Hommage an eine Tanz-Legende

Mit einem Schuber von zehn DVDs (107545) würdigt ARTHAUS das Schaffen des Choreografen Jirí Kylián, der 1947 in Prag geboren wurde und nach einem Studium an der Royal Ballet School London sowie einigen Jahren als Tänzer beim Stuttgarter Ballett 1973 seine erste Choreografie für das Nederlands Dans Theater schuf. Etwa 70 weitere Arbeiten für die renommierte Compagnie folgten, deren künstlerischer Leiter er von 1975 bis 99 war. In der Edition werden acht frühere Veröffentlichungen von Balletten zusammengefasst, ergänzt durch zwei Documentary-Ausgaben.

DVD 1 bringt mit der Sinfonietta Janáceks (uraufgeführt 1978 in Spoleto) aus dem Jahre 1980 den ersten internationalen Erfolg des Choreografen – bis heute in seinem vitalen, lebensbejahenden Elan und den hohen kraftvollen Sprungreihen ein beliebter Klassiker. Auch der zweite Titel der DVD, Symphony in D, mit Musik aus Haydns Sinfonien Nr. 101 und 73 von 1983 ist ein Paradestück der Truppe (Uraufführung 1976 in Schweinfurt) und noch dazu das gelungene Beispiel eines umwerfend komischen Balletts mit ironischen Verweisen auf berühmte romantische Stücke der Tanzgeschichte sowie Parodien von Tänzergewohnheiten und -haltungen. Stamping Ground aus dem Jahre 1984 schließlich vervollständigt das Programm dieser DVD. Das 1983 in Scheveningen uraufgeführte Ballett verwendet eine von Carlos Chavez komponierte Toccata für Schlaginstrumente und vereint die stampfenden Tänze der australischen Aborigines mit dem Bewegungsvokabular des modernen europäischen Balletts. Das ergibt eine faszinierende Verbindung zweier Kulturen. Unter den Tänzern findet sich Nacho Duato, der seit Beginn dieser Spielzeit als Intendant das Staatsballett Berlin leitet.

DVD 2 vereint Ravels L’enfant et les sortilèges von 1986 und Prokofjevs Peter and the Wolf von 1997, die mein Kollege Rolf Fath auf diesen Seiten bereits besprochen hat. Auch die dritte DVD der Sammlung widmet sich einem Werk des Musiktheaters – Stravinskys L’histoire du soldat in einer Produktion des Nederlands Dans Theater, aufgezeichnet 1988 in Den Haag. Auch hier wirkt Nacho Duato mit und zeichnet ein faszinierendes Porträt des Titelhelden in Kyliáns fesselnder Tanzsprache zwischen groteskem Slapstick und neoklassischer Eleganz. Der Pakt des Soldaten mit dem Teufel (schillernd und bizarr: Areyeh Weiner), dem er seine Geige im Tausch für ein Reichtum versprechendes Zauberbuch gibt, wird spannend und in manchen Szenen mit surrealen filmischen Mitteln, dazu eminentem körperlichem Einsatz der Tänzer erzählt.

Jirí Kylián gross arthausDie vierte DVD (erschienen 1994) bringt wieder ein reines Tanzstück  (von 1988) – Kaguyahime  The Moon Princess nach einem alten japanischen Märchen mit der Musik von Maki Ishili für Trommeln, Schlagwerk, Flöten und Glockenspiel, welche die Instrumentalisten des Ensembles Circle Percussion mit sphärischer Transzendenz, aber auch geschärftem Klang wiedergeben. Die Geschichte handelt von einer Mondprinzessin, die auf die Erde herabsteigt und als Findelkind von einem Bambusschnitter gefunden wird. Zu einer schönen jungen Frau herangewachsen, halten viele Männer um Kaguyahime an, müssen ihren Antrag aber mit dem Leben bezahlen. Selbst die Werbung des Kaisers bleibt ohne Erfolg – vom Mond geblendet, muss er die geheimnisvolle Schönheit entschweben lassen. Fiona Lummis ist eine exotische Titelheldin mit so anmutigen wie fremdartigen Bewegungen, Paul Lightfoot der Mikado von stupender Gewandtheit.

Auf DVD 5 ist Kyliáns Ballettfolge Black & White zu sehen. Der Choreograf stellte unter diesem Titel sechs kürzere, handlungslose Arbeiten zusammen, welche für diese 1996 erschienene Ausgabe im Studio aufgenommen wurden. Die verbindende Klammer der meisten Stücke sind die von Joke Visser entworfenen historischen Kostüme, mit denen die Tänzer auch spielerisch umgehen. Entstanden sind die einzelnen Titel zwischen 1986 und 91, doch sind sie auf der DVD nicht chronologisch geordnet. Den Anfang macht Falling Angels von 1989 auf Musik von Steve Reich (wiederum gespielt vom Circle Percussion), das in seiner geballten Energie und aufregenden, von westafrikanischen Rhythmen bestimmten Körperlichkeit eine Atem beraubende Wirkung erzielt. Die folgenden Six Dances (nach Mozarts Sechs deutschen Tänzen KV 571) von 1986 sind musikalisch ein großer Kontrast – auch choreografisch, wegen der witzigen und geistreichen Parodie auf das Rokoko und seine Prachtentfaltung. Wiederum für ein klangliches Wechselbad sorgen Weberns Fünf Sätze für Streichquartett, op. 5, welche die Folie für No More Play von 1988 bilden. Eine Skulptur von Giacometti – ein Brettspiel mit zwei Figuren – hatte Kylián für dieses Stück inspiriert, das einem harschen Spiel ähnelt und dessen Choreografie aleatorische Züge aufweist. Wieder folgt Mozart mit dem Adagio aus dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 23, A-Dur, KV 488 und dem Andante aus Nr. 21, C-Dur, KV 467. Die Schönheit der beiden langsamen Sätze wird in dem Ballett Petite Mort (1991) gebrochen durch sexuelle Aggression, Verwundbarkeit und militärische Paraden. Weberns Sechs Stücke für Orchester op. 6b choreografierte Kylián 1990 als Sweet Dreams, die Wunsch- und Albträume gleichermaßen sind, geheimes Verlangen und Sehnsüchte offenbaren, symbolisiert in allgegenwärtigen Äpfeln als den verbotenen Früchten des Lebens. Zum Schluss eine Arbeit von 1990, Sarabande, auf Musik von J. S. Bach, die ihre Spannung aus dem Wechsel zwischen Humor und Gewalt zieht. Auch musikalisch gibt es eine radikale Konfrontation von Bachs Partita für Violine solo Nr. 2, d-Moll, BWV 1004 mit einem elektronischen Klangband aus Geschrei, Geheul und anderen Geräuschen. Sechs männliche Tänzer versuchen, sich gegen diesen akustischen Horror zu behaupten, was ihnen nur gelingt, indem sie selbst Lärm erzeugen.

DVD 6, Nederlands Dans Theater celebrates Jirí Kylián, erschien 2005 und vereint Arbeiten aus den drei Abteilungen des Nederlands Dans Theater. Bella Figura wurde 1995 für die Hauptgruppe (NDT I) geschaffen, Sleepless 2004 für die Junioren (NDT II) und Birth-Day 2001 für die Tänzer ab 40 Jahren (NDT III). Für das erste Stück verwendet der Choreograf Barockmusik von Pergolesi (aus dessen Stabat Mater), Marcello, Vivaldi und Torelli und lässt den Zuschauer zwischen Traum und Wirklichkeit wandeln. Das zweite fußt auf dem Adagio aus Mozarts Quintett für Glasharmonika in c-Moll KV 617 und platziert sechs junge Tänzer vor einer weißen Lamellenwand à la Lucio Fontana, deren Schnitte plötzliche Auftritte oder halluzinatorische Bilder ermöglichen. Das dritte Stück auf eine Musikcollage aus verschiedenen Kompositionen Mozarts stammt aus dem Jahre 2001und zeigt ältere Tänzer in Kostümen des 18. Jahrhunderts an der Tafel bei einer Geburtstagsfeier, die sich bald in absurde Abenteuer halluzinieren. Das Tempo wechselt zwischen hektischer Überdrehtheit und Zeitlupe.

DVD 7 zeigt den Kultfilm Jirí Kyliáns Car Men, der in einer tschechischen Kohlengrube gedreht wurde. Der Titel des Balletts ist ein Wortspiel aus Bizets Oper Carmen und dem Begriff Auto-Männer, womit Monteure oder Schrottplatzarbeiter gemeint sein können. In grotesker Stummfilmästhetik zu einem Sound von verfremdeten Motiven aus Bizets Oper stellt der Choreograf das Schicksal der vier Hauptpersonen der Handlung dar. Alle sind sehr reife Tänzer und Mitglieder des NDT III, die in diesem surrealen Schwarz/Weiß-Film von extrem überzogenem Tempo in einem Ambiente von Autowracks für aberwitzige Komik sorgen. Die Titelheldin ist Sabine Kupferberg, die auch in dem kurzen Solo Silent Cries auf Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune mitwirkt – eines der zwei Ballette Kyliáns, welche die DVD ergänzen. Das andere ist La Cathédrale engloutie nach Debussys gleichnamigem Prélude Nr. 10, welchem die alte bretonische Legende der versunkenen Stadt Ys zugrunde liegt. Ihr Untergang in den Fluten einer Sturmnacht ist der Verderbtheit ihrer Bewohner geschuldet. König Gradlon muss den Versuch, sie zu retten, mit dem Tod seiner Tochter Dahut bezahlen, die bei Sonnenaufgang als Mahnmal am Horizont aus den Wellen auftaucht. Kylián erzählt das freilich nicht buchstabengetreu, sondern lässt ein Quartett von zwei Paaren in unterschiedlichen Formierungen agieren, deren wechselnde Emotionen anschwellen und wieder vergehen.

Jirí Kylián & Nederlands Dans Theater als DVD 8 versammelt drei Stücke „zwischen Himmel und Hölle im Spannungsfeld menschlicher Empfindungen“, wie Vesna Mlakar im Einführungstext des Booklets schreibt. Es sind frühere Arbeiten – erstere, Svadebka nach Stravinskys Les Noces von 1982, schildert die Gefühle einer jungen Braut und ihres Bräutigams am Tage der Hochzeit, kombiniert mit lebhaften Gruppenbildern von Volkstänzen. Bereits vier Jahre zuvor entstand die Symphony of Psalms von Stravinsky, also im selben Jahr wie die berühmte Janácek-Sinfonietta. Aber die beiden Schöpfungen könnten unterschiedlicher nicht sein – lebensbejahend und vital die eine, düster und grüblerisch die andere. Der Pas de deux Torso ist die früheste Schöpfung und entstand bereits 1975 auf Musik des japanischen Komponisten Toru Takemitsu. Die Tanzszene ist voller Dramatik und widerspiegelt die Gefühle eines Paares, das seine Heimat verlassen musste, damit auch Kyliáns ureigene Situation. Die Interpreten sind Sabine Kupferberg, die Ehefrau des Choreografen, und Leigh Warren.

Nicht weniger als 22 Ballette des Choreografen präsentiert dieser Schuber, dessen Wert durch zwei DVDs mit Filmen noch erhöht wird. Auf DVD 9 wird ein Streifen von Don Kent und Christian Dumais-Lvowski mit dem Titel Jirí Kylián Forgotten Memories gezeigt. Impressionen aus der Kindheit, von den Stationen Prag, London, Stuttgart und Amsterdam, den drei Abteilungen des NDT und der Beziehung zu Sabine Kupferberg sind hier zu sehen, von Kylián selbst kommentiert. Die gewählten Ausschnitte aus seinen Balletten – ob von Aufführungen oder Proben –  belegen den unermesslichen schöpferischen Reichtum und die enorme stilistische Vielfalt des Choreografen. Ergänzt wird die DVD durch Kyliáns Ballett Wings of Wax, uraufgeführt 1997 in Den Haag, auf Musik von Biber, Cage, Glass und J. S. Bach – eine schöne Arbeit von bestechender Ästhetik, die noch einmal die Tugenden des Choreografen ins schönste Licht rückt. Ein Film von Hans Hulscher aus dem Jahr 1991, The Choreographer Jirí Kylián, setzt als DVD 10 den Schlusspunkt unter die Sammlung, Er zeigt ihn bei Reisen nach Prag 1982, New York 1981, Paris 1991, Stuttgart und  Australien 1990, lässt den Choreografen und seine Frau zu Wort kommen und bringt gleichfalls Szenen aus seinen Stücken. Seltene Dokumente aus der Stuttgarter Zeit gehen zurück bis 1970 und belegen seinen ersten choreografischen Versuch (Kommen und gehen mit Marcia Haydée und Richard Cragun). Wegen der Fülle und des Informationsreichtums sollte diese Kollektion für jeden Freund des modernen Tanzes unentbehrlich sein.

Bernd Hoppe