Tiefes Bedürfnis

 

Hermann Prey gehört zu Salzburg wie Fischer-Dieskau oder die Schwarzkopf. Zwischen 1961 und 1997 ist er nicht nur in Opern aufgetreten, er hat auch neunundzwanzig Liederabende gegeben. Einer davon, nämlich vom 14. August 1964, ist bei Orfeo in der schönen Festspielreihe erschienen (C911 151B). Für Genuss und Erbauung muss allerdings Mono in Kauf genommen werden. Generationen, die Prey noch selbst in seinen besten Jahren live erlebt hat, dürften sich daran nicht stören. Zumal ein Liederabend ganz anderen dynamischen und akustischen Gesetzen folgt als ein Konzert mit großem Orchester und Chor. Der Fokus richtet sich auf den Sänger und seinen Begleiter, in diesem Falle Gerald Moore. Er war auch ein gern gesehener Gast in Salzburg und hatte schon mit Karl Erb, Ria Ginster, Kirsten Flagstad und Kathleen Ferrier zusammengearbeitet. Wenn sich einer auskannte in der Liedliteratur, dann der sensible, hoch gebildete und stets im Hintergrund agierende Moore. Sitzt er am Flügel, dann sind ein Abend oder eine Platte wie mit einem Gütesiegel höchster Qualitätsmerkmale versehen. Diesmal bildet der Schwanengesang von Franz Schubert, als Zyklus erst posthum in die Musikgeschichte eingegangen, das Zentrum der Programmfolge. Prey, damals mit Mitte Dreißig auf dem absoluten Höhepunkt, gewinnt durch seine jugendliche Stimme, die nicht einen Buchstaben unterschlägt, und die Eleganz seines Vortrags. Selbst Lieder voller böser Ahnungen wie Die Stadt oder Der Doppelgänger gewinnen durch ihn einen versöhnlichen, hoffnungsvollen Zug. Eingeleitet wird das Programm mit Schuberts Der Sänger und den Gesängen des Harfners nach Texten von Goethe. Als Zugaben erklatschte sich das Publikum im Mozarteum den Musensohn, Im Abendrot und An Sylvia. Wie aus einem Guss ist das Zusammenspiel von Sänger und Begleiter. Als ob sich beide die Bälle nur so zuwerfen. Der Mitschnitt gibt eine genaue Vorstellung von der künstlerischen Harmonie, die auch aus dem Bild auf dem Cover spricht. Deshalb soll es ausdrücklich hervorgehoben werden.

Prey wollte immer Lieder singen. Ausschließlich. Liedersänger war sein ursprüngliches berufliches und künstlerisches Ziel. Auftritte auf der Opernbühne sollten ihm zunächst nur den Lebensunterhalt sichern, um sich der eigentlichen Berufung hingeben zu können. Es kam anders. Der Name des Sängers ist mit zahlreichen Opernrollen verknüpft. Der Figaro von Rossini und Mozart, Papageno, Wolfram oder Beckmesser sind nur wenige Beispiele. Seine Beliebtheit und Popularität haben auch damit zu tun, dass er um die so genannte deutsche Spieloper und um heiter unterhaltendes Repertoire keinen Bogen machte. Liedgesang blieb für den Bariton aber lebenslang das Zentrum seines Wirkens und Schaffens. In der Dokumentation „Stationen eines Interpreten“ kommt Prey sehr ausführlich auf den Beginn seiner Karriere, die mit Liedern begann, zu sprechen. Es ist ihm ein Bedürfnis. Als Bonus ist der Film Bestandteil einer Blu-ray-Disc mit den Liederzyklen von Franz Schubert, die bei Cmajor/Uitel Classica herausgekommen ist (751304). Zur Schönen Müllerin und zur Winterreise kommt der Schwanengesang, der erst nach Schubers Tod zum Zyklus wurde.

Prey selbst spricht ein seinen klugen einführenden Worten von Schuberts „letzten Liedern“, die er sogar noch über die Winterreise stellt. Die den jeweiligen Werken vorangestellten Betrachtungen, die auf der jahrzehntelangen Beschäftigung mit Schubert beruhen, erweisen sich als Mehrwert der DVD. Hin und wieder sind einzelne Teile im Fernsehen gezeigt worden. Fernsehen deshalb, weil zur Tonspur bewegte Bilder in der Regie von Franz Kabelka kommen. Bevor die Müllerin einsetzt, klappert eine Mühle am Bach, auf die Winterreise stimmt ein einsames Haus ein, um das der Schneessturm faucht. Motive, wie sie sich noch heute auf Grußkarten zu Ostern und Weihnachten finden. Prey selbst tritt ein einer gemütlichen Stube auf, von Leonard Hokanson bei Müllerin und Schwanengesang, von Helmut Deutsch bei der Winterreise am Flügel begleitet. Dielen knarren. In dieser bürgerlichen Behaglichkeit wirken die Lieder etwas gefälliger als auf einem schlichten Konzertpodium. Das muss kein Nachteil sein. Preys Vortrag ist ohnehin nicht sonderlich herb, streng und bohrend. Sein Timbre gibt das nicht her. Er kann nur schön singen. Wie aus einem Guss fließen die Noten. Alles ist Musik und Melodie.

Hermann Prey empfand von Zeit zu Zeit ein „tiefe Bedürfnis, die Winterreise wieder zu singen“. Er freute sich „lange im Voraus darauf“, war gespannt, was er auf dieser Reise Neues erleben werden – nachzulesen in seinen Erinnerungen Premierenfieber. In dem Buch widmet er dem Zyklus von Franz Schubert ein eigenes Kapitel, gut fünfzig Seiten lang, mit Analysen und Gedanken zu allen 24 Liedern – und zwar aus der Perspektive des Sängers, nicht des Musikwissenschaftlers. Auf diesen Unterschied kam es Prey, an. Das Werk hatte er auf seinem langen erfolgreichen Weg immer bei sich – wie einen treuen Begleiter. Erstmals hat er die Winterreise 1952 öffentlich vorgetragen. 1981, als das Buch erschien, hielt er es für wünschenswert, sie dereinst bei seinem „allerletzten Konzert“ zu singen. SWR Music hat einen Mitschnitt von den Schwetzinger Festspielen 1987 herausgebracht (SWR19012CD). Begleitet wird Prey auch hier von Helmut Deutsch, mit dem er häufig aufgetreten ist. Im Booklet kommt der Pianist selbst zu Wort. Der Musikschriftsteller Thomas Voigt zitiert ihn in seinem sehr lesenswerten Text mit den Worten: „Die Winterreise war für ihn das Kernstücks seines Repertoires, ein Werk, für das er gebrannt hat. Er konnte ja locker vom Hocker singen, doch bei der Winterreise war er von äußerster Konzentration.“ Mit der Aufnahme hat sich die Zahl seiner verfügbaren Aufnahmen auf mindestens fünf erhöht. Prey nimmt sich diesmal auffällig zurück, als wollte er seine Interpretation in sein Innerstes verlegen. Zunächst entsteht er Eindruck, als sei nicht nur der Wanderer, sondern auch der Sänger müde geworden. Schließlich ging er auf die Sechzig zu. In diesem Alter werden die stimmlichen Ressourcen knapper. Die Aufnahme wiederholt angehört, erschließt sich erst der interpretatorische Ansatz, mit dem er vielleicht aus der Not eine Tugend macht, indem er die Deutung den eigenen Kräften anpasst. Diese Müdigkeit ist im Kern Resignation und Selbstaufgabe. Prey erfasst das Ende auf dem Eise gleich im Anfang. Vom ersten Ton an ist klar, wie die Geschichte ausgeht. Rüdiger Winter