Lagweilige Wasserspiele

Tschaikowskys Ballettklassiker existiert in vielen choreografischen Varianten und dramaturgischen Versionen. Man denke nur an Neumeiers Illusionen – wie Schwanensee, wo die Geschichte als persönliche Tragödie des Bayernkönigs Ludwig erzählt wird, oder an Bourne, der in seinem Swan Lake männliche Schwäne als personifizierte spätpubertär-homoerotische Träume auftreten lässt. Nun legt ARTHAUS eine neue Lesart des schwedischen Choreografen Alexander Ekman vor, die im April 2014 im Opernhaus Oslo ihre Uraufführung erlebte (102 195). Der schwedische Komponist Mikhael Karlsson verarbeitete dafür mehrere Motive Tschaikowskys, schrieb aber große Teile der Musik neu. Per Kristian Skalstad leitet das Norwegian National Popera Orchestra.

„Etwas Großes, Wildes und Anderes“ wollte Ekman in seinem A Swan Lake  zeigen. Die Bühne gestaltete er selbst – 21 Türen im 1. Akt, wo die Schauspieler Gunnar Røise/The Artist und Fridtjov Sáheim/The Producer in enervierender Ausführlichkeit über die Aufführung des Musicals The Swan Lake City diskutieren. Eine bizarre Gesellschaft in wüsten Kostümen aus rosa Seide vom dänischen Starmodedesigner Henrik Vibskov mit einer schrillen Operndiva (Elisabeth Teige) bewegt sich in einem Mix aus Slapstick, Pantomime und Comedy-Gestus. Der 2. Akt spielt 137 Jahre später, also heute, und auf einem gefluteten Boden, wo bei den Bewegungen der Tänzer das Wasser in hohen Fontänen aufspritzt. Das bringt imposante Effekte, tänzerisch aber nichts. Ganz ohne klassisches Vokabular kommt der Choreograf allerdings nicht aus – hier eine Arabesque, da ein Grand jété, dort eine Pirouette und Odette in den Posen des Sterbenden Schwans. Nur wenige choreografische Einfälle – wie der witzige Tanz der Kleinen Schwäne mit dem watschelnden Entengang der Tänzer – überzeugen. Die zentralen Figuren des Weißen und Schwarzen Schwans (Camilla Spidsøe/Melissa Hough) erscheinen lediglich im 2. Akt in der Szene „Black meets White“, wo Odette von Odile geschlagen wird und darauf doch mit zärtlichen Gesten reagiert. Prinz Siegfried (Philip Currell) bleibt eine Episodenrolle. Bei einer „Beach Party“  fallen Plastik-Enten vom Himmel, prustet ein Musiker in eine Tuba, latscht ein Mann in Eimern herein, bis die Diva den Fön ins Wasser fallen lässt und damit für einen Kurzschluss samt Chaos sorgt. Das Finale des 2. Aktes im strömenden Gewitterregen ist eine Orgie aus im Wasser planschenden Gestalten, die sich im 3. Akt, der 427 Jahre später spielt, in monströsen Roboter-Kostümen aus Neopren vor dem enthusiasmierten Publikum im neuen Opernhaus von Oslo verbeugen. Den Anhängern des klassischen Tanzes ist von dieser Deutung dringend abzuraten.

Bernd Hoppe