Piraten in Toulouse

Eine große Tänzerkarriere als Etoile beim Ballett der Pariser Opéra hat Kader Belarbi hinter sich und ist nun seit einigen Jahren Chef des Ballet du Capitole in Toulouse. Dort hat er als Choreograf eine Neufassung von Le Corsaire erarbeitet, gemeinsam mit dem renommierten Ballettkenner David Coleman, die nun  von OPUS ARTE als DVD (OA 1129 D) herausgebracht wurde. Der Dirigent hat der bekannten Musik von Adam noch Kompositionen von Arensky, Lalo, Massenet und Sibelius sowie eigene Werke beigefügt. Das lässt das Stück hinsichtlich seines musikalischen Gefüges uneinheitlich erscheinen, hat aber den Vorteil, dass es aus dem romantischen Geist geholt und mehr ins Heute gerückt wurde. Dazu trägt ganz besonders auch die Ausstattung bei, die sich von jeder bisher bekannten Produktion des Ballettklassikers unterscheidet. Denn allen schwülstigen Orientkitsch vermeidet die fast leere, ganz helle Bühne von Sylvie Olivé, die im 1. Akt lediglich ein weißes Segel als Plafond und angedeutete Portal-Details sowie später einige Designer-Objekte sehen lässt. Im 2. Akt sind raffinierte Schattenrisse mit schwarzen Schiffskörpern vor blauem Hintergrund zu erkennen. Prachtvoll und der Region verpflichtet sind die Kostüme von Olivier Bériot aus Brokat, Seide und Chiffon mit reichlich Stickerei und Zierwerk.

Die Handlung konzentriert sich auf eine schöne Sklavin, die gleichermaßen begehrt wird von einem Korsar und dem Sultan, was die Eifersucht von dessen favorisierter Konkubine hervorruft. Konsequent widersetzt sich die Sklavin den Werbungen des mächtigen Herrschers, der sie reich beschenkt, vor dem sie im Palast tanzen muss und der sie schließlich missbraucht. Heimtückisch lässt die Favoritin den Korsar in die Gemächer des Sultans ein, wo er die Sklavin wieder sieht, was sie wiederum dem Sultan hinterbringt. Zum Tode verurteilt, flüchtet sich der Korsar mit einem Schleier seiner Geliebten in phantastische Träume. Dann aber kann er durch die Hilfe seiner Freunde gemeinsam mit der Sklavin fliehen und in einem Versteck Zuflucht finden. Mit den Janitscharen und der Favoritin erscheint der Sultan, dem der Unterschlupf zugetragen wurde. Er überlässt das Paar seinem Schicksal, nämlich der tobenden Flut, welche die Liebenden am Ende vereint in die Ewigkeit entlässt.

Glänzend sind die Tänzer des Ballet du Capitole, die Davit Galstyan in der Titelrolle anführt. Bravourös seine hohen Sprünge, die schnellen Pirouetten, die Raum greifenden grand jétés à la manège. Sinnlich, anmutig und exotisch, dazu leicht und biegsam ist seine schöne Sklavin in Gestalt von Maria Gutierrez. Beider leidenschaftlicher Pas de deux im 1. Akt ist schon ein großer Höhepunkt, gespickt mit Schwierigkeiten, wie stupenden Hebungen und wirbelnden fouettées. Auch das Wiederfinden im Palast beeindruckt in seiner emotionalen Kraft und dem hohen tänzerischen Anspruch. Und natürlich ist der große Pas de deux im 2. Akt (hier nicht wie oft als Pas de trois gezeigt) in seiner Atem beraubenden Bravour das tänzerische Glanzstück der Aufführung. Schließlich gestaltet sich das Finale mit beider Kampf gegen die gewaltige Flut als  dramatisch packende Szene. Mit herrscherlicher Allüre ist Juliette Thélin die Konkubine des Sultans, eiskalt und maliziös ihre Aura, kapriziös bis exzentrisch ihr tänzerischer Gestus, extravagant das Gewand und die einem Einhorn gleichende Kopfbedeckung. Der empfindsame Pas de deux des Sultans, den Takafumi Watanabe mit Autorität und tänzerischer Bravour gibt, mit der Sklavin sagt viel aus über sein starkes Gefühl für diese Frau. Ihr Solo, das sie für ihn tanzt, zeigt ihre gespaltene Situation als seine Gefangene. Dass der Sultan in seiner körperlichen Gewandtheit und virilen Kraft auch ein veritabler Konkurrent für den Korsar ist, beweist beider Duell am Ende des 1. Aktes, das der Sultan für sich entscheidet und den Korsar gefangen nehmen lässt. Dessen  Kamerad gibt Demian Vargas mit männlicher Energie. Zwei Sklavinnen (Juliana Bastos/Julie Loria) sind ganz in der Tradition des romantischen Repertoires, vergleichbar den Solo-Villis oder -Schatten, geführt und mit virtuosen Auftritten betraut. Reiche Aufgaben fallen dem Corps de ballet zu, so in der Eingangsszene mit dem lebendigen Markttreiben, im Harem mit den Tänzen der Odalisken oder denen der Derwische im Palast. Im 2. Akt hat die Gruppe besonders vitale Auftritte zu absolvieren, die zuweilen fast an die Volkstänze in Peer Gynt erinnern (auch wegen der Musik von Sibelius) oder zum Bacchanale aus Massenets Hérodiade ein imponierend ausgelassenes Treiben abgeben. David Coleman beweist mit dem Orchestre national du Capitole ein sicheres Gespür für die stilistische Vielfalt der Musik.

Bernd Hoppe