Odiles Qual und Ekstase

Eine interessante Dokumentation bietet die Firma ro.k MEDIEN mit ihrer DVD Der schwarze Schwan – Qual und Ekstase, die eine Produktion von Tschaikowskys Ballettklassiker beim Thüringischen Staatsballett Gera festhält (601848). Die Choreografin und Ballettdirektorin der Compagnie Silvana Schröder erzählt die Handlung aus der Sicht Odiles, des Schwarzen Schwans, die unter ihrem brutalen Vater Rotbart leidet. sich zu emanzipieren versucht und ihn am Ende tötet. Der erste Teil der DVD vermittelt Einblicke in die Probenarbeit mit den Verletzungsrisiken der Tänzer, zeigt die Atmosphäre hinter der Bühne, die immer knapper werdende Zeit bis zur Premiere und schließlich diese selbst.

Der zweite Teil bringt eine Kurzfassung der ungewöhnlichen Choreografie von Silvana Schröder als Aneinanderreihung von einzelnen Szenen (oft in abrupten Schnitten), die man gern komplett gesehen hätte. Denn sie zeugt nicht nur von einer ganz neuen Interpretation dieses Tanzdramas, sondern auch von der hohen Leistungsfähigkeit des Ensembles und dem unbedingten Einsatz eines jeden einzelnen Mitgliedes. Da die Compagnie nur über zehn Gruppentänzerinnen verfügt, tragen auch sieben männlichre Tänzer ein Tutu, um den Schwanen-Reigen zu verstärken. Das junge Solopaar, Alina Dogodina aus der Ukraine und der 22jährige Brasilianer Hudson Oliviera, der hier die erste Hauptrolle seiner Karriere zeigt, beeindruckt durch seine charismatische Ausstrahlung und die stupende technische Bravour. Auch Stefania Mancini, die vor zwei Jahren von der Semperoper an das Thüringische Staatsballett gewechselt hatte, bekommt hier ihre große Chance als Odette – anfangs nur Drittbesetzung, rückte sie bis zur Premiere schließlich in die erste Garde auf. In beiden Aspekten der Choreografie, dem neoklassischen Stil auf Spitze und dem modernen Ausdruckstanz barfuß, erweisen sich alle als perfekte Interpreten. Nach dem Film Black Swan mit Natalie Portman ist dies ein weiterer (und viel überzeugender) Versuch, die Geschichte aus der Perspektive der Odile zu erzählen.

Bernd Hoppe