Flügelschlagen am Ring

Rudolf Nurejews Fassung von Tschaikowskys Swan Lake für das Ballett der Wiener Staatsoper entstand 1964 und ist in der Premierenbesetzung mit Margot Fonteyn und Nurejew selbst bei der DG auch auf DVD dokumentiert. Die seit Jahren erfolgreiche Aufführung gelangte im März dieses Jahres zu einer Wiederaufnahme in neuer Besetzung, die nun bei  Cmajor/UNITEL CLASSICA als DVD vorliegt (717608).  Wieder erfreut Luisa Spinastellis elegante Ausstattung mit ihrer diskreten Farbgestaltung, die in ihren weißen, hellblauen und silbrigen Tönen sowie den Eisblumen-Ornamenten einen winterlich-russischen Charakter besitzt. Nurejews Version (nach Petipa und Ivanov) stützt sich zudem auf Vladimir Burmeisters Lesart (entstanden 1953 für das heutige Stanislawski Ballett Moskau) sowie John Crankos Fassung von 1963 für sein Stuttgarter Ballett, welche die Geschichte mit dem Tod Siegfrieds enden lassen. Dessen Part ist wie immer in Nurejews Choreografien aufgewertet und steht fast im Mittelpunkt der Handlung, indem diese aus seinem Blickwinkel erzählt wird. Der neue Interpret Vladimir Shishov freilich bleibt trotz sympathischer Ausstrahlung zunächst uncharismatisch und offenbart schon im ersten  der von Nurejew zusätzlich eingefügten Soli Unsicherheiten. In der vierteiligen Variation des ersten Aktes, die den Prinzen im Kreise seiner Gefährten zeigt, hört man auch unbekannte Musikstücke, was den Ballettliebhaber immer erfreut – die Solotänzer des Wiener Staatsballetts (so der neue Name der Compagnie) präsentieren sich hier im besten Licht. In der letzten Variation (Nr. IV) sowie der Coda zeigt sich auch Shishov frei von Nervosität. Endgültig hat er in dem elegischen Solo vor der Verwandlung zur Szene mit dem Schwanensee zu seiner Form gefunden. Das Corps de ballet hat vielfach Gelegenheit, seine Klasse herauszustellen, so im Walzer und Bechertanz des ersten Aktes, in den Schwanen-Formationen des zweiten und vierten und natürlich beim Fest am Hof im dritten Akt. Dessen vier Nationaltänze sind individuell und zum Teil neu gestaltet und werden von ersten Kräften des Ensembles ausgeführt.

In Olga Esina (die in der Doppelrolle der Odette/Odile auch beim Staatsballett Berlin mit großem Erfolg gastierte) hat Wien einen neuen Schwan aus der Kategorie der Träume – grazil, zart, zerbrechlich und anrührend. So hat die Figur in ihrer Interpretation sowohl majestätische  grandeur als auch eine starke menschliche Dimension. Überwältigend ist der Pas de deux „Weißer Schwan“, in welchem Shishov romantische Empfindung und perfekte Hebungen zeigt, die Esina exquisite Ausformung ihrer Figuren und wunderbare Führung der Arme. Einen enormen Kontrapunkt setzt sie mit ihrer Odile von unnachahmlicher Rasanz und abgründiger Hinterhältigkeit. Ungemein raffiniert ist der zweite Pas de deux „Schwarzer Schwan“, der auf die Musik der Burmeister-Version zurückgreift – verhaltener, weniger rasant im Rhythmus, dafür abwartender und letztlich spannender. Die beiden Variationen I und II für den Prinzen und Odile sind gespickt mit immensen Schwierigkeiten. Shishov und vor allem Esina brillieren hier in gebührender Manier der Stars. Sehr sensibel gestaltet ist die Wiederbegegnung der Liebenden im letzten Akt, wo sie noch einen weiteren Pas de deux zu tanzen haben – diesmal erfüllt von Trauer, Wehmut und Abschiedsschmerz. Odette wirkt schwach, gebrochen, beinahe zusammen sinkend. Siegfried versucht, ale Kräfte zu mobilisieren, kann aber der Übermacht Rothbarts nicht Paroli bieten. Dieser ist ein dämonisches Vogelwesen mit weiten Armflügeln aus roten und schwarzen Federn – mit dem ungemein agil und raubtierhaft-gespannten Eno Peci hervoragend besetzt. Die Aufführung, von Marion Hewlett in atmosphärisches Licht gesetzt, wird musikalisch geleitet von Alexander Ingram, der das Orchester der Wiener Staatsoper zu einem Spiel auf höchstem Niveau inspiriert.

Bernd Hoppe