Kammertanz in Vollendung

Einen Auftritt des Zürcher Balletts bei den Salzburger Festspielen 2012 hält die DVD Dance & Quartet von ARTHAUS MUSIK fest (101 680). Die Compagnie zeigte am 28. und 29. 7. in der Felsenreitschule drei Ballette von Heinz Spoerli, beginnend mit Lettres intimes auf das Streichquartett Nr. 2 „Intimate Letters“ von Leos Janácek. Dass das renommierte Hagen Quartett die Aufführung live begleitet, erhöht den Wert dieses Dokumentes beträchtlich, denn oft werden solche Kammertanzabende aus der Konserve begleitet, was den Tanz in seiner Bedeutung schmälert. Die vier Musiker spielen mit expressiver Kraft und emotionaler Verve, bestätigen ihren Ruf als international führende Formation in der Kammermusik-Szene. Das Solopaar bilden der virile Arsen Mehrabyan als Gast vom Royal Swedish Ballet und die sensible Seh Yun Kim als Mitglied des Zürcher Ensembles, denen mehrere Tänzerpaare zugeordnet sind. Kernstück der meisterhaften Choreografie von Spoerli ist ein leidenschaftlicher Pas de deux im 2. Satz, bei dem Mehrabyan mit kraftvollen Sprüngen und schnellen Drehungen besticht, während Kim eine lyrische Note einbringt. Sie ist die Zaudernde, die am Ende den Mann verlässt, der verzweifelt zusammenbricht.

Dvoráks Streichquartett in F-Dur op.96, das „Amerikanische“, bildet die Klangfolie für den zweiten Beitrag, der den Titel trägt In Spillville. Von den drei gezeigten Arbeiten ist es Spoerlis jüngste Schöpfung (uraufgeführt 2011 in der letzten Saison des Choreographs in Zürich) und in ihrer optimistischen Lebensfreude ein schöner Kontrast zum ersten Stück. Hier sind Sarah-Jane Brodbeck von der Zürcher Compagnie und Tigran Mikayelyan vom Bayerischen Staatsballett die Solisten, die gleich im 1. Satz in einem innigen Pas de deux bezaubern. Auch da gesellen sich weitere Paare hinzu und sorgen in ihrer Anmut und Heiterkeit für ein raffiniert gefügtes, technisch anspruchsvolles Divertissement, das mit dem vitalen Wirbel im letzten Satz zum Höhepunkt findet. Das Hagen Quartett spielt mit feinsten, schimmernden Valeurs und musikantischem Schwung.

Mit 36 Minuten Dauer ist Der Tod und das Mädchen auf Franz Schuberts gleichnamiges Streichquartett d-Moll D 810 das längste Werk in dieser Auswahl. Spoerli schuf es 2010 und setzt auch hier einen Pas de deux ins Zentrum. Yen Han aus Zürich und noch einmal Arsen Mehrabyan tanzen ihn mit poetischer Intimität. Mehrabyan als Tod ist ein geheimnisvoller Unbekannter, der noch vor dem Einsetzen der Musik aus den Arkadengängen der Felsenreitschule gemessenen Schrittes auftritt. Schwarz gekleidet (Ausstattung: Florian Etti), übt er in seiner Aura eine faszinierende Ausstrahlung auf das junge Mädchen aus, das in der Haltung zu dem Fremden zwischen Abwehr und Hingabe schwankt. Eine Schar junger Menschen umgibt auch hier das Paar, von denen der Tod einzelne aggressiv attackiert. Ein kahler Baum und Nebelschwaden erzeugen eine gespenstisch-düstere Atmosphäre. Der erste Teil des letzten Satzes gehört der Jugend, die in ihren lebhaften Tänzen einen Hoffnungsstrahl einbringt. Dann aber sieht man noch einmal den Tod (nun im schwarzen Ledermantel) in einer berührenden Vereinigung mit dem Mädchen.

Bernd Hoppe