Rudolf Nurejev

 

Der Abend des 29. Februar 1992 ist Berlins Ballettfreunden, vor allem jenen im Ostteil der Stadt, noch immer in lebendiger Erinnerung. In der Staatsoper Unter den Linden kam Rudolf Nurejews legendäre Produktion von Tschaikowskys Klassiker Dornröschen zur Premiere. In der Karriere des Startänzers ist dieses Ballett mit dem Originaltitel Spiatschtschaja Krassawitsa (The Sleeping Beauty) ein Schlüsselwerk, das ihn über Jahrzehnte begleitete. Die Rolle des Prinzen Désiré markierte den Start des Tänzers im Westen, nachdem er sich bei einem Gastspiel des Kirow-Balletts Leningrad 1961 in Paris von der Compagnie abgesetzt und um politisches Asyl gebeten hatte. Im Grand Ballet du Marquis de Cuevas fand er ein erstes Engagement, tanzte neben dem Blauen Vogel im Divertissement des letzten Aktes auch den romantischen Prinzen, dessen Variation er bei der Premiere sogar wiederholen musste. 1966 brachte er mit dem Ballett der Mailänder Scala seine erste eigene Deutung heraus – natürlich nach Marius Petipa, dem Schöpfer des Werkes 1890 in St. Petersburg, – aber auch mit deutlichen eigenen Akzenten, die vor allem die stärkere Profilierung des Prinzen betrafen. Eben erschien bei Cmajor als DVD der Mitschnitt einer aktuellen Einstudierung dieser Choreografie mit Polina Semionova und Timofej Andrijashenko, die zeigt, wie lebendig Nurejews Erbe ist (siehe auch unsere Rezension in der Rubrik Vielfüßiges). 1972 folgte eine Übernahme beim National Ballet of Canada in Ottawa, 1975 beim London Festival Ballet und 1980 beim Ballett der Wiener Staatsoper. Auch in Paris wurde seine Choreografie gezeigt, eine Aufnahme auf DVD aus der Opéra Bastille  von 1999 zeugt davon.

Die Aufführung Unter den  Linden 1992 stand unter einem Glücksstern, denn die Wiener Staatsoper hatte großzügigerweise ihre opulente Ausstattung von Nicholas Georgiadis dem Berliner Ballett kostenlos zur Verfügung gestellt. In ihrer ausladenden Pracht sprengte sie beinahe die Dimension der relativ kleinen Bühne Unter den Linden. Und eine weitere Besonderheit verlieh dem Abend den Stempel der Einmaligkeit: Nurejew selbst wirkte in der Premiere (und der 2. Vorstellung) in der Rolle der Fee Carabosse mit. Natürlich war das – ein Jahr vor dem AIDS-Tod des Tänzers – nur ein pantomimischer Auftritt. Aber was für eine Aura! Spektakulär aus der Unterbühne herauf fahrend, in Allonge-Perücke mit üppigem Federputz und prachtvoller barocker Robe mit dem Stab eines Zeremonienmeisters gab er der Figur in ihrer Exaltiertheit, exzentrischen Allüre und gefährlichen Boshaftigkeit eine derart faszinierende, Raum füllende  Kontur, dass die Aufführung zu einem großen Teil durch ihn geprägt wurde. Die Dornröschen-Einstudierung war Nurejews letzte Arbeit in Deutschland. Leider existiert von dieser Carabosse kein Bilddokument. Erhalten sind einige Ausschnitte aus dem Ballett, beispielsweise die Variation des Blauen Vogels, welche seine frühen Jahre im Kirow-Ensemble und die Anfänge im Westen belegen. In einem Film von John Bridcut (From Russia with Love) wurden sie erstmals veröffentlicht. Seine Interpretation des Prinzen ist zum Glück dank einer gekürzten Aufnahme beim National Ballet of Canada von 1972 mit Veronica Tennant in der Titelrolle erhalten – ein gesuchtes Sammlerstück (bei VAI).

Auch Nurejews exemplarische Interpretation des Prinzen in Tschaikowskys Schwanensee blieb für die Nachwelt bewahrt. 1962 hatte er ihn erstmals beim Royal Ballet London getanzt und dabei am Ende des 1. Aktes ein melancholisches, von Sehnsucht  nach Liebe und Glück erfülltes Solo eingefügt. Diese von ihm in vielen Werken geschaffenen Einlagen ermöglichten dem Interpreten, seine brillante Technik, dramatische Ausdruckskraft und charismatische Präsenz zu verbinden. Es war auch der Beginn seiner legendären künstlerischen Partnerschaft mit der britischen Tanz-Ikone Margot Fonteyn. 1964 hatte er als Tänzer und Choreograf mit Swan Lake an der Wiener Staatsoper debütiert. Seine Version war ein Meilenstein in der Geschichte des Wiener Staatsopernballetts, am 15. Oktober 1966 wurde sie für eine Video-Veröffentlichung aufgezeichnet und ist heute als DVD bei der DG verfügbar. Sie belegt zudem einen gemeinsamen Wiener Abend von Nurejew und Fonteyn.

Beider Auftritt 1962 in Giselle an Londons Covent Garden markierte das Debüt des Tänzers bei dieser renommierten Compagnie und den Beginn der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Dame Margot. Eine gefragte Rarität unter Sammlern ist der RAI-Mitschnitt einer Aufführung von Adams Ballett vom 15. Februar 1980 am Teatro dell’Opera di Roma, wo neben Nurejews Albrecht die italienische Assoluta Carla Fracci in der Titelrolle zu sehen ist.

Das Trio der Tschaikowsky-Prinzen komplettiert jener aus dem Nussknacker. Nurejews Choreografie kam 1967 beim Royal Swedish Ballet heraus, ein Jahr später folgte das Royal Ballet London. Die Produktion mit Nurejew in der Doppelrolle des Drosselmeier und Prinzen sowie Merle Park als Clara ist ein Klassiker, erschien erstmals 1968 bei Pioneer und soeben als Wiederauflage bei OPUS ARTE (OA 1248 D). Den Grand pas de deux sieht man hier in unnachahmlich aristokratischer Manier zelebriert.

Vielerorts hat Nurejew Glazunows Ballett Raymonda wieder belebt. Den Beginn machte die Royal Ballet Touring Company von Spoleto 1964, es folgten das Australian Ballett 1965, das Ballett der Oper Zürich 1972, das ABT New York 1975 und das Ballett der Wiener Staatsoper 1985. Als Nurejew 1983 die Leitung des Pariser Ballet de l’Opéra übernahm, war Raymonda das erste Ballett, welches er aufführen ließ. Noëlla Pantois übernahm die Titelrolle, er selbst tanzte den edlen Ritter Jean de Brienne. Unter Sammlern kursiert ein Mitschnitt (in mäßiger technischer Qualität) mit beiden Interpreten sowie Jean Guizerix als Abderam. Regelmäßig kam es zu Wiederaufnahmen in der Opéra Garnier oder Bastille und stets in illustren Besetzungen. Viele étoiles traten auf – in der Titelrolle Elisabeth Platel, Fanny Gaida, Marie-Claude Pietragalla und Claude de Vulpian, als Jean Charles Jude, Manuel Legris und José Martinez, als Abderam Laurent Hilaire und Wilfried Romoli. Die Produktion von 1998 mit Elisabeth Platel, José Martinez und Laurent Hilaire ist als DVD erhältlich. Aufschlussreich ist eine Veröffentlichung bei TDK in deren Serie Dancer’s Dream – The Great Ballets of Rudolf Nureyev, in welcher alle Interpreten von 1983 bis 1998 zu sehen sind, was spannende Vergleiche ermöglicht.

Rudolf Nureyev and Margot Fonteyn in the Grand adage from Nureyev’s staging of the Petipa Minkus The Kingdom of the Shades for the Royal Ballet, London, 1963/ Wikipedia

Nach Raymonda galt Nurejews Interesse einem weiteren Klassiker des Ballettrepertoires – Minkus’ Don Quixote. Die männliche Hauptrolle, der Barbier Basil, sollte weltweit zu einer seiner erfolgreichsten Rollen werden. Er tanzte ihn erstmals mit 21 Jahren beim Kirow-Ballett in Leningrad, dann 1966 im Westen in seiner Choreografie für das Ballett der Wiener Staatsoper, es folgten Produktionen für das Australian Ballet 1970, das Marseilles Opera Ballet 1971 und schließlich nochmals die australische Compagnie in einer Filmversion 1972, in der er erstmals auch als Regisseur wirkte.

Eine weitere Glanzrolle Nurejews war der Romeo in Prokofjews Romeo and Juliet, das Kenneth MacMillan 1965 in London choreografiert hatte. Wieder war Fonteyn seine Partnerin in diesem Rollendebüt. Beide sind in einer DVD-Ausgabe von 1966 bei CAROL MEDIA zu erleben. Seine eigene Choreografie existiert als DVD in einer Aufzeichnung vom Juli 1995 aus der Pariser Opéra Bastille.

Das Ballett, welches den Tänzer und Choreografen von Beginn an und bis zum Ende seines Lebens begleitete, ist Minkus’ La Bayadère. Die Choreografie von Petipa, uraufgeführt 1877 in St. Petersburg, zählt zu den Sternstunden des klassisch-romantischen Balletts, der 3. Akt (Das Reich der Schatten) zu den Gipfelleistungen der Gattung. Die männliche Hauptrolle des Solor stellt eine der größten Herausforderungen an die Virtuosität und Kondition eines Solotänzers dar. Vor allem an der Serie der double tour en l’air in der Variation des Pas de deux mit Nikya ist schon mancher Interpret gescheitert oder hat eine vereinfachte Variante gewählt. Den berühmten 3. Akt, Le Royaume des Ombres/The Kingdom of the Shades, hatte Nurejew bereits 1963 beim Royal Ballett, London herausgebracht und ihn 1974 auch mit dem Ballet de l’Opéra de  Paris im Palais Garnier gezeigt. Dort fand dann auch die Erstaufführung des vollständigen Balletts (in der dreiaktigen Fassung) in seiner Choreografie statt. Am Abend der Premiere am 8. Oktober 1992 war tout Paris im prachtvollen Opernhaus der Metropole versammelt – berühmte Künstler, die Stars der Modebranche, die Größen der Politik… Am Ende der umjubelten Aufführung ehrte Kulturminister Jack Lang den Schwerkranken mit dem Orden Commandeur des Arts et Lettres – wenige Monate später, am 4. Januar 1993, erlag er in einem Pariser Krankenhaus seiner Infektion mit dem Virus. La Bayadère gilt als sein Vermächtnis und existiert als DVD in einer Pariser Aufführung von 1994 mit der Besetzung der Premiere: Isabelle Guérin als Nikya, Laurent Hilaire als Solor und Élisabeth Platel als Gamzatti.

Nurejews Leben und Wirken ist in unzähligen Veröffentlichungen dokumentiert – in Büchern als Biografien (wie der von Peter Watson im ECON Verlag oder Julie Kavanaghs Rudolf Nureyev: The Life) sowie Fotobänden (wie The Nureyev Image von Alexander Bland bei Times Books oder als neueste Veröffentlichung Nurejew – Bilder eines Lebens von Pierre-Henri Verlhac im Berliner Henschel Verlag). Im vorigen Jahr kam ein Film des bekannten Schauspielers  Ralph Fiennes mit dem Titel Nurejew – The White Crown in die Kinos. Er schildert die Anfänge des Tänzers in Leningrad und endet mit seiner spektakulären Flucht in den Westen auf dem Pariser Flughafen 1961.

Es ist wie bei Maria Callas – alles ist gesagt über diesen Künstler, der apostrophiert wird mit einem Kometen. Aber immer wieder fordert er Autoren, Fotografen, Regisseure und Ballettschaffende heraus, sich mit seiner Persönlichkeit und seiner Kunst auseinanderzusetzen. Das zeugt von Rudolf Nurejews Unsterblichkeit (das Foto oben ist ein Ausschnitt aus dem Paul-Czinner-Film von Prokoffieffs Romeo and Juliet mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn, ursprünglich bei Rank herausgekommen und in zahlreichen Übernahmen erschienen/Rank). Bernd Hoppe