Shakespeares Klassiker neu erzählt

Mats Eks tänzerische Version von Romeo and Juliet an der Royal Swedish Opera Stockholm stammt aus dem Jahre 2013 und nennt sich Juliet & Romeo. Einen ganz eigenen Weg wollte der bedeutende schwedische Choreograf in seiner Fassung gehen und wählte daher auch nicht Prokofjews Ballettkomposition, sondern stellte mit Hilfe des Komponisten Anders Högstedt aus Werken Tschaikowskys – dem 1. Klavierkonzert, der 5. Sinfonie, dem „Cappriccio italien“, der „Manfred-Sinfonie“ u. a. – eine musikalische Folie zusammen. „Eine alte Geschichte neu erzählt“, schreibt Jessica Duchen im Beiheft der DVD bei Cmajor, wo dieser Mitschnitt einer Aufführung aus dem vergangenen Jahr erschienen ist (715608). Die Premiere war im Mai 2013 und markierte die erste Arbeit Eks seit 17 Jahren. Inspirationen dafür empfing er aus aktuellen politischen Ereignissen, so dem Tod des tunesischen Straßenverkäufers Mohamed Bouazizi durch dessen Selbstverbrennung im Jahre 2010. Die Bühne der Ausstatterin Magdalena Alberg vereint Bilder der italienischen Renaissance mit rätselhaften futuristischen Szenen. Der Lighting Designer Linus Fellbom hat das Geschehen in diffuses Licht und Nebelschwaden getaucht; oft sieht man gespenstische Silhouetteneffekte. Die Tänzer selbst bewegen mobile Metallwände oder kriechen aus Bodenluken hervor. Aus einer solchen Vertiefung erscheint Romeo bei seinem ersten Auftritt; Julia sucht darin Zuflucht ob der Härte ihres brutalen Vaters, den Arsen Mehrabyan in fanatischer Starre zeichnet, und am Ende werden die Liebenden dort ihr gemeinsames Grab finden. Ek verzichtet auf Degenduelle, Dolch und Gift, alle Tragik resultiert aus der Konfrontation mit der Unmenschlichkeit der Eltern. Die Choreografie ist eine spannende und reizvolle Kombination aus Neoklassik und Ausdruckstanz. Enorm reich ist das Vokabular der Bewegungssprache, die Schreiten, Hopsen, Watscheln, Stampfen und Hüpfen einbezieht, häufig mit abgewinkelten Armen und dem Wälzen auf dem Boden arbeitet. Die Tänzer der Compagnie bringen sich mit bewundernswerter Intensität in dieses Konzept ein – allen voran das Titelpaar mit der burschikos-androgynen Juliet von Mariko Kida, die in den ersten Szenen jugendlich-flink und ausgelassen daherkommt und dann in ihrem Schmerz total gebrochen wirkt, sowie dem burschenhaften, sympathischen Romeo von Anthony Lomuljo in ganz unpathetisch-heutigem Duktus. Ein faszinierendes Charakterbild formt Ana Laguna als Nurse in weitem rotem Umhang – temperamentvoll, witzig, doch mit strenger Autorität und am Ende das tragische Geschehen mit Gesten von archaischer Wucht kommentierend. Neben dem grausamen Vater gibt Marie Lindqvist die Mutter in kreatürlichem Schmerz; ihre Trauer über den Tod Tybalts (Pascal Jansson im schwarzen Glitzershirt raubtierhaft-gewandt) ist offenbar mehr als der über den Verlust eines Verwandten. Eine schillernde Figur zeichnet Jérôme Marchand als psychopathisch angelegter Mercutio, glatzköpfig, tätowiert und in Ledermontur. Im Kontrast zu ihm ist Oscar Salomonsson als Paris ein sensibler blonder Jüngling, der dennoch sein leidenschaftliches Verlangen nach Juliet deutlich zeigt. Stoische Einsschnelllauf-Bewegungen symbolisieren den Fanatismus des Duke (Niklas Ek). Die Auseinandersetzungen der verfeindeten Familien sind nicht immer leicht zuzuordnen, da sich deren Kostümierung wenig unterscheidet. Die Aristokraten sind in seidene Gewänder gekleidet, das Volk tritt in derben, proletarischen Anzügen auf. Die Capulets fahren gar auf Segways herein. Das Royal Swedish Orchestra spielt Tschaikowskys Musik unter Alexander Polianichko mit differenziertem Gespür für Pracht, lyrische Valeurs und dramatische Wucht.

Bescheiden sind die Informationen des Booklets, es gibt keine genauen Angaben über das verwendete musikalische Material und eine Trackliste nur aus zwei Nummern (Akt 1 und 2). Dabei wäre eine ausführlichere Inhaltsangabe der einzelnen Szenen gerade bei einer neuen Ballettfassung hilfreich gewesen.

Bernd Hoppe