Mats Ek und die Liebenden von Verona

Die neue Tanzversion von Shakespeares Klassiker Juliet & Romeo, die Mats Ek für das Royal Swedish Ballet choreografierte, verwendet als musikalische Folie nicht die bekannte Komposition Prokofjews, sondern eine Collage aus Werken von Tschaikowsky. Da hört man das sattsam bekannte Erste Klavierkonzert, den langsamen Satz der Fünften Sinfonie, ein Andante cantabile für Streicher, das Capriccio Italien und die Manfred-Sinfonie. Das Royal Swedish Orchestra spielt die stilistisch unterschiedlichen Stücke unter Alexander Polianichko mit großem Einfühlungsvermögen; Bengt-Ake Lundin erweist sich als brillanter Solist im Klavierkonzert b-Moll.

Die abstrakte Szenerie der Ausstatterin Magdalena Aberg zeigt anfangs wallenden Nebel über geriffelten Metallwänden und den einer Bodenluke entsteigenden Romeo, dessen fließende Bewegungen sogleich den prägnanten persönlichen Stil des Choreografen offenbaren. Eine Gruppe Jugendlicher absolviert vitale Drehungen und kraftvolle Sprünge, fährt die Wände in verschiedene Positionen und arrangiert sie zu immer neuen Ordnungen, von Linus Fellboms Light-Design oft in gleißendes Licht getaucht. Juliets erster Auftritt steht für das ausgelassene junge Mädchen, witzig ihr Tanz mit der reifen Nurse (Ana Laguna). Im kurzen gelben Kleidchen ist sie eine ganz und gar heutige Figur voller Vitalität und Übermut. Mariko Kida, die Interpretin der Uraufführung, gibt sie mit jugendlicher Aura, Neugier, Temperament und mit übermenschlicher Kraft gegen ihr Schicksal aufbegehrend. Am Ende liegt sie als vermeintlich Tote in einer Bodenvertiefung, wo Romeo sie findet und mit ihr stirbt. Er ist kein romantischer Typ; Anthony Lomuljo, ebenfalls bei der Uraufführung dabei, verkörpert ihn mit sympathischer jungmännlicher Ausstrahlung. Seine Balkonszene bebt vor Erregung und Erwartung, fast wird er hier von Juliet erobert, die sich zunächst als der aktivere Teil zeigt. Dann aber gibt es eine ekstatische Vereinigung der jungen Liebenden mit stürmischen Hebungen, wirbelnden Drehungen und sportiven Würfen. Beider nächtliche Szene auf die zarte Streichermusik Tschaikowskys berührt in ihrer Sensibilität und Tragik. Überwältigend ist seine letzte Szene mit dem Abschied von Juliet. Gemeinsam versinken sie in der Grube. Ganz unkonventionell gezeigt wird der Mercutio von Jérôme Marchand als glatzköpfiger, tätowierter Rocker. Tybalt (Pascal Jansson) besticht in seiner aalglatten Eleganz, der katzenhaften Wendigkeit. Der Duke von Niklas Ek ergeht sich in ständigen Wiederholungen von herumfuchtelnden, stoischen Bewegungen. Expressiven Ausdruckstanz zeigen die Mother von Marie Lindqvist und der faszinierende Arsen Mehrabyan als Father.

Effektvolle Massenszenen, so beim Ball zum letzten Satz der Fünften, wo Juliet im zarten Tutu auftritt und Mercutio mit schwarzem Tutu über der Lederhose

als Spaßmacher fungiert, stellen dem Royal Swedish Ballet mit seiner engagierten und synchronen Darbietung ein glänzendes Zeugnis aus. Ohne dass der Choreograf sich in seinem Handlungsgerüst sklavisch an die Vorgabe Shakespeares hält, gelingt ihm eine eindringliche Version des tragischen Geschehens. Der Sohn der legendären Birgit Cullberg beweist mit dieser Arbeit, die als Juliet & Romeo 2013 an der Royal Swedish Opera in Stockholm uraufgeführt und im selben Jahr für die DVD bei C major (715608) aufgenommen wurde, seine anhaltend eminente Bedeutung in der zeitgenössischen Tanzszene.

Bernd Hoppe