Auf dem Weg zum Choreografen

Carlos Acosta, Star des Royal Ballet London, hat den Basil in Minkus’ Don Quixote oft und in verschiedenen Produktionen getanzt. Nun wagte er sich an seine erste große Choreografie in Covent Garden, wo er seit 1998 auftritt, und wählte dafür diesen Klassiker nach Cervantes’ berühmtem Roman. Und noch einmal gibt er selbst die männliche Hauptrolle (hier: Basilio) und damit (vielleicht als Abschied von diesem Part) wiederum Zeugnis von seiner singulären Kunst mit stupender Technik und derart souveräner Gestaltung, dass die Figur bei jedem Auftritt sofort in den Mittelpunkt rückt. Doch bei aller tänzerischen Bravour – es sind sein unwiderstehliches Charisma und die animalisch-virile Ausstrahlung, welche ihm das Siegel des einzigartigen und unverwechselbaren Tänzers verleihen. Neben ihm kann sich Marianela Nuñez als Kitri imponierend behaupten. Als Argentinierin liegt ihr die Rolle der temperamentvollen spanischen Gastwirtstochter quasi im Blut. Schon der effektvolle Auftritt ist spektakulär; hinreißend die überschäumende Vitalität, die rasante Variation mit den Kastagnetten im ersten Pas de deux und das große Duo mit Acosta am Ende, wo sie ihre Figuren mit aristokratischer Finesse zelebriert und mit phänomenalen Fouettés und Pirouetten überwältigt. Auch im Divertissement des Gartenbildes besticht sie mit majestätischer Aura und höchster Bravour. Acosta ist ihr in allen gemeinsamen Szenen ein phänomenaler Partner mit sicheren Hebungen und inspirierendem Spiel. Für das zentrale Paar hat er im Zigeunerlager des 2. Aktes noch einen zusätzlichen Auftritt erdacht. Überhaupt bietet seine Version viele gelungene Momente – sei es das stimmungsvoll eingefangene Treiben auf dem Marktplatz, die sprungstarke Torero-Truppe, die märchenhafte Atmosphäre im Garten der Driaden mit deren eleganter Königin (Melissa Hamilton) und dem reizenden, virtuosen Amour (Elizabeth Harrod). Auch die anderen Figuren profiliert er eindrücklich – den arrogant-stolzen Espada (Ryoichi Hirano) und seine hintergründig-raffinierte Mercedes (Laura Morera), die im Gasthaus des 3. Aktes effektvolle Auftritte haben, den köstlich effeminierten Gamache (Bennet Gartside) und den zwischen Skurrilität und Weisheit schwankenden Titelhelden von Christopher Saunders. Von Tim Hatleys Bühnenbildern imponiert vor allem die von de Chirico inspirierte Häuserkulisse auf dem Marktplatz, die in ihrer strengen Architektur jeden Anflug von Kitsch vermeidet. Für Minkus’ sprühende, rhythmisch mitreißende Musik hat Martin Yates am Pult des Orchestra of the Royal Opera House das rechte Gespür und trägt in hohem Maße zu diesem hinreißenden Ballettabend bei. Die Premiere war im September 2013; OPUS ARTE zeichnete die Aufführung einen Monat später auf und veröffentlichte sie nun als DVD (OA 1133 D). Man kann sie jedem Freund des klassischen Tanzes wärmstens empfehlen!

Bernd Hoppe