Aufgehübscht als Street Dance

Ganz bewusst nennt Bouba Landrille Tchouda seine choreografische Version von Tschaikowskys Ballettklassiker A und nicht The Nutcracker, denn es handelt sich hierbei um eine mögliche Tanz-Variante der Geschichte, eine eigenwillige Lesart, die Freunde des klassischen Balletts irritieren wird, dafür aber vor allem jugendliche Zuschauer ansprechen dürfte. 2011 gründete der Choreograf seine Compagnie Malka, die ihren Sitz in Château Rouge-Annemasse hat. Mit dieser elfköpfigen Gruppe kam Tschaikowskys Ballett als 70minütiger Einakter im Herbst 2012 zur Aufführung. Die Musik erklingt dabei nur in Ausschnitten und wird ergänzt (verfremdet) von elektronischen Klängen Yvan Talbots. Die Choreografie ist ein Stil-Mix aus Hip-Hop, afrobrasilianischen Tänzen und modernem Ballett. Im Mittelpunkt steht Clara (Sonia Delbost-Henry), die sich am Vorabend des Weihnachtsfestes in ihre Kindheit zurückträumt und ihren Prinzen trifft (roboterhaft gewandt: Rémi Autechaud). Dritter Solist ist der kräftige, beinahe korpulente Hichem Sérir Abdallah als Nussknacker, der ganz und gar nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht, doch mit stupender körperlicher Gewandtheit und artistischer Bravour verblüfft. Die anfangs leere Szene mit farbigem Boden wird von Bühnenbildner Rodrigue Glombard bald mit bunten Geschenkschachteln gefüllt, die von den Tänzern (in lustigen Kostümfetzen von Claude Murgia) spielerisch variiert werden – aufgestapelt als Weihnachtsbaum oder gebaut als Tor zu einer magischen Welt. Später fahren sie in überdimensionaler Größe wie von Zauberhand bewegt durch den Raum. Ihnen entsteigen verschiedene Figuren, welche die Tänze des Divertissements wahrnehmen. Eine Traumsequenz lässt Clara gar inmitten einiger Frauen und Männer als Putze den Boden schrubben. Dann fallen zum Blumenwalzer weiße Federn wie Schneeflocken vom Himmel – man muss nicht fragen nach dem Warum. Alles in dieser Aufführung ist geboren aus Traum und Phantasie.  Die Ausgabe bei ARTHAUS MUSIK (108121) ist von bescheidener Ausstattung, lässt vor allem eine Trackliste und den Personenzettel vermissen, dürfte aber für junge und dem modernen Tanz aufgeschlossene Ballettfreunde ein willkommenes Geschenk sein.

Bernd Hoppe