Zu Pferd und zu Fuss

 

Wohl ein großer auch Publikumserfolg muss Mozarts Davide Penitente mit Pferdeballett in der Felsenreitschule gewesen sein, so dass man 2017 gleich eine Neuauflage mit des Komponisten Requiem, wieder aufgeführt von Marc Minkowski und  Les Musiciens du Louvre sowie der Académie équestre nationale du domaine de Versailles, wagte und damit des Dirigenten doppelter Leidenschaft, nämlich der für Musik und der für Pferde, Genüge tat. Während die beiden unteren Arkaden der Felsenreitschule vom Orchester eingenommen werden, versammeln sich Chor und Vokalsolisten in der obersten, während die Arena dem Dirigenten und Pferd und Reiter vorbehalten ist. Außer Mozarts Requiem kommen dessen Ave verum und  Miserere sowie Händels Largo aus der Trauermusik für Queen Caroline zu Gehör. Meistens Schimmel, deren Vorderteil mit einem schwarzen Trikot verhüllt ist, mit zum größten Teil langhaarigen Reiterinnen bestreiten das Programm, Mozarts Miserere allerdings ist einem Rappen anvertraut, dessen Reiter zunächst mit verhülltem Haupt tanzende Armbewegungen vollzieht, während der Introitus des Requiems themengemäß mit über dem Sattel hängenden Körpern, die sich erst allmählich aufrichten, mit Ketzermützen und dem Reiten in Kreuzesform in die Totenmesse einführt. Die Phantasie des Choreographen Bartabas kennt keine, wenn nicht von den Pferden gesetzte Grenzen, zuletzt reiten sogar anstelle der jungen Mädchen, die ihre Pferde erstaunlich, ja bewundernswert im Griff haben, geflügelte Skelette durch die Arena. Auch die Lichtregie mit phantasievollem Farbwechsel trägt zur Schaffung einer wundersamen, sich Mensch, Musik und Tier als schöpferische Einheit vorstellenden Kunstwelt bei. Dabei wird der Charakter des jeweiligen Stücks sensibel getroffen, wird nicht zuletzt die jeweils gewählte Gangart der Pferde darauf abgestimmt, wälzt sich der Rappe ohne sichtbares Eingreifen eines Trainers vor dem Sanctus minutenlang im Staub.

Die musikalische Seite ist ebenso perfekt wie die optische. Der Salzburger Bachchor unter Aldis Glassner ist pure Reinheit und Stilsicherheit, und einzelne Mitglieder begeben sich sogar in die Arena, um inmitten der Pferde zu singen. Die Solisten Genia Kühmeier mit strahlendem Sopran, Elisabeth Kulman mit schlankem, instrumental geführtem Mezzo, Julien Behr mit schartiger Tenor-Präsenz und Charles Dekeyser mit gewichtigem Bass entledigen sich ihrer hier nicht sehr umfangreichen Aufgaben mit Bravour. Marc Minkowski  und seinem Orchester merkt man die Hingabe, mit die sie sich ihrer Aufgabe widmen an, was man nicht nur an den Gesichtern der Musiker, sondern vor allem an ihrem Spiel ablesen kann (C- Major 741904).

 

In neuer Verpackung und nun als Blu-ray erschienen ist Verdis Requiem aus Los Angeles, aufgeführt im August 2013 „Live at the Hollywood Bowl“ mit The Los Angeles Philharmonic unter Gustavo Dudamel. Derart kontrastreich und opernhaft aufgeführt wie unter dem venezolanischen Dirigenten hört man das Requiem selten, so agogikreich und auch in der Lautstärke ausgereizt, sei es der Chor oder seien es die Solisten, so dass der Dies irae erscheint wie die Naturgewalten, die unlängst die USA heimsuchten. Der Dirigent legt vor allem Wert auf einen mitreißenden Spannungsaufbau, lässt das Rex tremendae zu einem Klangrausch werden, findet aber auch im Lacrymosa zu schöner Ausgewogenheit.

Der Sopran von Juliana DiGiacomo überstrahlt alles, ist wunderbar gerundet, mit sanftem Tonansatz, das Libera me kennt keine hörbare Anstrengung, wird im Mittelteil wunderbar fließend gesungen und zum Höhepunkt der Aufführung. Große Bögen singt mit ebenmäßigem, nie brustig werdendem Mezzosopran Michelle De Young, der auch in der Höhe die Mezzofarbe nicht ausgeht. Etwas zu süßlich klingt der Tenor von Vittorio Grigolo, dessen Piano, so im Hostias, nicht sehr präsent erscheint, der auch im Ingemisco den Ausdruck durch ablenkende Handbewegungen verstärken will, den hohen Ton geradezu herausschleudert und ein schönes, aber recht melodramatisches statuens singt.  Der Bassfels in der Brandung ist Ildebrando D’Arcangelo mit kultiviertem Einsatz für den mors und ein machtvolles Confutatis, und die tolle Höhe ist natürlich für einen Bassbariton selbstverständlich und lässt die Lux aeterna leuchten. Eine Aufnahme also für alle, die es gern opernhaft haben (C-Major 741304). Ingrid Wanja