Cette Splendeur

 

Opernreisende erinnern sich mit Freuden an die glorreichen Zeite des elegantens Théâtre Imperial im nordfranzösischen Compiegne – was gab es da nicht an unbekannten, wunderbaren Titeln zu sehen: Meyerbeers Dinorah (die Sache mit der Ziege, weit vor der konzertanten Wiedererweckung in Berlin), Halevys Charles VI, Mignon von Thomas (mit der hoffnungsvollen Lucille Vignon, Le Songe de la nuit dété von Thomas (mit der entzückenden Ghislaine Raphanel), Bizets Noé, Aubers Domino noir (mit dem jungen Alain Gabriel) sowie die Königsmord-Oper Gustave III, auch dessen Diamands de la couronne, ebenso seine Haydée,  und viele, viele mehr.

Frédric Boyer (1849 – ?) war der Don César Massenets bei der Uraufführung/ Pinterest

Nicht zu vergessen die wirkliche Erstaufführung in moderner Zeit: die ungekürzte Medee Cherubinis (mit der robusten Michele Command und allen Dialoge Hofmans, hocheffektvoll von Schauspielern der Académie Francais gesprochen) – ein Meilenstein und ein absolut unvergesslicher Moment meines Opernglücks, zumal Compiegne unter dem damaligen Intendanten Louis Jourdan nur francophone Sänger verwendete, mit Gewinn. Viele diese Aufführungen wurden als Video festgehalten und waren zumindest in Frankreich bei kleinen Firmen (DOM, Kultur) lange im Handel, aber inzwischen vergriffen.

Nun ist bei Naxos diese Tradition französischer unbekannter Opern aus Compiegne mit Aubers Sirène (bei operalounge.de bereits besprochen) wieder aufgenommen worden, was den Liebhaber dieses Genres außerordentlich freut und die Hoffnung auf mehr weckt. Und vielleicht kann Naxos auch die oben erwähnten und lange verschwundenen Videos neu herausbringen. Sie wären ebenso eine Bereicherung wie nun Massenets Don César, den Kollege Rolf Fath nachstehend bespricht. Dank an Naxos und das Théâtre Imperial, diese wie so viele andere Raritäten (nicht nur) des Opernrepertoires zugänglich zu machen. G. H.

 

Der Stoff bietet alles für einen ernsten Fünfakter. Doch nach dem Willen der Autoren wurde aus Victor Hugos 1838 in Paris uraufgeführter Tragödie Ruy Blas (der als Kompoistion Marchettis 1998 in Jesi das Licht dere modernen Welt erblickte und bei Bongiovanni veröffentlicht wurde) eine vieraktige Opéra-comique. Der von einem Autorentriumvirat verantworte Don César de Bazan wurde nach dem Einakter La grand’tante zu Jules Massenets erstem abendfüllenden Werk. Mit 13 Aufführungen war es kein stürmischer Erfolg. Der stellte sich erst fünf Jahre später im Palais Garnier mit dem dritten Opernversuch Le roi de Lahore ein. Trotz des mäßigen Erfolgs hielt sich Don César de Bazan bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Repertoire, so dass sich Massenet 1888 gezwungen sah, eine zweite Fassung herzustellen, weil das Material beim Brand der Salle Favart im Jahr zuvor vernichtet wurde.

In dieser Fassung holte das Orchestre des Frivolités Parisiennes, dessen Name eindeutig verrät, für welches Repertoire sein Herz schlägt, die komische Oper aus der Versenkung und brachten sie mit dem Ensemble Aedes und seinem Dirigenten Mathieu Romano u.a. in Paris und an seinem Stammsitz in Compiègne zur Aufführung, wo sie im Februar 2019 im Théâtre Impérial für Naxos aufgezeichnet wurde (2 CD  8.660464-65). Ganz klar: es ist eine Comique mit allem, was dazu gehört, witzigen Ensembles, kleinen Arien, Couplets, Romancen und Cavatinen, runden Finalensembles, einer stimmungsvollen Ouvertüre und drei bündig wirkungsvollen Entr-acte-Vorspielen, wovon die carmeneske, kastanettenknisternde Sivilliana zum dritten Akt als Koloraturnummer ein Eigenleben entwickelte, wobei sie in dieser Form in der Oper nicht vorkommt. In den insgesamt nicht mal zwei Stunden dauernden vier Akten wird die Geschichte des Titelhelden so schnell erzählt, dass man Mühe hat mitzukommen. Aber eigentlich ist Don César de Bazan gar nicht de Hauptfigur.

Das hatte bereits William Vincent Wallace erkannt, der 1845 die Zigeunerin Maritana zur Hauptfigur seiner gleichnamigen Oper gemacht hatte. Das Stück spielt kurz vor 1700 in Madrid während der Regierungszeit des letzen Habsburger Regent in Spanien Karl II. bzw. Carlos II. Dieser, wegen geistiger und körperlicher Abweichungen auch Der Verhexte genannt, verliebt sich in die Straßensängerin Maritana, zu der er sich erst bekennen kann, wenn sie sich im Adelsstand befindet. Da kommt der verarmte Adelige Don César de Bazan, der sich unerlaubterweise in der Karwoche ein Duell lieferte, um dem Jungen Lazarille beizustehen, gerade recht. Durch eine Heirat mit Maritana erhält er die Chance, seiner Hinrichtung durch den Strick zu entgehen und weitaus ehrenvoller durch die Kugel zu sterben. Der Don César ergebene Lazarille verhindert natürlich auch diesen Tod. Don José, der diese Intrige eingefädelt hatte, um nach dem geplanten Treuebruch des Königs bei der Königin zu landen, wird im Duell getötet, Don César, der die Ehre des Königs geschützt hat, wird zum Gouverneur von Granada ernannt und darf Maritana behalten.

Obwohl das spanische Flair allgegenwärtig ist, ist der Geist der Opéra-Comique die eigentliche musikalische Triebfeder, sei es in der Berceuse („Dors, ami“) und Romance („Rien ne peut le défendre“) des Lazarille, einer Hosenrolle in der Nachfolge vieler Pagen und Studenten von Urbain über den Siébel bis Offenbachs Fantasio, den Marion Lebègue mit hellem Mezzosopran singt, oder den alerten Ensembles, die mehr apart, wie das erste Finale oder die Szene mit dem Trinklied des Don César im zweiten Akt, als dramatisch und befeuernd sind. Man wird das Gefühl nicht los, die Musik agiere nicht auf der Höhe der Handlung. Gleichwohl zeigt sich Massenets Musik von ihrer melodiös sentimentalen und sanft verführerischen Seite. Laurent Naouri ist mit nicht mehr frischem Bariton gerade richtig für die Charakterpartie des Don César, mit Sentiment und Tiefe in seinem Couplet „Riche, j’ai semé les richesses“ und voll hinreißender Komik im Duett „Me marier“ mit Don José, in dem er sich mit Christian Helmer einen Baritonisten-Wettstreit à la Don Pasquale liefert. Die hohe Tenorpartie des Königs und dessen beide schwungvolle Nummern, die Mélodie „L’amour, un amour implacable“ und die Cavatine „Que de ta lèvre en fleur“, singt Thomas Bettinger mit Aplomb, doch im Mittelpunkt steht die Maritana der Elsa Dreißig, die gleich zu Beginn mit der Ballade aragonaise „Par un frais sentier“ den sinnlichen Reiz verströmt, dem er König erliegt, und in ihrer Romance „Cette splendeur“ und im bezaubernden Duo Nocturne „Aux coeurs les plus troublés“ mit Lazarille anmutig agiert.   Rolf Fath