Tanz im Film

Eine wahre Fundgrube für Ballett-Enthusiasten ist die Dokumentation A History of Dance on Screen bei ARTHAUS MUSIK (101 690) mit vielen seltenen historischen Aufnahmen. Untersucht wird die wechselseitige Beeinflussung von Ballett und dem Medium Film im 20. Jahrhundert. Die DVD von Reiner E. Moritz beginnt mit einer aktuellen Arbeit – Sasha Waltz’ Choreografie von Strawinskys Sacre aus dem vorigen Jahr am Théâtre des Champs-Elysées, dem Ort der Uraufführung 1913. Danach geht es einen großen Zeitsprung zurück zu Petipas genialer Bayadere, aus der eine Szene aus dem berühmten Schattenreich zu sehen ist. Fast am Ende der Dokumentation sieht man noch einmal das Finale aus Sacre du printemps, diesmal in der Choreografie von Pina Bausch, gefilmt 2011 in Wuppertal.

Zu den größten Raritäten des Films gehört die wahrscheinlich allererste Aufzeichnung einer Tanzszene, dem „Serpentine Dance“ mit Loie Fuller, welche die Lumière Brüder 1896 vornahmen und mit der Hand kolorierten. Ein weiteres Beispiel aus der Frühzeit der Tanzaufzeichnung ist eine Sequenz aus La Sylphide mit Ellen Price, einem Star des Royal Danish Ballet, von 1903. Kostbar ist das Dokument mit der amerikanischen Tanzlegende Isadora Duncan von 1920. Wie deren tänzerisches Erbe bis heute nachwirkt, zeigen zwei Szenen mit Odile Pyros (1971) und Tamara Rojo, dem Star des Royal Ballet London, die 2004 in einer Choreografie von Frederick Ashton, „Brahms Waltzes“, den Geist der Sagen umwobenen Tänzerin genuin wieder belebte. In einem Ausschnitt von 1920 sieht man die unvergleichliche Tamara Karsavina bei Exercises, in einem einzigartigen Dokument aus Hollywood die nicht weniger legendäre Anna Pavlova in dem von Fokin für sie kreierten Solo The Dying Swan. Im Vergleich dazu nimmt sich eine Aufnahme mit der sonst überaus geschätzten Natalia Makarova von 1964 (auf ein scheußliches musikalisches Arrangement mit Chorgeheul) geradezu bescheiden aus. Da kommt Olga Moiseyeva in einem Auftritt 1972 weit mehr an das große Vorbild heran. Den immensen Einfluss von Mary Wigman, die in ihrem bizarren „Hexentanz“ von 1926 zu sehen ist, auf die moderne deutsche Tanzszene belegt ein  Statement von Hanya Holm, die in ihrem Tanzstudio eine der bedeutendsten Pädagoginnen für den Modern Dance war. Ebenso werden Filme von Busby Berkeley als die amerikanische Musical-, Show- und Hollywood-Ästhetik sehr beeinflussend gewertet. In diesem Zusammenhang fehlen natürlich nicht Fred Astaire (zu sehen in einem Film aus dem Jahre 1940), Ginger Rodgers und Gene Kelly. Der moderne Tanz in Amerika wurde wesentlich von Martha Graham geprägt, die in einer ihrer berühmtesten Arbeiten, Appalachian Spring von 1958, zu sehen ist. Weitere Vertreter sind Merce Cunningham (hier mit Branches von 1976), Paul Taylor und Alvin Ailey (Revelations 1968). Sie alle fußen auf Balanchines genialen neoklassischen Schöpfungen, von denen ein Ausschnitt aus Jewels („Diamonds“, aufgenommen 2006 in der Pariser Opéra mit Agnès Letestu und Jean-Guillaume Bart) gezeigt wird.

Die russisch-sowjetische Tanzgeneration repräsentieren Olga Lepeshinskaya und Pyotr Gusev in einem Atem beraubend spektakulären Pas de deux, „Moszkowski Waltz“ von 1940, Maya Plisetskaya als Schwarzer Schwan 1947 und zusammen mit Galina Ulanova in einer Schlüsselszene aus The Fountain of Bakhshiscrai von 1953. Rudolf Nureyev ist in einer Variation aus Le Corsaire 1958 (und in derselben Szene noch einmal nach seiner Flucht in den Westen 1963) zu erleben und natürlich findet seine legendäre Tanzpartnerschaft mit Margot Fonteyn Erwähnung, die in einem Ausschnitt aus Les Sylphides von 1963 dokumentiert ist. Ein weiteres sowjetisches Tanzidol, Vladimir Vasiliev, tritt 1968 in Spartacus auf (der Crassus in diesem aufregenden Partnerduell wird leider nicht genannt – es dürfte sich um Maris Liepa handeln). Als ganz aktuelle Vertreter des Mariinsky-Stils sind Diana Vishneva und Vladimir Shklyarov in der Balkonszene aus Prokofjews Romeo and Juliet von 2013 aufgeboten.

Als Beispiele wichtiger choreografischer Marksteine in anderen Ländern werden Flemming Flindts Etudes mit Toni Lander, Flindt und Erik Bruhn (1969), Judas Tree von Kenneth MacMillan (mit Leanne Benjamin und Irek Mukhamedov,1997), Roland Petits Jeune homme et la mort (mit Marie-Agnès Gillot und Nicolas Le Riche, 2005), Béjarts Bolero (mit Nicolas Le Riche, 2008) und Neumeiers Dritte Sinfonie von Mahler (gefilmt bei einem Gastspiel des Hamburg Ballett in Paris, 2013) aufgeführt. Matthew Bourne gab in den neunziger Jahren den drei Tschaikowsky-Balletten ein neues zeitgemäßes Gesicht, wovon vor allem der ausschließlich von männlichen Tänzern interpretierte Swan Lake Kultstatus erreichte. Selbst die Kunst der heutigen Straßentänzer wird nicht ausgeklammert, was die 2008 unter einer Brücke gefilmte Szene mit den Membros (Choreografie: Tais Viera) oder eine mit der Gruppe Tecktonic beweisen. Aus dem selben Jahr stammt das Tanzduett zero degrees mit zwei Star-Choreografen unserer Zeit, Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui, die einen aggressiven Fight tänzerisch umsetzen.

Besonders John Neumeier betont das nötige und wichtige Vertrauensverhältnis, das zwischen Choreografen und Filmregisseur bestehen muss. Einem Tanzfilm gesteht er eine ganz eigene Qualität zu, die sich wesentlich von der Aufführung im Theater unterscheiden kann und muss. Der Kameramann Thomas Grimm spricht über die Platzierung und den Einsatz der Kameras in den Theatern und das davon abhängige künstlerische Ergebnis. Natürlich fehlen nicht Szenen aus berühmten Tanzfilmen, wie Léonide Massines The Red Shoes von 1948 mit Moira Shearer und Robert Helpmann, The Royal Wedding mit Fred Astaire 1951 und Pina von Wim Wenders (2011 mit einer Sequenz aus Café Müller mit Pina Bausch selbst) oder eigens für das Fernsehen produzierte Stücke, wie The Lesson nach Ionesco von Flemming Flindt (mit Josette Amiel und Flindt 1963), Birgit Cullbergs Red Wine in Green Glasses, in dem die Möglichkeiten der Filmtechnik besonders genutzt werden, wenn die Tänzer geradewegs durch die Luft zu schweben scheinen, oder Kjersti Alvebergs Aske, Skodde, Støv for vinden von 1986 und Lea Andersons Cross Channel von 1991. Lloyd Newsons Enter Achilles von 1996 ist in einem veritablen englischern Pub angesiedelt, wo die Bier trinkenden und bald in Streit geratenden Gäste handfeste Raufereien austragen, die natürlich choreografisch umgesetzt sind. Jiri Kylián nutzt in der Verfilmung seiner Choreografie Car-men (2006) Methoden des Trickfilms, wie auch Christopher Wheeldon in Alice’s Adventures in Wonderland (2011), und Victoria Marks arbeitet in ihrem im Studio gedrehten Film Outside In gar mit Körper behinderten Menschen im Rollstuhl zusammen.

Interviews mit prominenten Persönlichkeiten der internationalen Ballettszene –  Choreografen, Dirigenten, Ballettdirektoren, Pädagogen, Journalisten (Brigitte Kramer, Yuri Fateev, Valery Gergiev, John Neumeier, Michael Nunn und Billy Trevitt von The Ballet Boyz, Matthew Bourne, Hermes Pan, Leslie Caron, Margaret Williams, Alain Platel, Brigitte Lefèvre) – bereichern die Abfolge der Tanz-Ausschnitte. Besonders informativ und wertvoll sind die Aussagen von Bob Lockyer, der viele Jahre Tanzfilme für die BBC produzierte, und des renommierten Tanzkritikers Clement Crisp. Natürlich kann der Film von Moritz, der 25 Jahre Tanz im Film feiert, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, aber er fasziniert durch die Fülle und Vielfalt des Materials.

Bernd Hoppe