Vielbeiniges

 

Wiedersehen mit Bekannten bei BelAir: In ihrer HD Collection THE BOLSHOI BALLET hat BelAir legendäre Aufführungen der berühmten Compagnie neu veröffentlicht oder wiederaufgelegt. Älteste Ausgabe ist La Fille du Pharaon von 2003 mit der Musik von Cesare Pugni in der Choreografie von Pierre Lacotte, der Petipas Schöpfung von 1862 rekonstruiert hatte (BAC 301). Nach der bejubelten Uraufführung in St. Petersburg kam das neue Stück bereits zwei Jahre später am Moskauer Bolshoi heraus, wo es 1905 eine Neufassung von Alexander Gorsky erlebte und weiterhin einen prominenten Platz im Repertoire einnimmt.

„La Fille du Pharao“/ Pugni/ BelAir

In der Titelrolle ist die noch heute amtierende Assoluta der Compagnie, Svetlana Zakharova, zu sehen, die mit ihrem Stilgefühl, ihrer Präsenz und Bravour als Pharaonentochter Aspicia einen denkwürdigen Auftritt hat. Der junge Engländer Lord Wilson, der während einer Ägypten-Reise in einer Pyramide Schutz vor dem Sturm sucht und im Traum zu dem Ägypter und Aspicias Geliebten Taor wird, ist Sergueï Filin. Der Tänzer geriet vor einigen Jahren in die internationalen Schlagzeilen der Presse wegen des auf ihn verübten Säureattentats. In der zentralen männlichen Rolle, die bei der Uraufführung immerhin von Petipa selbst übernommen wurde, gibt er ein glänzendes Zeugnis seiner technischen Meisterschaft und bezwingenden Ausdrucksstärke. Seine Pas de deux mit Aspicia in jedem der drei Akte sind Edelsteine des choreografischen Erbes. Die getreue Sklavin Ramzé verkörpert Maria Aleksandrova und macht sie dank ihrer Autorität zu einer wichtigen Figur. Im Pas d’action des 2. Aktes brillieren Anna Tsygankova, Anastasia Goryatcheva und Denis Medvedev. Da der Pharao seine Tochter mit dem König von Nubien vermählen will, muss das liebende Paar fliehen und findet Zuflucht in einer Fischerhütte am Ufer des Nils. Weil sich Aspicia von den Strapazen der Flucht erholen soll, begleitet Taor einen Fischer (sprungstark: Dimitri Gudanov). In seiner Abwesenheit entzieht sich seine Geliebte der Gefangennahme durch den nubischen König mit einem Sprung in den Nil, während der zurückkehrende Taor verhaftet wird. Mit spektakulärem Bühnenzauber in den Tiefen des Flusses setzt sich die  Handlung fort. Der mächtige Gott des Flusses lässt Aspicia ans Ufer zurückkehren und ihren Taor wiedersehen. Auch der Pharao gibt dem Paar schließlich seinen Segen. Dann aber ist Lord Wilsons Traum vorbei und er kann sich nur lächelnd an das wundersame Geschehen erinnern.

Die abenteuerliche Geschichte wird in historischen Dekorationen (mit stupender Perspektivmalerei) und phantasievollen Kostümen von unbeschreiblicher Pracht gezeigt. Auch dafür zeichnete Pierre Lacotte verantwortlich. Das Orchester des Bolshoi Theaters unter Alexander Sotnikov entfaltet den ganzen Zauber von Pugnis Musik mit ihren federnden Rhythmen und dem schwelgerischen Melos. Allen Freunden des romantischen Balletts sei diese Veröffentlichung empfohlen. Bernd Hoppe

Aus dem Jahre 2014 stammt ein weiteres französisches Ballett, Marco Spada mit der Musik von Auber, das gleichfalls Pierre Lacotte choreografierte (BAC 113). Die Geschichte um den Banditen Marco Spada und seine Tochter Angela, von David Hallberg und Evguenia Obraztsova bravourös interpretiert, wurde auf diesen Seiten bereits ausführlich besprochen. B. H.

„The Gilden Age“/ BelAir

Neu auf dem Markt ist eine Produktion von 2016 und betrifft Schostakowitschs The Golden Age, das der heute 90jährige Yuri Grigorovich 1982 mit einem neuen Libretto für Yurek Mukhamedov choreografiert hat (BAC 143). Aktuelle Stars der Compagnie, wie Nina Kaptsova als junge Rita, die als Mademoiselle Margot im Varieté „Das goldene Zeitalter“ auftritt, Mikhail Lobukhin als Jaschka, Anführer einer Gangsterbande und als Monsieur Jacques Ritas Partner in der Show, sowie Ruslan Skvortsov als Rita liebender Fischer Boris, sind die Garanten für einen tänzerisch hochkarätigen Abend. Die Handlung geht zurück in die 1920er Jahre und führt in den Süden Sowjetrusslands, wo zwielichtige Unternehmer und Kleinkriminelle ihre Geschäfte machen. Im Restaurant „Das goldene Zeitalter“ vergnügt sich das Publikum an den Darbietungen von Mademoiselle Margot und Monsieur Jacques – Künstlernamen für Rita und ihren künstlerischen Partner Yashka. Den frechen Showmaster, ganz in der Manier des Conferencier aus Cabaret, gibt Vyacheslav Lopatin weiß geschminkt und schwarz/weiß kostümiert. Kaptsova und Lobukhin sind glänzend, auch in der Beherrschung der geforderten Show-Elemente. Ekaterina Krysanova imponiert mit ihren lasziven Aura und furiosen Attacke als Yashkas Komplizin Lyushka, der sie am Ende tötet.
Ausstatter Simon Virsaladze hat die Szene im Stil der russischen Maler-Avantgarde jener Zeit (Malewitsch/Gontscharowa) gestaltet mit abstrakt geometrischen Mustern von leuchtender Farbigkeit oder nachtblauen Stimmungen. Verliebt ist Rita in den jungen Fischer Boris, den sie bei einem Stadtfest als Mitglied des Agitproptheaters kennen gelernt hat. Skvortsov hat hier effektvolle Sprungreihen von höchstem Schwierigkeitsgrad zu absolvieren, die an Grigorovichs legendären Spartacus erinnern. Gegen alle Widerstände von Yashka wird Rita am Ende die Show verlassen und sich für ein gemeinsames Leben mit Boris entscheiden.

Schostakowitschs geniale Musik mit flotten Rhythmen, frivolen Walzerklängen,  lärmenden Turbulenzen, aber auch träumerischer Lyrik wird vom Orchester des Bolshoi Theaters unter Leitung von Pavel Klinichev hinreißend gespielt. Die akustische Folie und Grigorovichs adäquate Choreografie, welche die grotesken und dramatischen Momente der Handlung ebenso rasant wiedergibt wie einfühlsam die innigen Liebesszenen, verbinden sich zu einer faszinierenden Einheit. Bernd Hoppe

 

 

Frankenstein aus London bei OPUS ARTE: Die Kreatur und die Liebe. Dank OPUS ARTE sind die großen Produktionen des Royal Ballet London der letzten Jahre auf DVD dokumentiert und bleiben der Nachwelt erhalten als bedeutende Zeugnisse choreografischer und tänzerischer Meisterschaft. Ein solches ist Liam Scarletts Ballett Frankenstein, das am 4, Mai 2016 seine Weltpremiere in Covent Garden erlebte und zwei Wochen später für die Veröffentlichung aufgezeichnet wurde (OA 1231 D). Das Stück basiert auf Mary Shelleys Schauerroman von 1818 und erzählt die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Victor Frankenstein, von seiner Liebe zu Elizabeth und den Versuchen im anatomischen Hörsaal, die schließlich zur Erschaffung einer lebenden Kreatur führen. Das abstoßend hässliche Wesen entflieht, während Victor von Alpträumen heimgesucht wird. Erschütternd ist der Schrei der Kreatur nach Liebe, die ihr sein Erzeuger verweigert, was diese zum Mörder an dessen Familie werden lässt. Victor nimmt sich am Ende das Leben und wird von der Kreatur in die Flammen des Frankensteinschen Herrenhauses getragen.

John Macfarlane besorgte die atmosphärische Ausstattung im Stil des späten  18. Jahrhunderts. Besonderes Aufsehen erregen das originalgetreu nachgebaute Anatomiekabinett mit seinen Regalen voller konservierter Organe sowie die Nachbildung  einer elektrostatischen Maschine, mit deren Hilfe die Kreatur zum Leben erweckt wird.

Die Musik stammt von dem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Lowell Liebermann und war seine erste Auftragsarbeit für ein abendfüllendes Ballett. Sie gibt sich dynamisch und tänzerisch, erlaubte dem Choreografen, seinen neoklassischen Stil perfekt umzusetzen. Die schnelle Fußarbeit und die biegsamen Rückenpartien der Tänzer erinnern an Frederick Ashton, während die dramatische Erzählweise mit ihrer emotionalen Tiefe auf Kenneth MacMillan verweist. Koen Kessels und das Orchestra of the Royal Opera House interpretieren die Komposition mit einprägsamer Formung der Harmonien und Dissonanzen, halten diese Kontraste in perfekter Balance.

Erste Kräfte der Compagnie sorgen für eine tänzerische Sternstunde, angeführt von Steven McRae als The Creature. Der Ausnahmetänzer brilliert gleichermaßen in den klassischen Kavaliersrollen wie als exzentrische oder skurrile Figuren und hat hier eine neue Glanzrolle gefunden. Neben seiner bestechenden technischen Brillanz überwältigt die enorme Ausdruckskraft, mit der er das Schicksal dieses erbarmungswürdigen Wesens gestaltet. Der verzweifelte Schrei der Kreatur nach Liebe wird in seiner Interpretation zur ergreifenden Schlüsselszene des Balletts.

Ungewöhnlich ist die Besetzung des Victor Frankenstein mit Federico Bonelli, der  in London bisher vor allem die jugendlichen Rollen – Romeo und auch diverse Prinzen – getanzt hat. Hier nun gibt er erstmals eine tragische Figur, zerrissen im schöpferischen Ehrgeiz und dem Versagen an Menschlichkeit. Dem Tänzer gelingt damit ein erster überzeugender Schritt ins Charakterfach.

Victors Geliebte Elizabeth, die einst von den Frankensteins adoptiert wurde, ist Laura Morera in einer noblen, würdevollen Darstellung, unerschütterlich in ihrer Liebe zu Victor und gefasst auf ihn wartend. Ihr großer Pas de deux mit Victor im 2. Akt ist ein emotionaler und tänzerischer Höhepunkt der Handlung. In Nebenrollen überzeugen Christina Arestis als aristokratische Caroline Beaufort, Victors Mutter, die tragischerweise die Geburt des zweiten Kindes nicht überlebt.  Dieser jüngere Bruder Victors heißt William (Guillem Cabrera Espinach) und findet gleichfalls ein trauriges Ende, wird er doch an seinem Geburtstag von der Kreatur umgebracht. Auch Henry Clerval, Victors Freund seit den Studientagen (Alexander Campbell), fällt dem Monster zum Opfer – ebenso wie Victors Eltern und Elizabeth. Dennoch gelingt es McRae bezwingend, der Figur die Würde zu bewahren und ihr das Verständnis des Zuschauers zu sichern.

Für alle Ballettfreunde, die die Aufführung in London oder bei der Live-Übertragung in die Kinos nicht sehen konnten, bietet die DVD Gelegenheit, dieses einzigartige Tanzereignis nachzuholen. Bernd Hoppe

Bei EuroArts: Bekanntes neu gesehen. Beim Staatsballett Berlin war der französische Choreograph Thierry Malandain bisher noch nicht präsent, dafür beim Ballett der Oper Leipzig – immerhin mit zwei Arbeiten (Don Juan und Mozart à deux). Daher ist eine DVD-Neuveröffentlichung bei EuroArts von besonderem Interesse. Sie bringt unter dem Titel Malandain Ballet Biarritz zwei live aufgenommene Gala-Abende von 2016 und 2012 mit Choreografien des Franzosen (2064 198). Der erste stammt aus dem La Lanterne Theater in Rambouillet und präsentiert drei Stücke auf Kompositionen von Beethoven, Chopin und Vivaldi. Silhouette als Auftakt für den athletischen Solisten Frederik Deberdt zeigt ihn in einem Karree aus vier Ballettstangen bei seinen Exercises in diversen Positionen und Posen.

Dagegen sieht man im zweiten Beitrag, Nocturnes (mit den Klavierstücken von Chopin), den Einsatz der 22köpfigen Compagnie. Zunächst agieren nur zwei Tänzer in synchronen Figuren, danach gibt es verschiedene Formationen von Duos, Trios und Gruppen bis zur Aktion des gesamten Ensembles am Schluss. Neoklassisches Vokabular wird hier originell aufgebrochen durch modern anmutende körperliche Effekte.

Den Schluss bildet Estro auf Musik Vivaldis, mit 20 Tänzern wiederum groß besetzt. Effektvoll ist der Beginn von sakraler Feierlichkeit, wo ein Tänzer  scheinbar auf brennenden Kerzen liegt. Der folgende Auftritt der Compagnie bringt erneut die Verknüpfung von zeitgemäßer und neoklassischer Tanzsprache, wechselnd zwischen Pietà-Darstellungen, Bildern der Trauer und heiteren, lebensbejahenden Szenen.

Besonders spannend ist die 2. Gala von 2012, wo der Choreograph bekannte Werke neu beleuchtet und dabei zu verblüffenden Lösungen kommt. In Debussys L’après midi d’un faune steigert sich der grandiose Solist Arnaud Mahouy vom lasziven Rekeln auf einer weißen Bettstatt mit vaginaler Öffnung in der Mitte, aus welcher ein weißes Tuch ragt, über das Zitieren von Nijinsky-Posen bis zur orgiastischen Ekstase.

Ein Klassiker in der berühmten Version von Michail Fokine ist Le spectre de la rose auf die Musik von Weber. Mit seiner Neudeutung hatte Malandain also kein leichtes Amt übernommen, doch ist ihm eine überraschende Deutung gelungen. Mit Miyuki Kanei und Daniel Vizcayo sieht man keine romantische Geschichte, sondern zwei Menschen von heute, deren Beziehung zunehmend aggressiver und bedrohlicher wird und schließlich zur Vergewaltigung führt – bis das Mädchen aus einem Albtraum erwacht. Vor allem der Tänzer fasziniert mit seiner geheimnisvollen Aura, der sinnlichen Körperhaltung und den ungewöhnlichen tänzerischen Aktionen, die der Choreograf für ihn erdacht hat.

Auf traditioneller, griechisch und arabisch anmutender Musik, arrangiert von Vincent Dumestre, fußt der letzte Titel dieses Programms Une dernière chanson mit zehn Solisten des Ensembles. Das ist ein vitaler Abschluss des Programms mit folkloristisch inspirierten Tänzen und mehreren Duetten, der beim Publikum große Begeisterung auslöst. Bernd Hoppe

Neumeiers Death in Venice bei ARTHAUS. In der Serie Elegance hat ARTHAUS nun auch John Neumeiers Death in Venice aus dem Jahre 2003 wiederaufgelegt, was Berliner Musikfreunde wegen der bevorstehenden Premiere von Brittens gleichnamiger Oper im Haus an der Bismarckstraße besonders interessieren dürfte. Die Aufführung wurde bei einem Gastspiel des Hamburg Ballett im Festspielhaus Baden-Baden 2004 mitgeschnitten (109274).

Neumeier nutzte für seine tänzerische Version der Thomas-Mann-Novelle Musik von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner, denn der alternde Aschenbach ist bei ihm ein berühmter Choreograf, der ein Ballett über Friedrich den Großen auf Musik von Bach erarbeitet. Da treten der preußische König selbst (Ivan Urban) und La Barbarina (Hélène Bouchet) auf. Silvia Azzoni und Alexandre Riabko sind die personifizierten Konzepte des Meisters. Den Aschenbach kreierte Neumeier für seinen langjährigen Ersten Solisten Lloyd Riggins, einen Charaktertänzer par excellence, der als potentieller Nachfolger des Intendanten gilt. Er gibt ein faszinierendes Bild eines psychisch Zerrissenen, sein geradezu zerfließendes Gesicht fängt die Kamera plastisch ein – diese Close-ups, sonst eher problematisch, dienen hier der Verstärkung des Ausdrucks. Edvin Revazov ist der schöne und von Aschenbach begehrte Tadzio, dessen erstes Erscheinen von der Musik zu Wagners „Wesendonck-Liedern“ begleitet wird.  Elizabeth Cooper spielt deren Klavierfassung sehr einfühlsam. Laura Cazzaniga ist als als Tadzios Mutter ganz elegante Dame, Arsen Megrabian als sein Freund Jaschu ein lebensfroher, vitaler Bursche. Die Tänze zwischen den Freunden hält Neumeier gekonnt in der Schwebe zwischen jugendlicher Unbekümmertheit, naivem Übermut und sinnlichem Erwachen. In den sensiblen Begegnungen zwischen Aschenbach und Tadzio erweist sich der Choreograf als Meister im Erfassen seelischer Schwingungen, die tänzerisch umgesetzt sind in erotisch knisternder Körperlichkeit. Einen geheimnisvollen ersten Auftritt haben Jirí und Otto Bubenícek, die im Doppel als Wanderer, Gondoliere, dekadentes schwules Tanzpaar, Dionysos in einer orgiastischen Szene zum Tannhäuser-Bacchanal, Friseur und rockender Gitarrist auftreten. Genial ist die minimalistische Bühne von Peter Schmidt mit dem berühmten ”Flötenkonzert“-Gemälde Menzels zu Beginn und stilisierten Wellenreflexionen am Lido. Neumeiers Ballett der Träume und Sehnsuchtsvisionen ist ein Meisterwerk mit Lloyd Riggins als kongenialem Interpreten. Der Bonus bietet in einem Film von Norbert Beilharz (Der andere Liebestod) ein informatives Interview mit dem Choreografen und stimmungsvolle Probenausschnitte. Bernd Hoppe

Neu bei BelAir: Aurélie Dupont als Manon in Paris. Neben Crankos Onegin und Neumeiers Kameliendame gehört Kenneth MacMillans Manon zu den wichtigsten im 20. Jahrhundert geschaffenen Handlungsballetten. Die Uraufführung fand 1974 beim Royal Ballet London mit Antoinette Sibley als Manon statt. Von dieser Inszenierung in der Ausstattung von Nicholas Georgiadis existieren zwei Aufführungen auf DVD – aus dem Jahre 1982 mit Jennifer Penny und Anthony Dowell, der die Rolle des Des Grieux bei der Premiere kreiert hatte, sowie Tamara Rojo und Carlos Acosta von 2008. Nun legt BelAir die Aufzeichnung eines Abends in der Pariser Grand Opéra vom 18. Mai 2015 vor, die hohen dokumentarischen Wert  besitzt, hält sie doch die Abschiedsvorstellung von Aurélie Dupont fest (BAC 135). Die Primaballerina, seit 1998 Étoile der renommierten Compagnie, gibt in der Titelrolle eine so umwerfende Demonstration ihrer Kunst, dass man kaum glauben mag, sie fortan nicht mehr auf der Tanzbühne erleben zu können. Dupont ist in ihrem Naturell ein damenhafter Typ, dennoch gelingt es ihr in den ersten Szenen, die Unschuld des jungen Mädchens, in der freilich schon ein Hauch von Verderbtheit schwingt, überzeugend darzustellen. Sie ist kapriziös schon vom ersten Auftritt an, verführerisch und begehrenswert. Wunderbar das Erwachen der jungen Liebe und ihr erster Pas de deux mit Des Grieux (auf Massenets Élégie), bei dem noch Koketterie mitschwingt, aber das Gefühl für den jungen Studenten immer stärker wird. Beider inniges Glück zeigt der Pas de deux in der Pariser Wohnung auf Musik aus Cendrillon, der zu den Höhepunkten der Choreografie zählt. Der schwelgerische Rausch der Komposition malt den Gefühlszustand des Paares perfekt aus und das Orchestre de l’Opéra de Paris spielt ihn unter Martin Yates, der auch das musikalische Arrangement der Massenet-Stücke besorgte, angemessen schillernd und duftig. Wenn Manon dem Werben von Monsieur Guillot erliegt und dem Reiz des Luxus verfällt, ist Dupont in prachtvollen Roben, Pelzen und Schmuck ganz Grande Dame, eine aristokratische Schönheit von unnachahmlicher Eleganz – Französin eben, was sie den konkurrierenden Interpretinnen auf der internationalen Tanzszene voraus hat. Bei der Abendgesellschaft von Madame tanzt sie mit solch sinnlicher Raffinesse, dass Des Grieux trotz seiner Enttäuschung ihr nicht länger widerstehen kann. Das Wiederfinden der beiden Liebenden ist ein trügerisches Glück und gerade deshalb so bewegend. Wenig später in einem Sumpfgebiet endet der Liebestraum von Manon und Des Grieux – mit einem Pas de deux nach Musik aus La Vièrge, der in seinem geradezu artistischen physischen Anspruch mit spektakulären Hebungen und Würfen sowie der existentiellen Ausdrucksdimension kaum einen Vergleich hat. Dupont und ihr Partner  krönen ihre exemplarischen Darstellungen mit diesem Atem beraubenden Finale.

Als Artiste invité tritt Roberto Bolle in der Rolle des Des Grieux auf – in Erscheinung, Aura und technischem Vermögen ist er unübertrefflich. Seine exquisit zelebrierten und raffiniert verzögerten Drehungen, die weiten Sprünge, die majestätischen Arabesquen – Bolle hat hier einen seiner besten Auftritte. Auch in der Gestaltung wirkt er stark und gereift, besitzt den jugendlichen Charme des Liebhabers, zeigt auch die tiefe Verletztheit des Verlassenen. Gleichermaßen überzeugend sind seine wilde Entschlossenheit, Manon zurück zu gewinnen und sie nicht wieder zu verlieren, und der verzweifelte Kampf um ihr Leben am Ende.

Weitere Danseurs Étoiles stehen für die erstrangige Besetzung, so der charismatische Stéphane Bullion als Manons geschäftstüchtiger Bruder Lescaut, der mit Alice Renavand als seiner Maitresse Szenen von gleichermaßen umwerfender Komik wie stupender technischer Bravour absolviert. Selbst Charakterrollen wie der reiche, von Manon faszinierte Monsieur Guillot und Le Geolier, der brutale, Manons Situation schamlos ausnutzende Gefängniswärter, sind mit Ètoiles (Benjamin Pech und Karl Paquette) hochkarätig besetzt.

Am Ende wird Aurélie Dupont vom Publikum minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert, vom Schnürboden mit silbernen Sternen übersät, von ihren Kindern auf offener Bühne mit Blumen beglückwünscht. Der Bonus der DVD hält die Ausnahmetänzerin in einem aufschlussreichen Interview fest. Am 4. Februar 2016 wurde sie zur neuen Directrice des Ballet de l’Opéra national de Paris ernannt, wo sie die Nachfolge von Benjamin Millepied angetreten hat. Bernd Hoppe

Neu bei BelAir: Der Zar des Bolshoi – Ein Porträt des bedeutenden russischen Choreografen Yuri Grigorovich, der auch „Zar des Bolshoi“ genannt wurde, legt BelAir auf DVD vor (BAC 137). The Golden Age ist der Titel dieses Films von Denis Sneguirev, der die 31 Jahre beleuchtet, welche das weltberühmte Bolshoi Ballet unter seiner Führung stand. Neben den Interpretationen der Tschaikowsky-Klassiker gelangte er vor allem durch seine Ballette Spartacus und Ivan the Terrible zu internationalem Ruhm. Beim Royal Ballet London und dem der Opéra national de Paris gab es davon spektakuläre, auch auf DVD aufgezeichnete Produktionen.

Der Film beginnt mit den Vorbereitungen für eine Gala am Bolshoi zu Grigorovichs 85. Geburtstag und ist in Kapitel eingeteilt. Das erste heißt Leningrad, wo in den 1950er Jahren seine Karriere als Tänzer begann und er mit 20 Jahren ein Kinderballett als seine erste Choreografie schuf. Auf Einladung seines Lehrers Lopuchow entstand als erstes großes Werk die Choreografie zu Prokofjews Die steinerne Blume. Ein historischer Filmausschnitt daraus zeigt den durch ihn veränderten Geist in der Ballettästhetik – eine innovative Einheit von Musik, Tanz und Drama. Die Synthese von klassischem Spitzentanz und akrobatischen Sprüngen und Hebungen wird zu Grigorovichs Markenzeichen. Mit Maja Plissetzkaja als Herrin des Kupferberges ist dieses Ballett auch beim ersten Gastspiel der Compagnie in New York zu sehen. Es folgt Melikows Legende von der Liebe, in welcher sich der Choreograf erstmals als Meister der großen Gruppenszenen erweist, die schon den Spartak vorwegnehmen. In einer Szene, einem leidenschaftlichen Liebesduett, sind Alla Osipenko und der spätere Superstar Irek Muhamedov, der dann Principal Dancer des Royal Ballet London wurde, zu sehen. Auch die Plissetzkaja und Maris Liepa sind in einem Pas de deux daraus zu erleben. Solche Dokumente machen den Wert dieser Ausgabe aus. Da trotz der Erfolge kein weiteres Angebot von Seiten des Leningrader Hauses kam, wechselt Grigorovich ans Bolshoi nach Moskau. Als erste Arbeit dort widmet er sich einer Neufassung von Petipas legendärem Dornröschen. Der Ausschnitt mit der Plissetzkaja in der Titelrolle ist eine Rarität, hat sie diesen Part, der ihrem Naturell weniger entsprach, doch nicht so oft getanzt. Ein anderer Star des Ensembles, Natalja Bessmertnova, vor allem als Giselle berühmt, wird Grigorovichs Ehefrau, was ihr naturgemäß viele Jahre die zentralen Rollen der Stücke einbrachte. Ein anderes berühmtes Tänzer-Ehepaar waren Jekaterina Maximowa und Wladimir Wassiljew, die für die Grigorovich-Generation stehen und 1968 seinen Spartacus kreierten.

Dieser wichtigen Schöpfung, die noch heute als das athletischste Männerballett gilt, ist das 2. Kapitel gewidmet, das zu Beginn Szenen mit berühmten Interpreten zeigt, darunter Carlos Acosta und Nina Kaptsowa in Paris als heutige Vertreter, aber auch historische Legenden wie Michail Lawrowski oder Boris Akimow. Seine sich anschließende Neudeutung des Schwanensee wurde von der sowjetischen Kulturministerin Furzewa zensiert und er gezwungen, den tragischen Schluss in ein optimistisches Ende zu verändern.

The Tsar nennt sich das dritte Kapitel und beginnt mit einer Szene aus Ivan the Terrible mit Juri Vladimirow als Titelhelden. Nach der Premiere 1975 am Bolshoi folgt ein Jahr später eine Neuinszenierung beim Ballett der Pariser Oper auf Einladung von Rolf Liebermann.

Im Kapitel 4, The Golden Age, spricht der ehemalige Solotänzer Vladimir Derevianko über die gloriosen Jahre am Bolshoi mit seinen vielen Stars. Grigorovichs neues Ballett Das goldene Zeitalter auf Musik von Schostakowitsch fasst noch einmal seine Tugenden zusammen – grandiose Männerrollen, lyrische Pas de deux, vitale Ensembles. Es war der Durchbruch für Irek Muhamedov, der am Bolshoi als Nachfolger von Wassiljew galt und sich 1990 nach London absetzt. Der politische Umbruch in der Sowjetunion und deren Ende 1991 führte zu Grigorovichs Entlassung vom Bolshoi, nachdem vorher schon die alte Tänzer-Elite in Pension gehen musste.

Der Choreograf gehörte in der Sowjetunion nicht der Kommunistischen Partei an, galt aber dennoch viele Jahre als ein Vorzeigekünstler des Regimes und wurde anlässlich seines 60. Geburtstages mit der höchsten Auszeichnung „Held der Arbeit“ geehrt. Die Realisierung seines Planes, berühmte westliche Choreografen an das Bolshoi zu binden, blieb ihm versagt. Bei den Proben erwies er sich als strenger, unnachgiebiger Chef, der bei den Tänzern eine immense Autorität besaß. Noch heute sprechen einstige Stars und internationale Ballettkritiker mit größter Hochachtung über ihn und sein unvergängliches Werk. Deshalb ist diese Ausgabe bedeutend, auch wenn ihre Präsentation (ohne Booklet und Trackliste) äußerst dürftig ausgefallen ist. Bernd Hoppe

ARTHAUS hat in ihrer Reihe Elegance – The Art of… einige ältere Ballettaufzeichnungen wiederaufgelegt, darunter, passend zur eben zu Ende gegangenen Weihnachtszeit, Patrice Barts The Nutcracker von 1999 live aus der Berliner Staatsoper, den BEL AIR MEDIA bereits veröffentlicht hatte. Der französische Choreograf stützte sich bei seiner Version auf Marius Petipas Original, veränderte es vor allem hinsichtlich der Rahmenhandlung des 1. Aktes im Hause der Familie Stahlbaum. Dieser wird noch ein Prolog vorangestellt, in dem die Grande Duchesse (Beatrice Knop in gewohnt expressiver Gestaltung) und ihre Tochter durch Kriegswirren getrennt werden, sich aber am Ende der Geschichte wiederfinden. Die Produktion entstand noch vor Gründung des Berliner Staatsballetts, ist also eine Inszenierung mit dem Ballett der Deutschen Staatsoper Berlin, aber bereits mit Vladimir Malakhov an der Spitze. Sein Prince Casse Noisette zeigt ihn in Hochform, ist ein bedeutendes Dokument seiner langen Karriere. Nadja Saidakova ist entzückend als Marie, zierlich und jung in der Erscheinung, anmutig in ihren Soli. Oliver Matz, langjähriger Meistertänzer der Compagnie, gibt dem Drosselmeyer den gebührend geheimnisvollen Umriss, beweist in einem neu erdachten Pas de trois mit Marie und dem Prinzen am Ende des ersten Bildes sowie in einem anspruchsvollen Solo im 2. Akt auch seine tänzerischen Qualitäten. Barbara Schröder ist eine charismatische Frau Stahlbaum von unnachahmlicher Eleganz, Torsten Händler ihr gestrenger Gatte. Das Corps de ballet brilliert im Weißen Bild als Schneeflocken mit Viara Natcheva als hoheitsvoller Reine de Neiges. Das Divertissement bei der Grande Duchesse  bietet die bekannten Nummern in glänzender Umsetzung. Dem Prinzen wird sogar sein selten zu sehendes Entrée zu Tschaikowskys majestätischer Musik gegönnt, in welchem Malakhov mit wunderbarer Leichtigkeit und Noblesse glänzt. Und im finalen Grand pas de deux sorgt er gemeinsam mit der Saidakova für den tänzerischen Höhepunkt des Abends. Luisa Spinatellis märchenhafte Ausstattung verleiht der Aufführung eine stimmige Atmosphäre, Daniel Barenboims Leitung der Staatskapelle Berlin das gediegene musikalische Profil (109276).

Den Choreografen Mats Ek rückt die Veröffentlichung seiner Giselle-Version für das Cullberg Ballett ins Licht, die 1982 ihre Weltpremiere erlebt hatte und fünf Jahre später in einer Fassung für das schwedische Fernsehen eingerichtet wurde. ARTHAUS brachte diese Aufzeichnung bereits vor Jahren heraus (damals mit informativem mehrsprachigem Booklet) und legte sie nun in ihrer Reihe Elegance (in weitaus bescheidenerer Ausstattung) wieder auf. Die Deutung des schwedischen Choreografen bricht radikal mit den Sehgewohnheiten bei diesem wohl populärsten romantischen Ballett. Anna Lagunas Giselle ist eine Außenseiterin und zeigt deutliche debile Züge, wodurch ihre absolute Hingabe an Albrecht (Luc Bouy) und das blinde Vertrauen zu dem Unbekannten umso berührender und tragischer wirken. Die spanische Tänzerin in der Titelrolle, seit 1974 beim Culberg Ballett, ist ein Ereignis, setzt die komplizierte, fordernde Körpersprache des Choreografen mit bedingungsloser Hingabe um und überzeugt darüber hinaus durch ihre starke Persönlichkeit mit der enormen mimischen und gestischen Intensität. Ek verlegte den 2. Akt, das nächtliche Waldbild mit Giselles Grab, in den geschlossenen Raum einer Psychiatrie. Dort ist die Myrtha (Lena Wennergren) eine gestrenge, aber auch mitfühlende Aufseherin, dort findet Giselle nach ihrem Rückzug aus der Realität eine neue Traum-Welt. Albrecht, der sie in der Anstalt besucht, zerbricht an seiner Schuld, kehrt in völliger Nacktheit zurück an jenen Ort, wo er Giselle einst traf und verriet. Mit einer berührenden Geste endet das Stück, wenn Hilarion (Yvan Auzely) dem einstigen Kontrahenten seine Blöße bedeckt. Marie-Louise de Geer Bergensträhles surreale Ausstattung mit einer Landschaft aus Brüsten im 1. und einer Wandtapete aus Fingern, Ohren, Nasen  und Phalli im 2. Akt illustriert die neu erdachte Geschichte perfekt. Als musikalische Folie diente eine Einspielung von Adams Musik mit dem Orchestre National de l’Opéra de Monte-Carlo unter Richard Bonynge (109280).

Auf Anregung der langjährigen Directrice des Ballet de l’Opéra national de Paris, Brigitte Lefèvre, entstand 2010 das Ballett La Petite Danseuse de Degas, welches die berühmte Skulptur des Malers und Bildhauers zur Vorlage hat. Choreograf Patrice Bart und der Komponist Denis Levaillant schufen ein Werk, dessen Musik sich in ihrer schwelgerischen Melodik an Tschaikowsky orientiert, in ihren hämmernden Rhythmen aber auch an Philip Glass erinnert, und dessen Tanzbilder alles bieten, was zu einem großen Ballett gehört – fließende, elegante Pas de deux im neoklassischen Stil, vitale Gruppenszenen und Episoden dramatischer Konflikte. Koen Kessels leitet das Orchestre de l’Opéra national de Paris mit großem Einfühlungsvermögen in die stilistische Vielfalt der Komoposition. Auch dieser Live-Mitschnitt aus der Opéra Garnier wurde zuerst von BEL AIR MEDIA herausgebracht und ist nun dank ARTHAUS wieder zugänglich. Nicht weniger als sechs Étoiles vereint die Besetzungsliste, angeführt von Clairemarie Osta in der Titelrolle. Zu Beginn ist sie die Skulptur in einer Vitrine, die von den Museumsbesuchern betrachtet wird, erwacht dann zum Leben und reist in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Da sind die Szenen im Ballettsaal der Pariser Oper mit der jungen Anfängerin, der aristokratischen Danseuse Étoile (Dorothée Gilbert), dem bravourösen Maitre de ballet (Mathieu Ganio) und dem flinken Violiniste (Emmanuel Thibault). Elisabeth Maurin, einstiger Star der Compagnie, gibt als Guest Danseuse Étoile eine herrische, furios auftrumpfende Mère, Benjamin Pech ist der geheimnisvolle Homme en noir, der als Bildhauer in seinem Studio die junge Tänzerin Modell sitzen lässt. Die Handlung führt in die Opéra, wo ein Grand ball mit opulenten Tanzeinlagen zu einer Ravels La Valse fast zitierenden Musik stattfindet. José Martinez als der wohlhabende Abonné hat hier einen spektakulären Auftritt und danach auch einen anspruchsvollen Pas de deux mit der jungen Tänzerin. Der zweite Teil des Balletts reflektiert an einem Spiegel die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, setzt sich fort im Cabaret Le Chat noir, wo die Mutter ihre Tochter an den Abonné verkuppeln will. Diese versucht, ihn zu bestehlen, und landet danach im Gefängnis Saint-Lazare. Inmitten von Wäscherinnen findet sich La petite danseuse in einer surrealen Szenerie wieder, bis der Epilog sie und den Homme en noir, den Schöpfer der Skulptur, in einem großen Pas de deux vereint (109272). Bernd Hoppe

Neu bei Cmajor: Unsterbliche Schneeflocken. Kein Weihnachtsfest ohne Tschaikowskys Ballett The Nutcracker – ob in einem der Opernhäuser oder im Kino bei einer Übertragung aus dem Royal Ballet London und dem Moskauer Bolshoi. Auch der Musikmarkt hält zahlreiche Aufnahmen bereit, die durch die unterschiedlichen choreografischen Deutungen aufschlussreiche Vergleiche ermöglichen.  Jetzt legt Cmajor George Balanchines Version für das New York City Ballet von 1954 vor, die im Dezember 2011 im New Yorker David H. Hoch Theater aufgezeichnet wurde (738608). Die überaus beliebte Produktion erhält ihren Glanz durch das märchenhaft-stimmungsvolle Bühnenbild von Rouben Ter-Arutunian und Karinskas aufwändige Kostüme. Clotilde Otranto am Pult des New York City Ballet Orchestra dirigiert Tschaikowskys farbige Musik mit viel Liebe zum Detail. Das Violinsolo zu Maries Traum im 1. Akt spielt Kurt Nikkanen sehr einfühlsam.

In Balanchines neoklassischer Choreografie sorgen im Hause von Dr. Stahlbaum und seiner Gattin die Puppen mit ihren Auftritten für erste Höhepunkte (Mary Elizabeth Sell/Harlequin, Lauren Lovette/Columbine, Troy Schumacher/Soldier). Hervorgezaubert hat sie der rätselhafte Herr Drosselmeier (Adam Hendrickson), der der kleinen Marie (entzückend: Fiona Brennan) auch den Nussknacker zum Geschenk macht. In ihrem Traum wächst der Weihnachtsbaum unter Szenenbeifall des Publikums spektakulär in die Höhe, entwickelt sich spannend die Schlacht zwischen Soldaten und Mäusen, wird aus dem Nussknacker ein reizender junger Prinz (Colby Clark), der sich mit Marie in den Winterwald aufmacht. Dort bieten die 16 Schneeflocken  das obligatorische Weiße Bild, das bei Balanchine besonders elegant und leichtfüßig ausfällt.

Der 2. Akt führt das junge Paar in das Reich der Zuckerfee mit all ihren Süßigkeiten, wo im Divertissement phantasievolle Figuren auftreten und mit ihren Tänzen bezaubern. Die Tarantella heißt hier „Hot Chocolate“ und wird temperamentvoll geboten von Brittany Pollack und Adrian Danchig-Waring.  Teresa Reichlen ist die biegsame Solistin im orientalischen Solo „Coffee“ , Antonio Carmena ein sprungflinker Chinese im „Tea“. Daniel Ulbricht imponiert als virtuoser Pierrot mit dem Reifen in „Candy Canes“, Tiler Peck ist die kapriziöse „Marzipan Shepherdess“ . Stets eine besondere Attraktion ist der Auftritt der Mother Ginger in ihrem riesigen Reifrock (Andrew Scordato), unter dem sich die niedlichen Polichinelles versteckt haben. Entzückend sind die Kinder von der School of American Ballet, die schon im 1. Akt bei der Weihnachtsfeier mitgewirkt hatten. Hier sind sie kleine Engel mit goldenen Flügeln und Tannenbäumchen. Nach dem festlichen Blumenwalzer sorgen die Zuckerfee und ihr Kavalier (Megan Fairchild/Joaquine De Luz) im aristokratischen Pas de deux für den tänzerischen Höhepunkt des Abends mit ihren gewagten Sprüngen und den perfekten Balancen. Bernd Hoppe

Bei OPUS ARTE: Neues vom Royal Ballet London. Fast zwanzig Jahre liegen zwischen den beiden Arbeiten von Frederick Ashton, die das Royal Ballet im Januar 2016 zu einem Ballettabend gefügt hat, der nun bei OPUS ARTE auf DVD erschienen ist (OA 1187 D). Zum Auftakt gibt es Rhapsody auf Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini, die das Orchestra of the Royal Opera House unter Barry Wordsworth mit Robert Clark als brillantem Solisten effektvoll musiziert. 1980 war die Choreografie beim Royal Ballet mit Mikhail Baryshnikov und Lesley Collier uraufgeführt worden, was die Messlatte für heutige Interpreten entsprechend hoch legt. Mit Natalia Osipova und Steven McRae verfügt die Compagnie über zwei Principals, die Ashtons enorme technische Anforderungen geradezu spielerisch bewältigen und darüber hinaus mit ihrer charismatischen Ausstrahlung bezaubern. Beide sorgen vor einem Kolonnaden-Schattenriss (Bühne ebenfalls von Frederick Ashton), assistiert von sechs Paaren in Kostümen aus fließenden duftigen Stoffen (William Chappell), mit ihren bravourösen Soli und dem eleganten Pas de deux für spektakuläre Momente.

Erstmals 1961 wurde das Stück The Two Pigeons im Royal Opera House als eine Produktion der Royal Ballet Touring Company gezeigt. Die Musik dazu stammt von André Messager (aus der Oper Véronique und dem Ballett Les Deux Pigeons) und wurde von John Lanchbery arrangiert. Das Orchestra of the Royal Opera House spielt sie wiederum unter Barry Wordsworth mit Esprit, Delikatesse und schwelgerischem Pathos.

Die Handlung führt in das Studio eines Pariser Künstlers, der im Stück The Young Man genannt wird und zu Beginn dabei ist, das Porträt eines jungen Mädchens zu malen. Vadim Muntagirov gibt ihn mit jugendlicher Kraft und der gebührenden Portion an Leichtfertigkeit. Lauren Cuthbertson ist The Young Girl – temperamentvoll  und kapriziös zu Beginn, später anrührend in seiner Verlassenheit. Zwei am Fenster vorbei fliegende Tauben erregen die Aufmerksamkeit des jungen Paares, aber auch vorüber ziehende Zigeuner, darunter A Gipsy Girl (Fumi Kaneko mit Temperament und sinnlicher Ausstrahlung), dem der junge Maler in das Zigeunerlager folgt. Dort verliert er den Konkurrenzkampf mit dem Geliebten des Zigeunermädchens, kehrt zurück in sein Studio, wo das Mädchen noch immer auf ihn wartet und in einem sehr emotionalen Solo seine Sehnsucht nach dem Geliebten ausdrückt.

Der Reiz der Choreografie liegt in den imitierten Taubenbewegungen der Tänzer – eine Spezialität des Choreografen, wie sie auch in seiner Fille mal gardée zu bewundern ist, wo die Hühner auf dem Bauernhof einen ähnlich imaginären Gestus haben. Die rasanten Zigeunertänze (mit einem fulminanten Auftritt von Marcelino Sambé als A Gipsy Boy) bilden dazu einen denkbar großen und entsprechend wirkungsvollen Kontrast.

Eine besondere, weil hybride Form weist das Ballett Elizabeth auf, das die Elemente von Tanz, Gesang und Schauspiel vereint. Entstanden für eine Privataufführung in der Painted Hall des Old Royal Naval Collage in Greenwich, hatte es dort am 27. November 2013 seine Premiere. In London wurde es am 8. Januar 2016 im Linbury Studio Theatre des Royal Opera House zum ersten Mal gezeigt und für die DVD-Veröffentlichung bei OPUS ARTE aufgezeichnet (OA 1214 D). Regisseur und Choreograf ist Will Tuckett, dem Alasdair Middleton assistiert, der auch die Textauswahl verantwortet. Martin Yates ließ sich bei seiner Komposition von der Musik des Elisabethanischen Zeitalters inspirieren (vor allem Dowland, Morley, Talllis u.a.) und schrieb sie für eine kleine Besetzung, den Bariton David Kempster und den Cello-Virtuosen Raphael Wallfisch. Ein Glücksfall für die Produktion war, dass mit Zenaida Yanowsky (unvergessen als The Queen of Hearts in Alices Adventures in Wonderland) und Carlos Acosta zwei Tänzerstars der Sonderklasse zur Verfügung standen. Die Russin in der Titelrolle besticht mit expressiver hoheitsvoller Gebärde und faszinierendem mimischem Ausdruck in einem eindrucksvollen Charakterporträt, der Kubaner als Roberto Devereux mit Vitalität und tänzerischem Raffinement. Bernd Hoppe

Neu bei OPUS ARTE: Mailänder Sternstunde des Tanzes. Gala des Étoiles nennt sich eine neue DVD von OPUS ARTE, welche den Eröffnungsabend für die Expo 2015 im Teatro alla Scala di Milano festhält (OA 1220D). Eine Riege von internationalen Tanzstars versammelt sich auf der traditionsreichen Mailänder Bühne, angeführt vom Étoile des Hauses, RobertoBolle. Mit Polina Semionova zeigt er einen Pas de deux aus Roland Petits Carmen, später noch ein Solo aus Massimiliano Volpinis futuristischem  Prototype, das in seiner Überfülle von visuellen Effekten und Video-Einspielungen den Tänzer eher in den Hintergrund rückt. Die Russin ist als Zigeunerin weniger kapriziös denn geheimnisvoll, der Italiener in seiner schnittigen Uniform und bestechenden Haltung ein Torero wie aus dem Bilderbuch. Ein aufsteigender Star der Scala-Compagnie ist deren neuer Erster Solotänzer Claudio Coviello, der mit Melissa Hamilton im Pas de deux aus dem 2. Bild von Kenneth MacMillans Manon das Publikum verzaubert. Zu den langjährigen Superstars des Hauses gehört Svetlana Zakharova, deren Mailänder Auftritte (Odette/Odile, Giselle, Nikia) auch auf DVD dokumentiert sind. Die Gala bereichert sie mit Mikhail Fokines  unsterblichem Solo The Dying Swan, das sie in großer Manier zelebriert und damit ihren Ausnahmerang unter den Ballerinen der Gegenwart unterstreicht. Auch ihr zweiter Beitrag, der Pas de deux aus Marius Petipas Le Corsaire, besitzt höchsten Rang. Hier ist Leonid Sarafanov, ein Star der jüngeren Tänzergeneration in Russland, ihr Partner. Er hatte schon vorher gemeinsam mit Alina Somova, auch sie ein neuer Stern am russischen Tänzerhimmel, in Victor Gsovskys Grand Pas classique auf Musik von Auber brilliert. Zu Mailands Tänzerkometen gehört auch Massimo Murru, der mit Maria Eichwald die Balkonszene aus Kenneth MacMillans Romeo and Juliet zeigt. Beide sind reife Interpreten ihrer Rollen, aber im Ausdruck absolut überzeugend. Die langjährige Erste Solistin aus Stuttgart hatte vorher mit Mick Zeni in einer Szene aus Roland Petits La Rose Malade gleichfalls durch die starke Emotionalität ihres Vortrags beeindruckt. Für zwei spektakuläre Nummern sorgt Ivan Vasiliev in zwei seiner Glanzrollen – dem Basil aus Petipas Don Quixote und dem Titelhelden aus Yuri Grigorovichs Spartacus. Als Kitri ist Nicoletta Manni seine Partnerin, nicht unbedingt ein rassiger, südlicher Typ, aber kokett in der Variation und am Ende mit bravourösen Pirouetten und Fouettées. Vasilievs artistische Sprünge sind schier unwirklich und in ihrer technischen Vollkommenheit ein Wunder. Maria Vinogradova ist eine wunderbare Phrygia, die mit Spartacus in beider nächtlichem Tanz vor dem entscheidenden Kampf gegen das Heer von Crassus in der unverbrüchlichen Liebe zu ihrem Helden anrührt. Vasilievs enorme Kraft zeigt sich in den mirakulösen einarmigen Hebungen.

Gala des Étoiles Opus ArteSchließlich ist noch das langjährige Münchner Solopaar Lucia Lacarra und Marlon Dino hervorzuheben, das den Abend mit Ben Stevensons Three Preludes auf Musik von Rachmaninov eröffnet und im zweiten Teil des Programms einen sehr erotischen Pas de deux aus Gerald Arpinos Light Rain bringt. Die Spanierin, von ihrem Partner sicher geführt, verblüfft hier mit exotischem Flair und der schlangenhaften Biegsamkeit ihres Körpers. Am Ende vereint Ponchiellis Dance of the Hours alle Solisten des Abends, ein jeder noch mit einer bravourösen Zugabe, zum Defilée auf der Bühne – vom Publikum mit tosendem Applaus überschüttet. Bernd Hoppe

Ballettwiederauflagen bei ARTHAUS: Unter dem Motto Elegance – The Art of… gibt ARTHAUS mehrere Ballettproduktionen als Wiederauflagen heraus und erinnert damit an bedeutende Choreografen der Vergangenheit und Gegenwart. Der historischste ist Marius Petipa, von dem zwei Arbeiten vorgelegt werden: Don Quichot vom Dutch National Ballet 2010 (109266) und Raymonda von der Mailänder Scala 2011. Beim populären Ballett nach dem berühmten Roman von Cervantes interessiert besonders die Mitarbeit von Alexei Ratmansky, der Petipas Choreografie (welche schon von Alexander Gorsky ergänzt wurde) noch einmal erweiterte und erneuerte. Die Rollen des Titelhelden und des Sancho Panza besetzte er mit Schauspielern, die im letzten Bild in einem gemeinsamen Tanz mit Kastagnetten und Geige anrühren, die von Kitri und Basil mit Stars der Compagnie. Anna Tsygankova, die in diesem Jahr in Amsterdam als Mata Hari triumphierte, war schon vor sechs Jahren eine Ausnahmetänzerin, imponiert mit rasantem Auftritt und südlichem Temperament. Matthew Golding, der auch beim Royal Ballet Covent Garden auftritt, brilliert mit stupenden Sprüngen und Pirouetten sowie sicheren einarmigen Hebungen. Beider brillante Pas de deux im letzten Bild ist der akklamierte Höhepunkt der Aufführung. Auch das zweite Solopaar macht gute Figur mit Natalia Hoffmann als Mercedes und Moises Martin Cintas als Espada. Maia Makhateli ist ein entzückender Cupido, Sasha Muhhamedov eine aristokratische Königin der Dryaden mit fliegenden Grand jétés. Sehr stimmungsvoll ist die Ausstattung von Jérome Kaplan, die in ihren schönen Sepia-Tönen jeden Folklore-Kitsch vermeidet. Minkus’ zündende Musik kostet Kevin Rhodes mit der Holland Symfonia genüsslich aus.

Don Quichot ArthausAnspruchsvoller ist Glazunovs Musik zum Ballett Raymonda, das auf einer mittelalterlichen Legende basiert (109268). Michail Jurowski lässt sie mit dem Orchester der Scala in all ihrer schillernden Melodik erklingen. Petipas Choreografie wurde 1898 in St. Petersburg uraufgeführt. Sie ist ein Juwel der Literatur in ihrer gelungenen Mischung aus artifizieller Ballettklassik und orientalischem Kolorit. Die Aufführung der Scala ist glanzvoll ausgestattet im Stil der Uraufführung und schmückt sich mit zwei Stars auf der Besetzungsliste: Olesia Novikova mit kapriziösem Liebreiz in der Titelrolle und Friedemann Vogel als jünglingshaftem Ritter Jean de Brienne. Seinen geheimnisvollen Gegenspieler, den Sarazener Abderahman, gibt Mick Zeni mit charismatischer Aura.

Ein Meister der Neoklassik ist Jirí Kylián, viele Jahre (1975 bis 1999) künstlerischer Leiter des Nederlands Dans Theater. Seine Arbeiten sind von ARTHAUS ausreichend dokumentiert, zuletzt in einem Schuber mit zehn DVDs, die bereits Wiederveröffentlichungen darstellten. Nun reiht die Firma zwei Titel aus dieser Ausgabe in ihre neue Serie ein – „Three Ballets“/109270 (Bella FiguraSleepless, Birth-Day), früher betitelt „Nederlands Dans Theater celebrates Jirí Kylián“, welche für die drei Abteilungen der Compagnie kreiert wurden, und Car Men, ergänzt um Silent Cries und La Cathédrale engloutie /109278. In dem Kultstück Car Men erzählt Kylián in Stummfilmästhetik und auf die verfremdete Musik von Bizet das Schicksal der Opernfiguren in aberwitziger Komik.

Siddharta ArthausJüngster Choreograf ist der aus Albanien stammende Franzose Angelin Preljocaj, der 2010 für die Pariser Opéra National das Auftragswerk Siddharta schuf, wofür Bruno Mantovani die Musik (unter Verwendung der E-Gitarre) komponierte. Die Veröffentlichung (109284) hält die Weltpremiere an der Opéra Bastille fest. Es ist dies die vierte Kreation des Choreografen für das Ballett der Pariser Oper, in der er in 16 Bildern die Lebensgeschichte von Siddharta Gautamas, dem Begründer des Buddhismus, erzählt. Die Aufführung lebt von der charismatischen Ausstrahlung von Nicolas Le Riche in der Titelrolle. Neben den Auftritten seiner Ehefrau Yasodhara (Alice Renavand) und des Bauernmädchens Sujata (Muriel Zusperreguy) wird die personifizierte Erleuchtung in Gestalt von Aurélie Dupont zu seiner zentralen Partnerin. Als Vater und König tritt als Gast noch einmal der einstige Ètoile Wilfried Romoli auf. Die Bühne von Claude Lévéque bezieht ihren Reiz aus mobilen Skulpturen, die Kostüme von Olivier Bériot mischen futuristische Kreationen mit solchen von klassischer Eleganz. Bernd Hoppe

Neu bei EUROARTS: Ein Mythos auf der Tanzbühne. Das spektakuläre Leben der holländischen Tänzerin und Spionin Mata Hari, die 1917 durch ein französisches Erschießungskommando hingerichtet wurde, stellt der Choreograf und Künstlerische Leiter des Dutch National Ballet Ted Brandsen in den Mittelpunkt seines gleichnamigen Balletts, das EUROARTS in einer Aufführung dieser Compagnie vom Februar dieses Jahres herausgebracht hat (2061628).

mata harti euroartsMata Hari hatte sich als indonesische Tempeltänzerin ausgegeben, erregte Aufsehen durch ihr extensives Leben mit einer Vielzahl von Liebhabern, darunter prominenten und hochrangigen Männern. Populär in ganz Europa wurde sie durch ihre exotische Tanzkunst, zum Mythos durch ihre vermeintliche Tätigkeit als Doppelspionin während des 1. Weltkrieges mit der nachfolgenden Verurteilung.

Die Handlung beginnt in der Kindheit von Margaretha mit dem Verlust ihres geliebten Vaters, der Zeit bei strengen Tanten und Onkeln, der Flucht in die Träume. Der über zwanzig Jahre ältere Offizier Rudolph MacLeod führt sie ein in die Welt der Musik, der Cafés und Vergnügungen. Er wird ihr erster Ehemann und Vater ihres Sohnes Norman. Der Choreograf erfand für diese Begegnung einen großen, Raum greifenden Pas de deux, den die Primaballerina des Ensembles Anna Tsykangova und Casey Herd mit leidenschaftlichem Engagement und eleganter Allüre umsetzen. Das Paar geht nach Niederländisch-Indien, wo Margaretha sich langweilt, ihr Ehemann trinkt und sie nur in der Gegenwart junger Offiziere auflebt. In einem Shiva-Tempel erlebt sie wie in Trance das vermeintliche Erwachen einer göttlichen Statue (Wen Ting Guan). Nach dem Zusammenbruch ihrer Ehe zieht es sie nach Paris, wo sie im Moulin Rouge zunächst unbeachtet arbeitet, bis der wohlhabende Sammler asiatischer Kunst Guimet (Anatole Babenko) sie in seinen Salon einlädt, in welchem sie mit ihrem Auftritt als exotische halbnackte Schönheit Aufsehen erregt und zu Mata Hari wird. Mit ihrem Geliebten Kiepert (Jozef Varga) und ihrem Dienstmädchen Marie tourt sie durch ganz Europa. In Isadora Duncan (Erica Horwood) hat sie eine ernsthafte Konkurrentin, die ihr die Anhänger und den Geliebten nimmt. Ein Vertragsangebot aus Berlin wird durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert – als Ausländerin muss sie das Land verlassen, kommt erschöpft in Paris an, wo sie den jungen russischen Offizier Vadim (Artur Shesterikov) kennen lernt. Mit Erlaubnis des französischen Geheimdienstes, dem sie ihre Dienste anbietet, folgt sie ihm an die Front. Im Lazarett am Krankenbett des Verwundeten trifft sie der Vorwurf, als Spionin auch für den deutschen Geheimdienst tätig gewesen zu sein – das unerwartete Todesurteil nimmt sie gefasst entgegen und lässt in der Erinnerung noch einmal ihr Leben vorüber ziehen. Die russische Tänzerin besitzt die Aura für die Figur mit ihren vielfältigen Facetten – von der jugendlichen Neugier und dem erotischen Erwachen über die Schicksalsschläge als Frau und dem Glamour als Star bis zum tragischen Ende. Sie genügt auch dem hohen tänzerischen Anspruch der Partie zwischen mondäner Attitüde, erotischem Flair und exotischer Biegsamkeit. Das choreografische Spektrum ist vielfältig und reicht von neoklassischen Pas de deux und Gruppenszenen über attraktive Revue-Einlagen im Moulin Rouge und Episoden im Ausdruckstanz der 20er Jahre bis zu expressiv dramatischen Momenten.

Eine weiträumige lichte Bahnhofshalle mit gewölbter Decke des Designer-Duos Clement & Sanou symbolisiert das umtriebige Leben dieser rastlosen Frau mit ihren vielen Stationen. Eine Vielzahl von spektakulären Kostümen (allein elf für die Protagonistin) entwarf Francois-Noël Cherpin, welche ebenso für die Epoche der Belle Epoque stehen wie für das exotische Kolorit.

Tarik O’Regan komponierte für diese Geschichte eine sehr rhythmische, tanzgerechte Musik, welche diverse Stationen im Leben der Titelheldin – Indonesien, Moulin Rouge – auch akustisch widerspiegelt und die das Dutch Ballet Orchestra unter Matthew Rowe sehr differenziert erklingen lässt. Die Veröffentlichung ist eine willkommene Bereicherung im Genre neu geschaffener Handlungsballette. Bernd Hoppe