Keine Verschmelzung

 

Mehrfach hat Choreograph John Neumeier sich mit dem Orpheus-Mythos befasst, dreimal mit seiner Bearbeitung durch Gluck, für dessen Oper er nicht nur die Choreographie, sondern Regie, Bühnenbild, Kostüme und Lichtregie übernahm und die in Chicago (2018), Hamburg und Los Angeles zu erleben war, wobei das liebende Paar stets von den gleichen Sängern gespielt wurde. Von der Aufführung des Gluckschen Orphée  in Chicago gibt es jetzt eine Blu-ray Disc, die bei C-Major erschienen ist. Natürlich bevorzugte der Künstler die Pariser Fassung von 1774, da sie zusätzliche Musik für Balletteinlagen enthält und so seiner Absicht entgegenkommt, eine Rahmenhandlung für den mythischen Stoff zu erfinden. Nun beginnt die Oper zur Ouvertüre mit der Auseinandersetzung zwischen strengem Ballettmeister Orphée und zickiger Primaballerina Eurydice vor Böcklins Toteninsel, dem Bühnenbild des einzustudierenden Balletts, einem recht banalen Ehekrach, der mit einer Ohrfeige für den Gatten und dem Tod der sich unvorsichtig ins Verkehrsgewühl stürzenden Gattin endet. Durch das Smartphone erhält Orphée Kunde davon, will sich das Leben nehmen, wird aber vom Assistenten (?) Amore  dazu angehalten, sich auf den Weg ins Totenreich zu machen, um Eurydice zurückzugewinnen. Es folgt Glucks Oper, deren happy end, einst anstelle des tragischen Schlusses gewählt, weil eine Hochzeitsgesellschaft die Uraufführung in Wien erlebte, nun darin besteht, dass zwar nicht die reale Eurydice unter die Lebenden zurückkehrt, wohl aber in ihrem Geiste das Werk von Orphée zu Ende geführt werden kann, der Eindruck erweckt wird, der Fährmann auf dem Weg zur Toteninsel sei die Verblichene selbst, ihr Geist aber lebe im Werk des Gatten weiter.

Ein Verschmelzen der Opern- mit den Ballettteilen gelingt nicht recht, zu sehr kontrastiert die bewusste Einfachheit im besten Sinne auf der musikalischen Seite mit der Künstlichkeit des Balletts. Ein Auseinanderfallen des Werks wird im Reich der glücklichen Geister nur dadurch vermieden, dass die Darstellerin der Eurydice, Andriana Chuchman, nicht nur eine Sängerin mit süßem, klarem Sopran, sondern auch eine gute Tänzerin ist und sich mit harmonischen Bewegungen unter die glücklichen Geister mischen kann.  Auch ist es einer der Vorzüge der Aufführung, dass die Sänger mindestens so attraktiv sind wie die Tänzer, einer ihrer Nachteile, dass die reine, klare Musik der Reformoper nicht so recht passen will zu den manchmal allzu süßlich, manchmal zu pathetisch, zu konventionell wirkenden Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen, besonders wenn sie wie im Schlussbild recht kitschig kostümiert sind. Auch die häufigen Farbwechsel der Bühnenbeleuchtung und die sich ständig drehenden Türelemente bringen Unruhe dann in das Geschehen, wenn Ruhe geboten ist.

Von der Bühne verbannt ist der Chor, der unter Michael Black Vorzügliches leistet, nicht nach steht ihm das Orchester der Lyric Opera unter Harry Bicket, der die schlichte Erhabenheit der Musik zur Geltung bringt. Das ganz große Plus der Aufnahme aber ist der Tenor Dmitry Korchak, dessen Stimme wie für das französische Idiom geschaffen scheint, der mit einer perfekten Voix mixte aufwarten kann, der mit feinen Variationen  für das schmerzvolle „Eurydice“ und für „J’ai perdu mon Eurydice“,  schönem Piano für „Plein de Trouble“, koloratursicher für „L’espoir“ und ausdrucksvoll in den Rezitativen alle Anforderungen an die Partie erfüllt. Einen frischeren, keckeren Sopran als den von Lauren Snouffer kann man nicht für den Liebesgott einsetzen, so dass das vokale Glück vollkommen ist (C-Major 714404). Ingrid Wanja