Romeo und Julia als Streetdancer

Hip Hop ist derzeit angesagt in der Tanzszene – auch beim klassischen Ballett. Nach Tschaikowsky-Klassikern bei ARTHAUS erschien dort nun eine Version über das berühmteste Liebespaar der Historie mit dem Titel Roméos & Juliettes (102 198). Die Produktion stammt aus dem Théâtre de Suresnes Jean Vilar, wo sie 2008 Premiere hatte. Der französische Choreograf Sébastien Lefrancois, der nach einer professionellen Karriere als Eiskunstläufer ein Hip-Hop-Studio eröffnet hatte, wählte für seine Lesart den Plural, um auf die vielen existierenden Interpretationen der Handlung hinzuweisen. Für die musikalische Folie sorgten der Komponist Laurent Couson und der Electrosound-Künstler Vincent Artaud mit einem gefälligen Mix aus symphonischen und akustischen Klängen. Darüber hinaus steuert der Schauspieler Laurent Paolini als Sir Capulet gesprochenen Text in Französisch als grotesk verzerrte Wortfetzen bei. Im Einheitsbühnenbild aus mobilen Platten von Giulio Lichtner agieren die Tänzer in Kostümen von Modedesigner Mario Faundez mit enormer körperlicher Intensität und entfachen eine mitreißende Vitalität und Dramatik. Der Choreograf verlangt ihnen alles ab an physischem Einsatz mit seinen athletischen, impulsiven und emotionalen Vorgaben, die sich rasant steigern und in den Breakdance-Szenen eine artistische Dimension erreichen. Gelegentlich gerät der Slapstick allerdings an die Grenze zu Alberei und Nonsens. Herausragende Tänzer sind der Energie geladene Giovanni Léocadie als Roméo mit stupender Körperlichkeit und die burschikos-koboldhafte Juliette von Jann Gallois, die eine gleichermaßen verspielte wie gefühlsstarke Balkonszene geben, bei der Trauung wegen der Weinkrämpfe der Nourrice (bizarr-komisch: Otuawan Nyomng) nur mit Hindernissen zum Kuss kommen und für eine erschütternde Finalszene sorgen.

Bernd Hoppe