und findet Zuflucht in einer Fischerhütte am Ufer des Nils. Weil sich Aspicia von den Strapazen der Flucht erholen soll, begleitet Taor einen Fischer (sprungstark: Dimitri Gudanov). In seiner Abwesenheit entzieht sich seine Geliebte der Gefangennahme durch den nubischen König mit einem Sprung in den Nil, während der zurückkehrende Taor verhaftet wird. Mit spektakulärem Bühnenzauber in den Tiefen des Flusses setzt sich die  Handlung fort. Der mächtige Gott des Flusses lässt Aspicia ans Ufer zurückkehren und ihren Taor wiedersehen. Auch der Pharao gibt dem Paar schließlich seinen Segen. Dann aber ist Lord Wilsons Traum vorbei und er kann sich nur lächelnd an das wundersame Geschehen erinnern.

Die abenteuerliche Geschichte wird in historischen Dekorationen (mit stupender Perspektivmalerei) und phantasievollen Kostümen von unbeschreiblicher Pracht gezeigt. Auch dafür zeichnete Pierre Lacotte verantwortlich. Das Orchester des Bolshoi Theaters unter Alexander Sotnikov entfaltet den ganzen Zauber von Pugnis Musik mit ihren federnden Rhythmen und dem schwelgerischen Melos. Allen Freunden des romantischen Balletts sei diese Veröffentlichung empfohlen. Bernd Hoppe

Aus dem Jahre 2014 stammt ein weiteres französisches Ballett, Marco Spada mit der Musik von Auber, das gleichfalls Pierre Lacotte choreografierte (BAC 113). Die Geschichte um den Banditen Marco Spada und seine Tochter Angela, von David Hallberg und Evguenia Obraztsova bravourös interpretiert, wurde auf diesen Seiten bereits ausführlich besprochen. B. H.

„The Gilden Age“/ BelAir

Neu auf dem Markt ist eine Produktion von 2016 und betrifft Schostakowitschs The Golden Age, das der heute 90jährige Yuri Grigorovich 1982 mit einem neuen Libretto für Yurek Mukhamedov choreografiert hat (BAC 143). Aktuelle Stars der Compagnie, wie Nina Kaptsova als junge Rita, die als Mademoiselle Margot im Varieté „Das goldene Zeitalter“ auftritt, Mikhail Lobukhin als Jaschka, Anführer einer Gangsterbande und als Monsieur Jacques Ritas Partner in der Show, sowie Ruslan Skvortsov als Rita liebender Fischer Boris, sind die Garanten für einen tänzerisch hochkarätigen Abend. Die Handlung geht zurück in die 1920er Jahre und führt in den Süden Sowjetrusslands, wo zwielichtige Unternehmer und Kleinkriminelle ihre Geschäfte machen. Im Restaurant „Das goldene Zeitalter“ vergnügt sich das Publikum an den Darbietungen von Mademoiselle Margot und Monsieur Jacques – Künstlernamen für Rita und ihren künstlerischen Partner Yashka. Den frechen Showmaster, ganz in der Manier des Conferencier aus Cabaret, gibt Vyacheslav Lopatin weiß geschminkt und schwarz/weiß kostümiert. Kaptsova und Lobukhin sind glänzend, auch in der Beherrschung der geforderten Show-Elemente. Ekaterina Krysanova imponiert mit ihren lasziven Aura und furiosen Attacke als Yashkas Komplizin Lyushka, der sie am Ende tötet.
Ausstatter Simon Virsaladze hat die Szene im Stil der russischen Maler-Avantgarde jener Zeit (Malewitsch/Gontscharowa) gestaltet mit abstrakt geometrischen Mustern von leuchtender Farbigkeit oder nachtblauen Stimmungen. Verliebt ist Rita in den jungen Fischer Boris, den sie bei einem Stadtfest als Mitglied des Agitproptheaters kennen gelernt hat. Skvortsov hat hier effektvolle Sprungreihen von höchstem Schwierigkeitsgrad zu absolvieren, die an Grigorovichs legendären Spartacus erinnern. Gegen alle Widerstände von Yashka wird Rita am Ende die Show verlassen und sich für ein gemeinsames Leben mit Boris entscheiden.

Schostakowitschs geniale Musik mit flotten Rhythmen, frivolen Walzerklängen,  lärmenden Turbulenzen, aber auch träumerischer Lyrik wird vom Orchester des Bolshoi Theaters unter Leitung von Pavel Klinichev hinreißend gespielt. Die akustische Folie und Grigorovichs adäquate Choreografie, welche die grotesken und dramatischen Momente der Handlung ebenso rasant wiedergibt wie einfühlsam die innigen Liebesszenen, verbinden sich zu einer faszinierenden Einheit. Bernd Hoppe

 

 

Frankenstein aus London bei OPUS ARTE: Die Kreatur und die Liebe. Dank OPUS ARTE sind die großen Produktionen des Royal Ballet London der letzten Jahre auf DVD dokumentiert und bleiben der Nachwelt erhalten als bedeutende Zeugnisse choreografischer und tänzerischer Meisterschaft. Ein solches ist Liam Scarletts Ballett Frankenstein, das am 4, Mai 2016 seine Weltpremiere in Covent Garden erlebte und zwei Wochen später für die Veröffentlichung aufgezeichnet wurde (OA 1231 D). Das Stück basiert auf Mary Shelleys Schauerroman von 1818 und erzählt die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Victor Frankenstein, von seiner Liebe zu Elizabeth und den Versuchen im anatomischen Hörsaal, die schließlich zur Erschaffung einer lebenden Kreatur führen. Das abstoßend hässliche Wesen entflieht, während Victor von Alpträumen heimgesucht wird. Erschütternd ist der Schrei der Kreatur nach Liebe, die ihr sein Erzeuger verweigert, was diese zum Mörder an dessen Familie werden lässt. Victor nimmt sich am Ende das Leben und wird von der Kreatur in die Flammen des Frankensteinschen Herrenhauses getragen.

John Macfarlane besorgte die atmosphärische Ausstattung im Stil des späten  18. Jahrhunderts. Besonderes Aufsehen erregen das originalgetreu nachgebaute Anatomiekabinett mit seinen Regalen voller konservierter Organe sowie die Nachbildung  einer elektrostatischen Maschine, mit deren Hilfe die Kreatur zum Leben erweckt wird.

Die Musik stammt von dem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Lowell Liebermann und war seine erste Auftragsarbeit für ein abendfüllendes Ballett. Sie gibt sich dynamisch und tänzerisch, erlaubte dem Choreografen, seinen neoklassischen Stil perfekt umzusetzen. Die schnelle Fußarbeit und die biegsamen Rückenpartien der Tänzer erinnern an Frederick Ashton, während die dramatische Erzählweise mit ihrer emotionalen Tiefe auf Kenneth MacMillan verweist. Koen Kessels und das Orchestra of the Royal Opera House interpretieren die Komposition mit einprägsamer Formung der Harmonien und Dissonanzen, halten diese Kontraste in perfekter Balance.

Erste Kräfte der Compagnie sorgen für eine tänzerische Sternstunde, angeführt von Steven McRae als The Creature. Der Ausnahmetänzer brilliert gleichermaßen in den klassischen Kavaliersrollen wie als exzentrische oder skurrile Figuren und hat hier eine neue Glanzrolle gefunden. Neben seiner bestechenden technischen Brillanz überwältigt die enorme Ausdruckskraft, mit der er das Schicksal dieses erbarmungswürdigen Wesens gestaltet. Der verzweifelte Schrei der Kreatur nach Liebe wird in seiner Interpretation zur ergreifenden Schlüsselszene des Balletts.

Ungewöhnlich ist die Besetzung des Victor Frankenstein mit Federico Bonelli, der  in London bisher vor allem die jugendlichen Rollen – Romeo und auch diverse Prinzen – getanzt hat. Hier nun gibt er erstmals eine tragische Figur, zerrissen im schöpferischen Ehrgeiz und dem Versagen an Menschlichkeit. Dem Tänzer gelingt damit ein erster überzeugender Schritt ins Charakterfach.

Victors Geliebte Elizabeth, die einst von den Frankensteins adoptiert wurde, ist Laura Morera in einer noblen, würdevollen Darstellung, unerschütterlich in ihrer Liebe zu Victor und gefasst auf ihn wartend. Ihr großer Pas de deux mit Victor im 2. Akt ist ein emotionaler und tänzerischer Höhepunkt der Handlung. In Nebenrollen überzeugen Christina Arestis als aristokratische Caroline Beaufort, Victors Mutter, die tragischerweise die Geburt des zweiten Kindes nicht überlebt.  Dieser jüngere Bruder Victors heißt William (Guillem Cabrera Espinach) und findet gleichfalls ein trauriges Ende, wird er doch an seinem Geburtstag von der Kreatur umgebracht. Auch Henry Clerval, Victors Freund seit den Studientagen (Alexander Campbell), fällt dem Monster zum Opfer – ebenso wie Victors Eltern und Elizabeth. Dennoch gelingt es McRae bezwingend, der Figur die Würde zu bewahren und ihr das Verständnis des Zuschauers zu sichern.

Für alle Ballettfreunde, die die Aufführung in London oder bei der Live-Übertragung in die Kinos nicht sehen konnten, bietet die DVD Gelegenheit, dieses einzigartige Tanzereignis nachzuholen. Bernd Hoppe

Bei EuroArts: Bekanntes neu gesehen. Beim Staatsballett Berlin war der französische Choreograph Thierry Malandain bisher noch nicht präsent, dafür beim Ballett der Oper Leipzig – immerhin mit zwei Arbeiten (Don Juan und Mozart à deux). Daher ist eine DVD-Neuveröffentlichung bei EuroArts von besonderem Interesse. Sie bringt unter dem Titel Malandain Ballet Biarritz zwei live aufgenommene Gala-Abende von 2016 und 2012 mit Choreografien des Franzosen (2064 198). Der erste stammt aus dem La Lanterne Theater in Rambouillet und präsentiert drei Stücke auf Kompositionen von Beethoven, Chopin und Vivaldi. Silhouette als Auftakt für den athletischen Solisten Frederik Deberdt zeigt ihn in einem Karree aus vier Ballettstangen bei seinen Exercises in diversen Positionen und Posen.

Dagegen sieht man im zweiten Beitrag, Nocturnes (mit den Klavierstücken von Chopin), den Einsatz der 22köpfigen Compagnie. Zunächst agieren nur zwei Tänzer in synchronen Figuren, danach gibt es verschiedene Formationen von Duos, Trios und Gruppen bis zur Aktion des gesamten Ensembles am Schluss. Neoklassisches Vokabular wird hier originell aufgebrochen durch modern anmutende körperliche Effekte.

Den Schluss bildet Estro auf Musik Vivaldis, mit 20 Tänzern wiederum groß besetzt. Effektvoll ist der Beginn von sakraler Feierlichkeit, wo ein Tänzer  scheinbar auf brennenden Kerzen liegt. Der folgende Auftritt der Compagnie bringt erneut die Verknüpfung von zeitgemäßer und neoklassischer Tanzsprache, wechselnd zwischen Pietà-Darstellungen, Bildern der Trauer und heiteren, lebensbejahenden Szenen.

Besonders spannend ist die 2. Gala von 2012, wo der Choreograph bekannte Werke neu beleuchtet und dabei zu verblüffenden Lösungen kommt. In Debussys L’après midi d’un faune steigert sich der grandiose Solist Arnaud Mahouy vom lasziven Rekeln auf einer weißen Bettstatt mit vaginaler Öffnung in der Mitte, aus welcher ein weißes Tuch ragt, über das Zitieren von Nijinsky-Posen bis zur orgiastischen Ekstase.

Ein Klassiker in der berühmten Version von Michail Fokine ist Le spectre de la rose auf die Musik von Weber. Mit seiner Neudeutung hatte Malandain also kein leichtes Amt übernommen, doch ist ihm eine überraschende Deutung gelungen. Mit Miyuki Kanei und Daniel Vizcayo sieht man keine romantische Geschichte, sondern zwei Menschen von heute, deren Beziehung zunehmend aggressiver und bedrohlicher wird und schließlich zur Vergewaltigung führt – bis das Mädchen aus einem Albtraum erwacht. Vor allem der Tänzer fasziniert mit seiner geheimnisvollen Aura, der sinnlichen Körperhaltung und den ungewöhnlichen tänzerischen Aktionen, die der Choreograf für ihn erdacht hat.

Auf traditioneller, griechisch und arabisch anmutender Musik, arrangiert von Vincent Dumestre, fußt der letzte Titel dieses Programms Une dernière chanson mit zehn Solisten des Ensembles. Das ist ein vitaler Abschluss des Programms mit folkloristisch inspirierten Tänzen und mehreren Duetten, der beim Publikum große Begeisterung auslöst. Bernd Hoppe

Neumeiers Death in Venice bei ARTHAUS. In der Serie Elegance hat ARTHAUS nun auch John Neumeiers Death in Venice aus dem Jahre 2003 wiederaufgelegt, was Berliner Musikfreunde wegen der bevorstehenden Premiere von Brittens gleichnamiger Oper im Haus an der Bismarckstraße besonders interessieren dürfte. Die Aufführung wurde bei einem Gastspiel des Hamburg Ballett im Festspielhaus Baden-Baden 2004 mitgeschnitten (109274).

Neumeier nutzte für seine tänzerische Version der Thomas-Mann-Novelle Musik von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner, denn der alternde Aschenbach ist bei ihm ein berühmter Choreograf, der ein Ballett über Friedrich den Großen auf Musik von Bach erarbeitet. Da treten der preußische König selbst (Ivan Urban) und La Barbarina (Hélène Bouchet) auf. Silvia Azzoni und Alexandre Riabko sind die personifizierten Konzepte des Meisters. Den Aschenbach kreierte Neumeier für seinen langjährigen Ersten Solisten Lloyd Riggins, einen Charaktertänzer par excellence, der als potentieller Nachfolger des Intendanten gilt. Er gibt ein faszinierendes Bild eines psychisch Zerrissenen, sein geradezu zerfließendes Gesicht fängt die Kamera plastisch ein – diese Close-ups, sonst eher problematisch, dienen hier der Verstärkung des Ausdrucks. Edvin Revazov ist der schöne und von Aschenbach begehrte Tadzio, dessen erstes Erscheinen von der Musik zu Wagners „Wesendonck-Liedern“ begleitet wird.  Elizabeth Cooper spielt deren Klavierfassung sehr einfühlsam. Laura Cazzaniga ist als als Tadzios Mutter ganz elegante Dame, Arsen Megrabian als sein Freund Jaschu ein lebensfroher, vitaler Bursche. Die Tänze zwischen den Freunden hält Neumeier gekonnt in der Schwebe zwischen jugendlicher Unbekümmertheit, naivem Übermut und sinnlichem Erwachen. In den sensiblen Begegnungen zwischen Aschenbach und Tadzio erweist sich der Choreograf als Meister im Erfassen seelischer Schwingungen, die tänzerisch umgesetzt sind in erotisch knisternder Körperlichkeit. Einen geheimnisvollen ersten Auftritt haben Jirí und Otto Bubenícek, die im Doppel als Wanderer, Gondoliere, dekadentes schwules Tanzpaar, Dionysos in einer orgiastischen Szene zum Tannhäuser-Bacchanal, Friseur und rockender Gitarrist auftreten. Genial ist die minimalistische Bühne von Peter Schmidt mit dem berühmten ”Flötenkonzert“-Gemälde Menzels zu Beginn und stilisierten Wellenreflexionen am Lido. Neumeiers Ballett der Träume und Sehnsuchtsvisionen ist ein Meisterwerk mit Lloyd Riggins als kongenialem Interpreten. Der Bonus bietet in einem Film von Norbert Beilharz (Der andere Liebestod) ein informatives Interview mit dem Choreografen und stimmungsvolle Probenausschnitte. Bernd Hoppe

Neu bei BelAir: Aurélie Dupont als Manon in Paris. Neben Crankos Onegin und Neumeiers Kameliendame gehört Kenneth MacMillans Manon zu den wichtigsten im 20. Jahrhundert geschaffenen Handlungsballetten. Die Uraufführung fand 1974 beim Royal Ballet London mit Antoinette Sibley als Manon statt. Von dieser Inszenierung in der Ausstattung von Nicholas Georgiadis existieren zwei Aufführungen auf DVD – aus dem Jahre 1982 mit Jennifer Penny und Anthony Dowell, der die Rolle des Des Grieux bei der Premiere kreiert hatte, sowie Tamara Rojo und Carlos Acosta von 2008. Nun legt BelAir die Aufzeichnung eines Abends in der Pariser Grand Opéra vom 18. Mai 2015 vor, die hohen dokumentarischen Wert  besitzt, hält sie doch die Abschiedsvorstellung von Aurélie Dupont fest (BAC 135). Die Primaballerina, seit 1998 Étoile der renommierten Compagnie, gibt in der Titelrolle eine so umwerfende Demonstration ihrer Kunst, dass man kaum glauben mag, sie fortan nicht mehr auf der Tanzbühne erleben zu können. Dupont ist in ihrem Naturell ein damenhafter Typ, dennoch gelingt es ihr in den ersten Szenen, die Unschuld des jungen Mädchens, in der freilich schon ein Hauch von Verderbtheit schwingt, überzeugend darzustellen. Sie ist kapriziös schon vom ersten Auftritt an, verführerisch und begehrenswert. Wunderbar das Erwachen der jungen Liebe und ihr erster Pas de deux mit Des Grieux (auf Massenets Élégie), bei dem noch Koketterie mitschwingt, aber das Gefühl für den jungen Studenten immer stärker wird. Beider inniges Glück zeigt der Pas de deux in der Pariser Wohnung auf Musik aus Cendrillon, der zu den Höhepunkten der Choreografie zählt. Der schwelgerische Rausch der Komposition malt den Gefühlszustand des Paares perfekt aus und das Orchestre de l’Opéra de Paris spielt ihn unter Martin Yates, der auch das musikalische Arrangement der Massenet-Stücke besorgte, angemessen schillernd und duftig. Wenn Manon dem Werben von Monsieur Guillot erliegt und dem Reiz des Luxus verfällt, ist Dupont in prachtvollen Roben, Pelzen und Schmuck ganz Grande Dame, eine aristokratische Schönheit von unnachahmlicher Eleganz – Französin eben, was sie den konkurrierenden Interpretinnen auf der internationalen Tanzszene voraus hat. Bei der Abendgesellschaft von Madame tanzt sie mit solch sinnlicher Raffinesse, dass Des Grieux trotz seiner Enttäuschung ihr nicht länger widerstehen kann. Das Wiederfinden der beiden Liebenden ist ein trügerisches Glück und gerade deshalb so bewegend. Wenig später in einem Sumpfgebiet endet der Liebestraum von Manon und Des Grieux – mit einem Pas de deux nach Musik aus La Vièrge, der in seinem geradezu artistischen physischen Anspruch mit spektakulären Hebungen und Würfen sowie der existentiellen Ausdrucksdimension kaum einen Vergleich hat. Dupont und ihr Partner  krönen ihre exemplarischen Darstellungen mit diesem Atem beraubenden Finale.

Als Artiste invité tritt Roberto Bolle in der Rolle des Des Grieux auf – in Erscheinung, Aura und technischem Vermögen ist er unübertrefflich. Seine exquisit zelebrierten und raffiniert verzögerten Drehungen, die weiten Sprünge, die majestätischen Arabesquen – Bolle hat hier einen seiner besten Auftritte. Auch in der Gestaltung wirkt er stark und gereift, besitzt den jugendlichen Charme des Liebhabers, zeigt auch die tiefe Verletztheit des Verlassenen. Gleichermaßen überzeugend sind seine wilde Entschlossenheit, Manon zurück zu gewinnen und sie nicht wieder zu verlieren, und der verzweifelte Kampf um ihr Leben am Ende.

Weitere Danseurs Étoiles stehen für die erstrangige Besetzung, so der charismatische Stéphane Bullion als Manons geschäftstüchtiger Bruder Lescaut, der mit Alice Renavand als seiner Maitresse Szenen von gleichermaßen umwerfender Komik wie stupender technischer Bravour absolviert. Selbst Charakterrollen wie der reiche, von Manon faszinierte Monsieur Guillot und Le Geolier, der brutale, Manons Situation schamlos ausnutzende Gefängniswärter, sind mit Ètoiles (Benjamin Pech und Karl Paquette) hochkarätig besetzt.

Am Ende wird Aurélie Dupont vom Publikum minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert, vom Schnürboden mit silbernen Sternen übersät, von ihren Kindern auf offener Bühne mit Blumen beglückwünscht. Der Bonus der DVD hält die Ausnahmetänzerin in einem aufschlussreichen Interview fest. Am 4. Februar 2016 wurde sie zur neuen Directrice des Ballet de l’Opéra national de Paris ernannt, wo sie die Nachfolge von Benjamin Millepied angetreten hat. Bernd Hoppe

Neu bei BelAir: Der Zar des Bolshoi – Ein Porträt des bedeutenden russischen Choreografen Yuri Grigorovich, der auch „Zar des Bolshoi“ genannt wurde, legt BelAir auf DVD vor (BAC 137). The Golden Age ist der Titel dieses Films von Denis Sneguirev, der die 31 Jahre beleuchtet, welche das weltberühmte Bolshoi Ballet unter seiner Führung stand. Neben den Interpretationen der Tschaikowsky-Klassiker gelangte er vor allem durch seine Ballette Spartacus und Ivan the Terrible zu internationalem Ruhm. Beim Royal Ballet London und dem der Opéra national de Paris gab es davon spektakuläre, auch auf DVD aufgezeichnete Produktionen.

Der Film beginnt mit den Vorbereitungen für eine Gala am Bolshoi zu Grigorovichs 85. Geburtstag und ist in Kapitel eingeteilt. Das erste heißt Leningrad, wo in den 1950er Jahren seine Karriere als Tänzer begann und er mit 20 Jahren ein Kinderballett als seine erste Choreografie schuf. Auf Einladung seines Lehrers Lopuchow entstand als erstes großes Werk die Choreografie zu Prokofjews Die steinerne Blume. Ein historischer Filmausschnitt daraus zeigt den durch ihn veränderten Geist in der Ballettästhetik – eine innovative Einheit von Musik, Tanz und Drama. Die Synthese von klassischem Spitzentanz und akrobatischen Sprüngen und Hebungen wird zu Grigorovichs Markenzeichen. Mit Maja Plissetzkaja als Herrin des Kupferberges ist dieses Ballett auch beim ersten Gastspiel der Compagnie in New York zu sehen. Es folgt Melikows Legende von der Liebe, in welcher sich der Choreograf erstmals als Meister der großen Gruppenszenen erweist, die schon den Spartak vorwegnehmen. In einer Szene, einem leidenschaftlichen Liebesduett, sind Alla Osipenko und der spätere Superstar Irek Muhamedov, der dann Principal Dancer des Royal Ballet London wurde, zu sehen. Auch die Plissetzkaja und Maris Liepa sind in einem Pas de deux daraus zu erleben. Solche Dokumente machen den Wert dieser Ausgabe aus. Da trotz der Erfolge kein weiteres Angebot von Seiten des Leningrader Hauses kam, wechselt Grigorovich ans Bolshoi nach Moskau. Als erste Arbeit dort widmet er sich einer Neufassung von Petipas legendärem Dornröschen. Der Ausschnitt mit der Plissetzkaja in der Titelrolle ist eine Rarität, hat sie diesen Part, der ihrem Naturell weniger entsprach, doch nicht so oft getanzt. Ein anderer Star des Ensembles, Natalja Bessmertnova, vor allem als Giselle berühmt, wird Grigorovichs Ehefrau, was ihr naturgemäß viele Jahre die zentralen Rollen der Stücke einbrachte. Ein anderes berühmtes Tänzer-Ehepaar waren Jekaterina Maximowa und Wladimir Wassiljew, die für die Grigorovich-Generation stehen und 1968 seinen Spartacus kreierten.

Dieser wichtigen Schöpfung, die noch heute als das athletischste Männerballett gilt, ist das 2. Kapitel gewidmet, das zu Beginn Szenen mit berühmten Interpreten zeigt, darunter Carlos Acosta und Nina Kaptsowa in Paris als heutige Vertreter, aber auch historische Legenden wie Michail Lawrowski oder Boris Akimow. Seine sich anschließende Neudeutung des Schwanensee wurde von der sowjetischen Kulturministerin Furzewa zensiert und er gezwungen, den tragischen Schluss in ein optimistisches Ende zu verändern.

The Tsar nennt sich das dritte Kapitel und beginnt mit einer Szene aus Ivan the Terrible mit Juri Vladimirow als Titelhelden. Nach der Premiere 1975 am Bolshoi folgt ein Jahr später eine Neuinszenierung beim Ballett der Pariser Oper auf Einladung von Rolf Liebermann.

Im Kapitel 4, The Golden Age, spricht der ehemalige Solotänzer Vladimir Derevianko über die gloriosen Jahre am Bolshoi mit seinen vielen Stars. Grigorovichs neues Ballett Das goldene Zeitalter auf Musik von Schostakowitsch fasst noch einmal seine Tugenden zusammen – grandiose Männerrollen, lyrische Pas de deux, vitale Ensembles. Es war der Durchbruch für Irek Muhamedov, der am Bolshoi als Nachfolger von Wassiljew galt und sich 1990 nach London absetzt. Der politische Umbruch in der Sowjetunion und deren Ende 1991 führte zu Grigorovichs Entlassung vom Bolshoi, nachdem vorher schon die alte Tänzer-Elite in Pension gehen musste.

Der Choreograf gehörte in der Sowjetunion nicht der Kommunistischen Partei an, galt aber dennoch viele Jahre als ein Vorzeigekünstler des Regimes und wurde anlässlich seines 60. Geburtstages mit der höchsten Auszeichnung „Held der Arbeit“ geehrt. Die Realisierung seines Planes, berühmte westliche Choreografen an das Bolshoi zu binden, blieb ihm versagt. Bei den Proben erwies er sich als strenger, unnachgiebiger Chef, der bei den Tänzern eine immense Autorität besaß. Noch heute sprechen einstige Stars und internationale Ballettkritiker mit größter Hochachtung über ihn und sein unvergängliches Werk. Deshalb ist diese Ausgabe bedeutend, auch wenn ihre Präsentation (ohne Booklet und Trackliste) äußerst dürftig ausgefallen ist. Bernd Hoppe

ARTHAUS hat in ihrer Reihe Elegance – The Art of… einige ältere Ballettaufzeichnungen wiederaufgelegt, darunter, passend zur eben zu Ende gegangenen Weihnachtszeit, Patrice Barts The Nutcracker von 1999 live aus der Berliner Staatsoper, den BEL AIR MEDIA bereits veröffentlicht hatte. Der französische Choreograf stützte sich bei seiner Version auf Marius Petipas Original, veränderte es vor allem hinsichtlich der Rahmenhandlung des 1. Aktes im Hause der Familie Stahlbaum. Dieser wird noch ein Prolog vorangestellt, in dem die Grande Duchesse (Beatrice Knop in gewohnt expressiver Gestaltung) und ihre Tochter durch Kriegswirren getrennt werden, sich aber am Ende der Geschichte wiederfinden. Die Produktion entstand noch vor Gründung des Berliner Staatsballetts, ist also eine Inszenierung mit dem Ballett der Deutschen Staatsoper Berlin, aber bereits mit Vladimir Malakhov an der Spitze. Sein Prince Casse Noisette zeigt ihn in Hochform, ist ein bedeutendes Dokument seiner langen Karriere. Nadja Saidakova ist entzückend als Marie, zierlich und jung in der Erscheinung, anmutig in ihren Soli. Oliver Matz, langjähriger Meistertänzer der Compagnie, gibt dem Drosselmeyer den gebührend geheimnisvollen Umriss, beweist in einem neu erdachten Pas de trois mit Marie und dem Prinzen am Ende des ersten Bildes sowie in einem anspruchsvollen Solo im 2. Akt auch seine tänzerischen Qualitäten. Barbara Schröder ist eine charismatische Frau Stahlbaum von unnachahmlicher Eleganz, Torsten Händler ihr gestrenger Gatte. Das Corps de ballet brilliert im Weißen Bild als Schneeflocken mit Viara Natcheva als hoheitsvoller Reine de Neiges. Das Divertissement bei der Grande Duchesse  bietet die bekannten Nummern in glänzender Umsetzung. Dem Prinzen wird sogar sein selten zu sehendes Entrée zu Tschaikowskys majestätischer Musik gegönnt, in welchem Malakhov mit wunderbarer Leichtigkeit und Noblesse glänzt. Und im finalen Grand pas de deux sorgt er gemeinsam mit der Saidakova für den tänzerischen Höhepunkt des Abends. Luisa Spinatellis märchenhafte Ausstattung verleiht der Aufführung eine stimmige Atmosphäre, Daniel Barenboims Leitung der Staatskapelle Berlin das gediegene musikalische Profil (109276).

Den Choreografen Mats Ek rückt die Veröffentlichung seiner Giselle-Version für das Cullberg Ballett ins Licht, die 1982 ihre Weltpremiere erlebt hatte und fünf Jahre später in einer Fassung für das schwedische Fernsehen eingerichtet wurde. ARTHAUS brachte diese Aufzeichnung bereits vor Jahren heraus (damals mit informativem mehrsprachigem Booklet) und legte sie nun in ihrer Reihe Elegance (in weitaus bescheidenerer Ausstattung) wieder auf. Die Deutung des schwedischen Choreografen bricht radikal mit den Sehgewohnheiten bei diesem wohl populärsten romantischen Ballett. Anna Lagunas Giselle ist eine Außenseiterin und zeigt deutliche debile Züge, wodurch ihre absolute Hingabe an Albrecht (Luc Bouy) und das blinde Vertrauen zu dem Unbekannten umso berührender und tragischer wirken. Die spanische Tänzerin in der Titelrolle, seit 1974 beim Culberg Ballett, ist ein Ereignis, setzt die komplizierte, fordernde Körpersprache des Choreografen mit bedingungsloser Hingabe um und überzeugt darüber hinaus durch ihre starke Persönlichkeit mit der enormen mimischen und gestischen Intensität. Ek verlegte den 2. Akt, das nächtliche Waldbild mit Giselles Grab, in den geschlossenen Raum einer Psychiatrie. Dort ist die Myrtha (Lena Wennergren) eine gestrenge, aber auch mitfühlende Aufseherin, dort findet Giselle nach ihrem Rückzug aus der Realität eine neue Traum-Welt. Albrecht, der sie in der Anstalt besucht, zerbricht an seiner Schuld, kehrt in völliger Nacktheit zurück an jenen Ort, wo er Giselle einst traf und verriet. Mit einer berührenden Geste endet das Stück, wenn Hilarion (Yvan Auzely) dem einstigen Kontrahenten seine Blöße bedeckt. Marie-Louise de Geer Bergensträhles surreale Ausstattung mit einer Landschaft aus Brüsten im 1. und einer Wandtapete aus Fingern, Ohren, Nasen  und Phalli im 2. Akt illustriert die neu erdachte Geschichte perfekt. Als musikalische Folie diente eine Einspielung von Adams Musik mit dem Orchestre National de l’Opéra de Monte-Carlo unter Richard Bonynge (109280).

Auf Anregung der langjährigen Directrice des Ballet de l’Opéra national de Paris, Brigitte Lefèvre, entstand 2010 das Ballett La Petite Danseuse de Degas, welches die berühmte Skulptur des Malers und Bildhauers zur Vorlage hat. Choreograf Patrice Bart und der Komponist Denis Levaillant schufen ein Werk, dessen Musik sich in ihrer schwelgerischen Melodik an Tschaikowsky orientiert, in ihren hämmernden Rhythmen aber auch an Philip Glass erinnert, und dessen Tanzbilder alles bieten, was zu einem großen Ballett gehört – fließende, elegante Pas de deux im neoklassischen Stil, vitale Gruppenszenen und Episoden dramatischer Konflikte. Koen Kessels leitet das Orchestre de l’Opéra national de Paris mit großem Einfühlungsvermögen in die stilistische Vielfalt der Komoposition. Auch dieser Live-Mitschnitt aus der Opéra Garnier wurde zuerst von BEL AIR MEDIA herausgebracht und ist nun dank ARTHAUS wieder zugänglich. Nicht weniger als sechs Étoiles vereint die Besetzungsliste, angeführt von Clairemarie Osta in der Titelrolle. Zu Beginn ist sie die Skulptur in einer Vitrine, die von den Museumsbesuchern betrachtet wird, erwacht dann zum Leben und reist in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Da sind die Szenen im Ballettsaal der Pariser Oper mit der jungen Anfängerin, der aristokratischen Danseuse Étoile (Dorothée Gilbert), dem bravourösen Maitre de ballet (Mathieu Ganio) und dem flinken Violiniste (Emmanuel Thibault). Elisabeth Maurin, einstiger Star der Compagnie, gibt als Guest Danseuse Étoile eine herrische, furios auftrumpfende Mère, Benjamin Pech ist der geheimnisvolle Homme en noir, der als Bildhauer in seinem Studio die junge Tänzerin Modell sitzen lässt. Die Handlung führt in die Opéra, wo ein Grand ball mit opulenten Tanzeinlagen zu einer Ravels La Valse fast zitierenden Musik stattfindet. José Martinez als der wohlhabende Abonné hat hier einen spektakulären Auftritt und danach auch einen anspruchsvollen Pas de deux mit der jungen Tänzerin. Der zweite Teil des Balletts reflektiert an einem Spiegel die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, setzt sich fort im Cabaret Le Chat noir, wo die Mutter ihre Tochter an den Abonné verkuppeln will. Diese versucht, ihn zu bestehlen, und landet danach im Gefängnis Saint-Lazare. Inmitten von Wäscherinnen findet sich La petite danseuse in einer surrealen Szenerie wieder, bis der Epilog sie und den Homme en noir, den Schöpfer der Skulptur, in einem großen Pas de deux vereint (109272). Bernd Hoppe

Neu bei Cmajor: Unsterbliche Schneeflocken. Kein Weihnachtsfest ohne Tschaikowskys Ballett The Nutcracker – ob in einem der Opernhäuser oder im Kino bei einer Übertragung aus dem Royal Ballet London und dem Moskauer Bolshoi. Auch der Musikmarkt hält zahlreiche Aufnahmen bereit, die durch die unterschiedlichen choreografischen Deutungen aufschlussreiche Vergleiche ermöglichen.  Jetzt legt Cmajor George Balanchines Version für das New York City Ballet von 1954 vor, die im Dezember 2011 im New Yorker David H. Hoch Theater aufgezeichnet wurde (738608). Die überaus beliebte Produktion erhält ihren Glanz durch das märchenhaft-stimmungsvolle Bühnenbild von Rouben Ter-Arutunian und Karinskas aufwändige Kostüme. Clotilde Otranto am Pult des New York City Ballet Orchestra dirigiert Tschaikowskys farbige Musik mit viel Liebe zum Detail. Das Violinsolo zu Maries Traum im 1. Akt spielt Kurt Nikkanen sehr einfühlsam.

In Balanchines neoklassischer Choreografie sorgen im Hause von Dr. Stahlbaum und seiner Gattin die Puppen mit ihren Auftritten für erste Höhepunkte (Mary Elizabeth Sell/Harlequin, Lauren Lovette/Columbine, Troy Schumacher/Soldier). Hervorgezaubert hat sie der rätselhafte Herr Drosselmeier (Adam Hendrickson), der der kleinen Marie (entzückend: Fiona Brennan) auch den Nussknacker zum Geschenk macht. In ihrem Traum wächst der Weihnachtsbaum unter Szenenbeifall des Publikums spektakulär in die Höhe, entwickelt sich spannend die Schlacht zwischen Soldaten und Mäusen, wird aus dem Nussknacker ein reizender junger Prinz (Colby Clark), der sich mit Marie in den Winterwald aufmacht. Dort bieten die 16 Schneeflocken  das obligatorische Weiße Bild, das bei Balanchine besonders elegant und leichtfüßig ausfällt.

Der 2. Akt führt das junge Paar in das Reich der Zuckerfee mit all ihren Süßigkeiten, wo im Divertissement phantasievolle Figuren auftreten und mit ihren Tänzen bezaubern. Die Tarantella heißt hier „Hot Chocolate“ und wird temperamentvoll geboten von Brittany Pollack und Adrian Danchig-Waring.  Teresa Reichlen ist die biegsame Solistin im orientalischen Solo „Coffee“ , Antonio Carmena ein sprungflinker Chinese im „Tea“. Daniel Ulbricht imponiert als virtuoser Pierrot mit dem Reifen in „Candy Canes“, Tiler Peck ist die kapriziöse „Marzipan Shepherdess“ . Stets eine besondere Attraktion ist der Auftritt der Mother Ginger in ihrem riesigen Reifrock (Andrew Scordato), unter dem sich die niedlichen Polichinelles versteckt haben. Entzückend sind die Kinder von der School of American Ballet, die schon im 1. Akt bei der Weihnachtsfeier mitgewirkt hatten. Hier sind sie kleine Engel mit goldenen Flügeln und Tannenbäumchen. Nach dem festlichen Blumenwalzer sorgen die Zuckerfee und ihr Kavalier (Megan Fairchild/Joaquine De Luz) im aristokratischen Pas de deux für den tänzerischen Höhepunkt des Abends mit ihren gewagten Sprüngen und den perfekten Balancen. Bernd Hoppe

Bei OPUS ARTE: Neues vom Royal Ballet London. Fast zwanzig Jahre liegen zwischen den beiden Arbeiten von Frederick Ashton, die das Royal Ballet im Januar 2016 zu einem Ballettabend gefügt hat, der nun bei OPUS ARTE auf DVD erschienen ist (OA 1187 D). Zum Auftakt gibt es Rhapsody auf Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini, die das Orchestra of the Royal Opera House unter Barry Wordsworth mit Robert Clark als brillantem Solisten effektvoll musiziert. 1980 war die Choreografie beim Royal Ballet mit Mikhail Baryshnikov und Lesley Collier uraufgeführt worden, was die Messlatte für heutige Interpreten entsprechend hoch legt. Mit Natalia Osipova und Steven McRae verfügt die Compagnie über zwei Principals, die Ashtons enorme technische Anforderungen geradezu spielerisch bewältigen und darüber hinaus mit ihrer charismatischen Ausstrahlung bezaubern. Beide sorgen vor einem Kolonnaden-Schattenriss (Bühne ebenfalls von Frederick Ashton), assistiert von sechs Paaren in Kostümen aus fließenden duftigen Stoffen (William Chappell), mit ihren bravourösen Soli und dem eleganten Pas de deux für spektakuläre Momente.

Erstmals 1961 wurde das Stück The Two Pigeons im Royal Opera House als eine Produktion der Royal Ballet Touring Company gezeigt. Die Musik dazu stammt von André Messager (aus der Oper Véronique und dem Ballett Les Deux Pigeons) und wurde von John Lanchbery arrangiert. Das Orchestra of the Royal Opera House spielt sie wiederum unter Barry Wordsworth mit Esprit, Delikatesse und schwelgerischem Pathos.

Die Handlung führt in das Studio eines Pariser Künstlers, der im Stück The Young Man genannt wird und zu Beginn dabei ist, das Porträt eines jungen Mädchens zu malen. Vadim Muntagirov gibt ihn mit jugendlicher Kraft und der gebührenden Portion an Leichtfertigkeit. Lauren Cuthbertson ist The Young Girl – temperamentvoll  und kapriziös zu Beginn, später anrührend in seiner Verlassenheit. Zwei am Fenster vorbei fliegende Tauben erregen die Aufmerksamkeit des jungen Paares, aber auch vorüber ziehende Zigeuner, darunter A Gipsy Girl (Fumi Kaneko mit Temperament und sinnlicher Ausstrahlung), dem der junge Maler in das Zigeunerlager folgt. Dort verliert er den Konkurrenzkampf mit dem Geliebten des Zigeunermädchens, kehrt zurück in sein Studio, wo das Mädchen noch immer auf ihn wartet und in einem sehr emotionalen Solo seine Sehnsucht nach dem Geliebten ausdrückt.

Der Reiz der Choreografie liegt in den imitierten Taubenbewegungen der Tänzer – eine Spezialität des Choreografen, wie sie auch in seiner Fille mal gardée zu bewundern ist, wo die Hühner auf dem Bauernhof einen ähnlich imaginären Gestus haben. Die rasanten Zigeunertänze (mit einem fulminanten Auftritt von Marcelino Sambé als A Gipsy Boy) bilden dazu einen denkbar großen und entsprechend wirkungsvollen Kontrast.

Eine besondere, weil hybride Form weist das Ballett Elizabeth auf, das die Elemente von Tanz, Gesang und Schauspiel vereint. Entstanden für eine Privataufführung in der Painted Hall des Old Royal Naval Collage in Greenwich, hatte es dort am 27. November 2013 seine Premiere. In London wurde es am 8. Januar 2016 im Linbury Studio Theatre des Royal Opera House zum ersten Mal gezeigt und für die DVD-Veröffentlichung bei OPUS ARTE aufgezeichnet (OA 1214 D). Regisseur und Choreograf ist Will Tuckett, dem Alasdair Middleton assistiert, der auch die Textauswahl verantwortet. Martin Yates ließ sich bei seiner Komposition von der Musik des Elisabethanischen Zeitalters inspirieren (vor allem Dowland, Morley, Talllis u.a.) und schrieb sie für eine kleine Besetzung, den Bariton David Kempster und den Cello-Virtuosen Raphael Wallfisch. Ein Glücksfall für die Produktion war, dass mit Zenaida Yanowsky (unvergessen als The Queen of Hearts in Alices Adventures in Wonderland) und Carlos Acosta zwei Tänzerstars der Sonderklasse zur Verfügung standen. Die Russin in der Titelrolle besticht mit expressiver hoheitsvoller Gebärde und faszinierendem mimischem Ausdruck in einem eindrucksvollen Charakterporträt, der Kubaner als Roberto Devereux mit Vitalität und tänzerischem Raffinement. Bernd Hoppe

Neu bei OPUS ARTE: Mailänder Sternstunde des Tanzes. Gala des Étoiles nennt sich eine neue DVD von OPUS ARTE, welche den Eröffnungsabend für die Expo 2015 im Teatro alla Scala di Milano festhält (OA 1220D). Eine Riege von internationalen Tanzstars versammelt sich auf der traditionsreichen Mailänder Bühne, angeführt vom Étoile des Hauses, RobertoBolle. Mit Polina Semionova zeigt er einen Pas de deux aus Roland Petits Carmen, später noch ein Solo aus Massimiliano Volpinis futuristischem  Prototype, das in seiner Überfülle von visuellen Effekten und Video-Einspielungen den Tänzer eher in den Hintergrund rückt. Die Russin ist als Zigeunerin weniger kapriziös denn geheimnisvoll, der Italiener in seiner schnittigen Uniform und bestechenden Haltung ein Torero wie aus dem Bilderbuch. Ein aufsteigender Star der Scala-Compagnie ist deren neuer Erster Solotänzer Claudio Coviello, der mit Melissa Hamilton im Pas de deux aus dem 2. Bild von Kenneth MacMillans Manon das Publikum verzaubert. Zu den langjährigen Superstars des Hauses gehört Svetlana Zakharova, deren Mailänder Auftritte (Odette/Odile, Giselle, Nikia) auch auf DVD dokumentiert sind. Die Gala bereichert sie mit Mikhail Fokines  unsterblichem Solo The Dying Swan, das sie in großer Manier zelebriert und damit ihren Ausnahmerang unter den Ballerinen der Gegenwart unterstreicht. Auch ihr zweiter Beitrag, der Pas de deux aus Marius Petipas Le Corsaire, besitzt höchsten Rang. Hier ist Leonid Sarafanov, ein Star der jüngeren Tänzergeneration in Russland, ihr Partner. Er hatte schon vorher gemeinsam mit Alina Somova, auch sie ein neuer Stern am russischen Tänzerhimmel, in Victor Gsovskys Grand Pas classique auf Musik von Auber brilliert. Zu Mailands Tänzerkometen gehört auch Massimo Murru, der mit Maria Eichwald die Balkonszene aus Kenneth MacMillans Romeo and Juliet zeigt. Beide sind reife Interpreten ihrer Rollen, aber im Ausdruck absolut überzeugend. Die langjährige Erste Solistin aus Stuttgart hatte vorher mit Mick Zeni in einer Szene aus Roland Petits La Rose Malade gleichfalls durch die starke Emotionalität ihres Vortrags beeindruckt. Für zwei spektakuläre Nummern sorgt Ivan Vasiliev in zwei seiner Glanzrollen – dem Basil aus Petipas Don Quixote und dem Titelhelden aus Yuri Grigorovichs Spartacus. Als Kitri ist Nicoletta Manni seine Partnerin, nicht unbedingt ein rassiger, südlicher Typ, aber kokett in der Variation und am Ende mit bravourösen Pirouetten und Fouettées. Vasilievs artistische Sprünge sind schier unwirklich und in ihrer technischen Vollkommenheit ein Wunder. Maria Vinogradova ist eine wunderbare Phrygia, die mit Spartacus in beider nächtlichem Tanz vor dem entscheidenden Kampf gegen das Heer von Crassus in der unverbrüchlichen Liebe zu ihrem Helden anrührt. Vasilievs enorme Kraft zeigt sich in den mirakulösen einarmigen Hebungen.

Gala des Étoiles Opus ArteSchließlich ist noch das langjährige Münchner Solopaar Lucia Lacarra und Marlon Dino hervorzuheben, das den Abend mit Ben Stevensons Three Preludes auf Musik von Rachmaninov eröffnet und im zweiten Teil des Programms einen sehr erotischen Pas de deux aus Gerald Arpinos Light Rain bringt. Die Spanierin, von ihrem Partner sicher geführt, verblüfft hier mit exotischem Flair und der schlangenhaften Biegsamkeit ihres Körpers. Am Ende vereint Ponchiellis Dance of the Hours alle Solisten des Abends, ein jeder noch mit einer bravourösen Zugabe, zum Defilée auf der Bühne – vom Publikum mit tosendem Applaus überschüttet. Bernd Hoppe

Ballettwiederauflagen bei ARTHAUS: Unter dem Motto Elegance – The Art of… gibt ARTHAUS mehrere Ballettproduktionen als Wiederauflagen heraus und erinnert damit an bedeutende Choreografen der Vergangenheit und Gegenwart. Der historischste ist Marius Petipa, von dem zwei Arbeiten vorgelegt werden: Don Quichot vom Dutch National Ballet 2010 (109266) und Raymonda von der Mailänder Scala 2011. Beim populären Ballett nach dem berühmten Roman von Cervantes interessiert besonders die Mitarbeit von Alexei Ratmansky, der Petipas Choreografie (welche schon von Alexander Gorsky ergänzt wurde) noch einmal erweiterte und erneuerte. Die Rollen des Titelhelden und des Sancho Panza besetzte er mit Schauspielern, die im letzten Bild in einem gemeinsamen Tanz mit Kastagnetten und Geige anrühren, die von Kitri und Basil mit Stars der Compagnie. Anna Tsygankova, die in diesem Jahr in Amsterdam als Mata Hari triumphierte, war schon vor sechs Jahren eine Ausnahmetänzerin, imponiert mit rasantem Auftritt und südlichem Temperament. Matthew Golding, der auch beim Royal Ballet Covent Garden auftritt, brilliert mit stupenden Sprüngen und Pirouetten sowie sicheren einarmigen Hebungen. Beider brillante Pas de deux im letzten Bild ist der akklamierte Höhepunkt der Aufführung. Auch das zweite Solopaar macht gute Figur mit Natalia Hoffmann als Mercedes und Moises Martin Cintas als Espada. Maia Makhateli ist ein entzückender Cupido, Sasha Muhhamedov eine aristokratische Königin der Dryaden mit fliegenden Grand jétés. Sehr stimmungsvoll ist die Ausstattung von Jérome Kaplan, die in ihren schönen Sepia-Tönen jeden Folklore-Kitsch vermeidet. Minkus’ zündende Musik kostet Kevin Rhodes mit der Holland Symfonia genüsslich aus.

Don Quichot ArthausAnspruchsvoller ist Glazunovs Musik zum Ballett Raymonda, das auf einer mittelalterlichen Legende basiert (109268). Michail Jurowski lässt sie mit dem Orchester der Scala in all ihrer schillernden Melodik erklingen. Petipas Choreografie wurde 1898 in St. Petersburg uraufgeführt. Sie ist ein Juwel der Literatur in ihrer gelungenen Mischung aus artifizieller Ballettklassik und orientalischem Kolorit. Die Aufführung der Scala ist glanzvoll ausgestattet im Stil der Uraufführung und schmückt sich mit zwei Stars auf der Besetzungsliste: Olesia Novikova mit kapriziösem Liebreiz in der Titelrolle und Friedemann Vogel als jünglingshaftem Ritter Jean de Brienne. Seinen geheimnisvollen Gegenspieler, den Sarazener Abderahman, gibt Mick Zeni mit charismatischer Aura.

Ein Meister der Neoklassik ist Jirí Kylián, viele Jahre (1975 bis 1999) künstlerischer Leiter des Nederlands Dans Theater. Seine Arbeiten sind von ARTHAUS ausreichend dokumentiert, zuletzt in einem Schuber mit zehn DVDs, die bereits Wiederveröffentlichungen darstellten. Nun reiht die Firma zwei Titel aus dieser Ausgabe in ihre neue Serie ein – „Three Ballets“/109270 (Bella FiguraSleepless, Birth-Day), früher betitelt „Nederlands Dans Theater celebrates Jirí Kylián“, welche für die drei Abteilungen der Compagnie kreiert wurden, und Car Men, ergänzt um Silent Cries und La Cathédrale engloutie /109278. In dem Kultstück Car Men erzählt Kylián in Stummfilmästhetik und auf die verfremdete Musik von Bizet das Schicksal der Opernfiguren in aberwitziger Komik.

Siddharta ArthausJüngster Choreograf ist der aus Albanien stammende Franzose Angelin Preljocaj, der 2010 für die Pariser Opéra National das Auftragswerk Siddharta schuf, wofür Bruno Mantovani die Musik (unter Verwendung der E-Gitarre) komponierte. Die Veröffentlichung (109284) hält die Weltpremiere an der Opéra Bastille fest. Es ist dies die vierte Kreation des Choreografen für das Ballett der Pariser Oper, in der er in 16 Bildern die Lebensgeschichte von Siddharta Gautamas, dem Begründer des Buddhismus, erzählt. Die Aufführung lebt von der charismatischen Ausstrahlung von Nicolas Le Riche in der Titelrolle. Neben den Auftritten seiner Ehefrau Yasodhara (Alice Renavand) und des Bauernmädchens Sujata (Muriel Zusperreguy) wird die personifizierte Erleuchtung in Gestalt von Aurélie Dupont zu seiner zentralen Partnerin. Als Vater und König tritt als Gast noch einmal der einstige Ètoile Wilfried Romoli auf. Die Bühne von Claude Lévéque bezieht ihren Reiz aus mobilen Skulpturen, die Kostüme von Olivier Bériot mischen futuristische Kreationen mit solchen von klassischer Eleganz. Bernd Hoppe

Neu bei EUROARTS: Ein Mythos auf der Tanzbühne. Das spektakuläre Leben der holländischen Tänzerin und Spionin Mata Hari, die 1917 durch ein französisches Erschießungskommando hingerichtet wurde, stellt der Choreograf und Künstlerische Leiter des Dutch National Ballet Ted Brandsen in den Mittelpunkt seines gleichnamigen Balletts, das EUROARTS in einer Aufführung dieser Compagnie vom Februar dieses Jahres herausgebracht hat (2061628).

mata harti euroartsMata Hari hatte sich als indonesische Tempeltänzerin ausgegeben, erregte Aufsehen durch ihr extensives Leben mit einer Vielzahl von Liebhabern, darunter prominenten und hochrangigen Männern. Populär in ganz Europa wurde sie durch ihre exotische Tanzkunst, zum Mythos durch ihre vermeintliche Tätigkeit als Doppelspionin während des 1. Weltkrieges mit der nachfolgenden Verurteilung.

Die Handlung beginnt in der Kindheit von Margaretha mit dem Verlust ihres geliebten Vaters, der Zeit bei strengen Tanten und Onkeln, der Flucht in die Träume. Der über zwanzig Jahre ältere Offizier Rudolph MacLeod führt sie ein in die Welt der Musik, der Cafés und Vergnügungen. Er wird ihr erster Ehemann und Vater ihres Sohnes Norman. Der Choreograf erfand für diese Begegnung einen großen, Raum greifenden Pas de deux, den die Primaballerina des Ensembles Anna Tsykangova und Casey Herd mit leidenschaftlichem Engagement und eleganter Allüre umsetzen. Das Paar geht nach Niederländisch-Indien, wo Margaretha sich langweilt, ihr Ehemann trinkt und sie nur in der Gegenwart junger Offiziere auflebt. In einem Shiva-Tempel erlebt sie wie in Trance das vermeintliche Erwachen einer göttlichen Statue (Wen Ting Guan). Nach dem Zusammenbruch ihrer Ehe zieht es sie nach Paris, wo sie im Moulin Rouge zunächst unbeachtet arbeitet, bis der wohlhabende Sammler asiatischer Kunst Guimet (Anatole Babenko) sie in seinen Salon einlädt, in welchem sie mit ihrem Auftritt als exotische halbnackte Schönheit Aufsehen erregt und zu Mata Hari wird. Mit ihrem Geliebten Kiepert (Jozef Varga) und ihrem Dienstmädchen Marie tourt sie durch ganz Europa. In Isadora Duncan (Erica Horwood) hat sie eine ernsthafte Konkurrentin, die ihr die Anhänger und den Geliebten nimmt. Ein Vertragsangebot aus Berlin wird durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert – als Ausländerin muss sie das Land verlassen, kommt erschöpft in Paris an, wo sie den jungen russischen Offizier Vadim (Artur Shesterikov) kennen lernt. Mit Erlaubnis des französischen Geheimdienstes, dem sie ihre Dienste anbietet, folgt sie ihm an die Front. Im Lazarett am Krankenbett des Verwundeten trifft sie der Vorwurf, als Spionin auch für den deutschen Geheimdienst tätig gewesen zu sein – das unerwartete Todesurteil nimmt sie gefasst entgegen und lässt in der Erinnerung noch einmal ihr Leben vorüber ziehen. Die russische Tänzerin besitzt die Aura für die Figur mit ihren vielfältigen Facetten – von der jugendlichen Neugier und dem erotischen Erwachen über die Schicksalsschläge als Frau und dem Glamour als Star bis zum tragischen Ende. Sie genügt auch dem hohen tänzerischen Anspruch der Partie zwischen mondäner Attitüde, erotischem Flair und exotischer Biegsamkeit. Das choreografische Spektrum ist vielfältig und reicht von neoklassischen Pas de deux und Gruppenszenen über attraktive Revue-Einlagen im Moulin Rouge und Episoden im Ausdruckstanz der 20er Jahre bis zu expressiv dramatischen Momenten.

Eine weiträumige lichte Bahnhofshalle mit gewölbter Decke des Designer-Duos Clement & Sanou symbolisiert das umtriebige Leben dieser rastlosen Frau mit ihren vielen Stationen. Eine Vielzahl von spektakulären Kostümen (allein elf für die Protagonistin) entwarf Francois-Noël Cherpin, welche ebenso für die Epoche der Belle Epoque stehen wie für das exotische Kolorit.

Tarik O’Regan komponierte für diese Geschichte eine sehr rhythmische, tanzgerechte Musik, welche diverse Stationen im Leben der Titelheldin – Indonesien, Moulin Rouge – auch akustisch widerspiegelt und die das Dutch Ballet Orchestra unter Matthew Rowe sehr differenziert erklingen lässt. Die Veröffentlichung ist eine willkommene Bereicherung im Genre neu geschaffener Handlungsballette. Bernd Hoppe