Dokumente großer Tänzer

Great Dancers of Our Time nennt sich eine DVD bei EUROARTS, die Auftritte von Lucia Lacarra, Kiyoko Kimura und Vladimir Malakhov festhält (2053478). Die Beiträge mit dem russischen Startänzer wurden bereits 2003 im Apollo Saal der Staatsoper gefilmt, doch sind diese Dokumente im Zusammenhang mit seinem Berliner Bühnenabschied gerade jetzt von besonderem Interesse. Zudem zeigen sie den Tänzer in seiner Glanzzeit und können dessen zahlreiche Anhänger nun über das Farewell ihres Idols hinwegtrösten. Das Programm wird eröffnet mit einem Pas de deux aus MacMillans Manon, in welchem die russische Starballerina Diana Vishneva, die vielfach auch beim Staatsballett Berlin zu Gast war, seine Partnerin ist. Beide haben diese Rollen oft gemeinsam getanzt und man sieht sie auch in einem Interview vor dem Pas de deux, in welchem sie bezaubernd und kapriziös die Figur der Manon formt und er – technisch anfangs noch etwas nervös – dem liebenden Studenten glaubhaftes Profil verleiht und dann auch tänzerisch mit sicheren Hebungen gute Figur macht.

Für Malakhov choreografierte Renato Zanella 1992 das Solo Voyage auf das Adagio aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23, KV 488. Der Tänzer im weißen Anzug zeigte es oft bei Gala-Abenden und verließ damit seine Danseur noble-Rollen zugunsten eines expressiveren Vortrags im neoklassischen Stil. Fokines berühmtes Ballett Le Spectre de la rose von 1911 steht als virtuoses Glanzstück am Schluss und rückt noch einmal Malakhovs androgyne Eleganz, seine Schwerelosigkeit und Sprunggewandtheit ins beste Licht. Hier assistiert als Ballerina seine Kollegin Nadja Saidakova vom Staatsballett Berlin.

Die spanische Tänzerin Lucia Lacarra ist seit der Saison 2000/01 Erste Solistin beim Bayerischen Staatsballett München – wie auch ihr Partner, der Franzose Cyril Pierre, mit dem sie hier (nach einem gemeinsamen Gespräch sowie Probenimpressionen) den Weißen Pas de deux aus Schwanensee und einen Pas de deux aus Lady of the Camellias zeigt. Letzterer ist nicht in der berühmten Neumeier-Choreografie zu sehen, sondern in einer 1994 entstandenen Variante des Amerikaners Val Caniparoli. Auch er verwendet als musikalische Folie Klaviermusik von Chopin. Anmut und Grazie, gepaart mit stupender technischer Sicherheit, zeichnen Lacarras Titelheldin aus; und Pierre zeichnet einfühlsam und leidenschaftlich den verliebten jungen Mann. Der Rausch des Glücks wird am Ende jäh getrübt durch das erste Anzeichen der tödlichen Krankheit – quasi zeigt dieser Pas de deux die Geschichte in Kurzfassung. Als Odette ist die Spanierin von filigraner Eleganz und porzellanener Zerbrechlichkeit, besticht darüber hinaus mit unvergleichlicher Armarbeit. Pierre, damals noch ihr Ehemann, ist ihr ein sicherer Partner.

Die 1964 geborene Japanerin Kiyoko Kimura zählt zu den Protagonisten des Leipziger Balletts, wo sie 199 zur Ersten Solistin ernannt wurde und in vielen Arbeiten von Uwe Scholz auftrat. In dessen tänzerischer Version von Bachs Kantate Jauchzet Gott in allen Landen, BWV 51, wandelt sie auf den Spuren des Ausdruckstanzes, kombiniert mit anspruchsvollen neoklassischen Figuren. Oft war der Leipziger Erste Solist Christoph Böhm ihr Partner, so auch in Scholz’ wunderbarer Choreografie zu Mozarts Jeunehomme-Klavierkonzert von 1986 und dem Adagio aus Bruckners Symphonie Nr. 8 – eine späte Arbeit (1999) des Choreografen vor seinem frühen Tod 2004. Beide Stücke sind von hinreißender Musikalität und werden wiederum getragen von neoklassischem Vokabular, das Scholz auf geniale Weise variiert und daraus seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil formt. Vor dem Ausschnitt aus der Bruckner-Symphonie sieht man das Paar auch bei einer Probe mit Scholz, was den Wert der DVD noch erhöht.

Bernd Hoppe