Quasimodo in Italien

Roland Petits Ballett Notre-Dame de Paris wurde 1965 mit dem Ensemble der Opéra de Paris im Palais Garnier uraufgeführt; 1996 gab es bei TDK die DVD-Aufzeichnung einer Aufführungsserie am selben Ort mit Nicolas Le Riche, Isabelle Guérin, Laurent Hilaire und Manuel Legris in den Hauptrollen. Nun legt OPUS ARTE den Mitschnitt einer Produktion des Bolshoi Balletts Moskau in Kooperation mit dem Ballett des Teatro alla Scala vom Februar 2013 aus Mailand vor (OA 1139 D). Zu sehen ist die Originalausstattung von René Allio, dessen  Bühne die berühmte Pariser Kathedrale mit abstrakt-strenger Zeichnung wiedergibt, und Yves Saint-Laurent mit seinen farbigen Kostümen voller  Mondrian-Zitate. Das Dokument ist wegen der Besetzung von besonderem Interesse, denn als Quasimodo tritt Roberto Bolle auf, der damit einen gewichtigen Schritt vom Fach des Danseur noble zum Charaktertänzer vollzieht. Er wirkt weniger kreatürlich als Le Riche, lässt in seiner Gestaltung des verkrüppelten Glöckners sogar eine gewisse ihm eigene Eleganz durchscheinen. Dennoch gelingt ihm ein starkes Porträt dieses Outlaw in seinen pathologischen Deformierungen. Und die Szene mit Esmeralda in der Kathedrale zu Beginn des 2. Aktes voller scheuer Annäherungen und erwachender Gefühle rührt in ihrer Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit. In dieser Rolle sorgt die russische Starballerina Natalia Osipova, inzwischen auch beim Royal Ballett London unter Vertrag, für Aufsehen. Technisch exzellent, hat sie sich Petits Stil in verblüffender Perfektion zu Eigen gemacht. Sogleich ihr erstes, ungemein raffiniertes Solo wird mit starkem Szenenapplaus bedacht. Ihr Duo mit dem Hauptmann der Bogenschützen Phoebus (Eris Nezha tänzerisch glänzend in Crassus-Nähe), das sich zum Pas de trois mit dem Archidiakon von Notre-Dame Frollo (fulminant Mick Zeni in seiner körperlichen Gespanntheit und diabolischen Aura) weitet, zeigt sie in faszinierend sinnlicher Ausstrahlung, aber auch als starke Charakterdarstellerin. In dieser Szene erdolcht Frollo in seiner Eifersucht den Rivalen Phoebus, als vermeintliche Schuldige wird Esmeralda abgeführt, vor dem Gericht des Mordes angeklagt und zum Tod am Galgen verurteilt. Quasimodo kann sie retten und in der Kathedrale verbergen, wo aber auch Frollo regiert. Er versucht erneut, Esmeralda für sich zu gewinnen, die schließlich von Soldaten, die die Kathedrale stürmen, ergriffen und zum Galgen geführt wird. Quasimodo erwürgt Frollo und trägt den leblosen Körper der Geliebten davon – ein erschütterndes Bild, das die starke Aufführung beeindruckend beschließt. Neben den Solisten wird auch das Corps de ballet extrem gefordert in dieser vitalen und Tempo betonten Choreografie und es erweist sich den hohen Anforderungen imponierend gewachsen. Durch die Aufnahmen aus der Vogelperspektive werden die Formationen der Gruppe mit Ornamenten, Reihen, Kreisen, Karrees und Diagonalen optisch sehr eindrucksvoll eingefangen.

Die Musik von Maurice Jarre mit ihren Elementen aus Musical und Film findet in Paul Connelly am Pult des Orchestra des Teatro a la Scala einen berufenen Anwalt. Das Bonus-Material bietet Interviews mit den Solotänzern, dem Choreografen Luigi Bonino, der 1975 in Marseille als Quasimodo mit Petit auf der Bühne stand, und dem Dirigenten.

Bernd Hoppe