Vom Himmel hoch …

 

Für Bethlehem werden zu Weihnachten an die zwanzig Grad vorausgesagt. Als ich vor einigen Jahren im tiefsten europäischen Winter den mythischen Ort besuchte und eingezwängt zwischen Touristen doch ergriffen in die berühmte Grotte sah, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll, waren Weihnachtslieder das Letzte, woran ich dachte. Zurückgekehrt ins eigene Land, überkam mich das Verlagen, diesen weihnachtlichen Tag auch mit Musik zu begehen. Jahrein, jahraus. Selbst Griesgrame und Muffel, die sich unter gewöhnlichen Umständen in keinen Konzertsaal und kein Opernhaus verirren, sitzen nun andächtig auf harten Kirchbänken und lassen sich einnehmen von Musik. Jauchzet, frohlocket!

Von Anfang an hat sich die Musikindustrie auf diese allzu menschliche Bedürfnisse eingestellt. Die Angebote sind üppig. Weihnachtsmusik hat eine wunderbare Eigenschaft – sie altert nicht. Die Zeit, in er sie auf Tonträger gelangte, ist allenfalls an den Arrangements, am Aufnahmeverfahren und an den Biographien die beteiligten Künstler abzulesen. Die melodische Linie, der Einfall, die Idee, die Botschaft bleiben unangetastet. Auch Schlagersänger, Rockmusiker oder Chansonniers haben keinen Bogen um das Genre geschlagen. Wir bleiben im – sagen wir – klassischen Bereich. Einige gerade erschienen CDs verdienen besondere Aufmerksamkeit.

CD audite weihnachtenIst es wirklich schon so lange her? Audite hat Weihnachtslieder, die mehrheitlich in den 1950erJahren beim Rias eingespielt wurden, auf einer CD zusammengestellt (95.741). Aufnahmen, die seit Jahrzehnten kein Mensch gehört haben dürfte, Raritäten also, die diesen Namen wirklich verdienen. Die Firma hat Zugang zum Archiv dieses Senders – der nach der deutschen Wiedervereinigung in anderen Rundfunkanstalten wie dem Deutschlandradio aufging – und auch diesmal einen guten Griff getan. Vom Himmel hoch … Das darf durchaus wörtlich verstanden werden, denn diese Gesänge scheinen wirklich von dort oben auf uns herabzukommen. So innig, unschuldig und anrührend sind sie vorgetragen. Echt, ursprünglich, ohne falsches Lächeln, wie es wenig später auf die Cover der krachbunten Weihnachtsplatten kam.

Josephine Varga auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Josephine Varga auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Es ist, als habe bei diesen Liedaufnahmen die Zeit mit im Studio gesessen. So kurz nach dem verheerenden Krieg bogen sich auch im Westen Deutschlands die Tische noch nicht unter dem Überfluss. Es wurde noch Radio gehört, zumal an Weihnachten. Ich war ganz hin und her gerissen, als ich mir nun heute die CD zum ersten Mal anhörte. Sie zog mich sofort in ihren Bann. Es ließe sich lange darüber nachdenken, ob es auch bei solchen Musikaufnahmen gute oder schlechte Jahrgänge gibt wie beim Wein, ob Not und Knappheit darin ihre virtuellen Spuren hinterlassen. Und das nicht nur durch das bereits erwähnte Aufnahmeverfahren sondern auch durch die Art der Interpretation. In diesem ganz konkreten Fall höre ich bei allen Mitwirkenden – Sängern und Musikern – eine Emphase, die so heute nicht mehr zu finden ist. Niemand singt über seine Verhältnisse. Man möchte darauf schwören, alle machen ganz umsonst mit – nur aus Spaß an der Freude, weil doch Weihnachten ist.

Elisabeth Grümmer auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Elisabeth Grümmer auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Auf dem Cover stehen nur die großen Namen: Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Grümmer, Rita Streich und deren Lehrerin Erna Berger. Die ziehen immer. Hinzu kommen Lisa Otto, Margot Guilleaume und Walther Ludwig. Der Versuch, sich eine Stimme oder einen Lieblingstitel herauspicken zu wollen, muss scheitern, weil alle auf ihre ganz individuelle Weise durch das verbindende Weihnachthema für sich einzunehmen verstehen. Am ehesten ist vielleicht noch bei der Berger mit dem Himmlischen Menuett von Mark Lothar oder bei Ludwig – beide haben ihren Zenit überschritten – ein professioneller Griff in der Trickkiste der Gestaltungskunst auszumachen. Das ist aber ganz nebensächlich, zählt also nicht. Wäre ich kein Verehrer von Fischer-Dieskau, wenigstens für das Lied Ich steh’ an deiner Krippen hier“ bin ich es. Er singt es mit überwältigender Schlichtheit. Mit mütterlicher Fürsorge, als stehe sie selbst an der Krippe im Stall zu Bethlehem, berührt die Grümmer mit den Klassikern Vom Himmel hoch, ihr Engel kommt und Es ist ein Ros’, die – wie die anderen Lieder auch – für diese Produktion musikalisch neu arrangiert worden sind.

Rita Streichr auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Rita Streich auf einem Bild aus dem Booklet der Weihnachts-CD von Audite. Foto: Archiv Deutschlandradio, Berlin

Die Überraschung der Besetzungsliste dieser CD mit ihren 26 Tracks sind für mich jene Sängerinnen, die in Vergessenheit geraten sind. Annelies Westen eröffnet das Programm mit vier Liedern, darunter Maria durch ein Dornwald ging, mit dem Hendel-Quartett von 1952. Nirgends habe ich etwas über diese Sängerin in Erfahrung bringen können, die eine perfekt sitzende Stimme hat. Etwas allgemein, dafür aber von großer Ruhe und Ausgeglichenheit. Leicht schluchzend wie zu Tränen gerührt, singt Maria Reith 1950 begleitet von Michael Raucheisen das Lied „Maria auf dem Berge“. Gunthild Weber ist mit „Schlaf, mein Kindlein“ und „Schlaf wohl du Himmelsknabe“ dabei. Sie trat nur als Konzertsängerin in Erscheinung und hat auch eine Reihe anderer Aufnahmen hinterlassen, darunter eine Matthäuspassion von Bach. Deutlich später als die meisten Aufnahmen, nämlich 1964, sind Duette mit der Sopranistin Ursula Lüders und der Altistin Josephine Varga, die auch Schlager gesungen haben soll, eingespielt worden. Beide werden von Felix Schröder an der Orgel begleitet.

Wunderlich weihnachtsalbum (2)Kein Weihnachten ohne Fritz Wunderlich. Er gehört dazu. Wie ein besonders willkommener Gast, der sich stets pünktlich einstellt. Schon wegen des unverwüstlichen Weihnachtsoratoriums unter Karl Richter, in dem er als Evangelist die frohe Botschaft so überzeugend verkündet, als sei er dabei gewesen. Dafür brächte keine Reklame mehr gemacht zu werden. Es ist bei allen Anbietern im Netz und in den wenigen verbliebenen Fachgeschäften auf Lager, wenn es denn nicht ohnehin in den meisten Regalen steht. Es gehört zu jenen Aufnahmen, die inzwischen sogar vererbt werden dürften. Die neue CD Wunderlich – Das Weihnachtsalbum, die – wie das Oratorium – ebenfalls bei

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Deutsche Grammophon erschienen ist, bedient sich daraus zum Auffüllen (0 0289 479 5377). Sehr originell ist das nicht. Sammlern, die sich gut auskennen, entgeht nicht, dass auch die anderen Titel keine Entdeckungen aus dem Archiv sind. Wie denn auch? Selbst bei Wunderlich ist mal die letzte Flasche leer. Kurz, der Liedbestand entstammt einer gemeinsam mit seinem Sängerfreud Hermann Prey produzierten Platte, die bei Polydor auch in CD-Form vorliegt, dort durchsetzt mit der von Will Quadflieg gelesenen Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Wort und Musik waren klug verteilt und inhaltlich gut abgestimmt. Wunderlich und Prey im Doppelpack habe ich immer gemocht. So künstlerisch eng zusammen. So eins in der Art des Vertrags, im Temperament, auch in der Bescheidenheit der Mittel. Wenn ich jetzt diese neue CD höre, kommt es mir so vor, als ob etwas fehlt. Die Stücke aus dem Weihnachtsoratorium, auch nicht zufällig ausgewählt, können den Text für meinen Geschmack nicht ersetzen. Barbara Wunderlich, die jüngste Tochter des Tenors, hat damals wie heute Erinnerungen in etwas unterschiedlicher Form zu Papier gebracht – nachzulesen in den Booklets. Dass die Aufnahmen nämlich im Juni entstanden, der Vater mit einer Kopie nach Hause gekommen sei, die ganze Familie sich samt Hund und Katze im abgedunkelten Wohnzimmer bei Kerzenschein versammelt und schon mal Weihnachtsstimmung ausprobiert habe.

Wen es nach noch mehr Wunderlich verlangt, sollte zur neuen Sammlung von The Intense Media greifen (8600271). Darin aufgenommen ist das frühe Weihnachtsoratorium, das 1955 in der Stuttgarter Markuskirche in gekürzter Fassung mitgeschnitten wurde. Es singen die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, am Pult des Sinfonieorchesters des Süddeutschen Rundfunks steht August Langenbeck. Wunderlich singt in dieser Aufnahme den Evangelisten und die Tenorarien noch etwas freier und offener in den Höhen als später. In dieser Edition fehlt auch nicht das Lied „Die Könige wandern aus Morgenland“ von Peter Cornelius, das für mich zu den beglückendsten Aufnahmen von Wunderlich gehört.

Christmas with the Divas: Decca hat Platten von Renata Tebaldi, Leontyne Price, Kiri Te Kanawa und Joan Sutherland in einer Box herausgebracht (8595387)

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Nicht nur Wunderlich und Prey – auch viele andere Opernsänger haben sich vor und nach ihnen zu Weihnachtsliedern hingezogen gefühlt. Einschlägige Aufnahmen sind fast so alt wie die Platte selbst. Emmy Destinn, Enrico Caruso, Lotte Lehmann, John McCormack, Giovanni Martinelli, Elisabeth Schumann, Ernestine Schumann-Heink, Kirsten Flagstad haben meist nur einzelne Titel eingespielt. Eine der schönsten Aufnahmen, die der Tenor Karl Erb, der erste Sänger des Palestrina von Pfitzner hinterlassen hat, ist Des fremden Kindes heilger Christ vom Carl Loewe auf einen Text von Friedrich Rückert. Aus unerfindlichen Gründen ist es relativ selten eingespielt worden, zuletzt von Ute Ziemer auf ihrer Weihnachtslieder-CD bei Gramola von 2012. Diese Ballade, die ihrem Inhalt nach auch von Charles Dickens stammen könnte, berührt durch ihre Schlichtheit und die musikalische Eingebung, die, einmal gehört, niemand so schnell wieder vergessen dürfte. Mir geht sie manchmal tagelang nicht aus dem Sinn. Mit der Langspielplatte kamen ganze Programme, die nur von einem Künstler bestritten wurden, auf den Markt. Eileen Farrell, Renata Tebaldi, Leontyne Price und Jessye Norman sind ebenso darunter wie Erika Köth, Anneliese Rothenberger, Maria Stader, Peter Schreier oder Rudolf Schock. Nicht zu vergessen Doris Soffel neben Siegfried Jerusalem auf einer DVD mit Ferdinand Leitner aus dem Berliner Konzerthaus.

CD Schwarzkopf Christmas AlbumDas Weihnachtsalbum von Elisabeth Schwarzkopf ist anlässlich ihres 100. Geburtstages in einer Edition, die alle Recitals von 1952 bis 1974 umfasst, bei Warner wieder aufgelegt worden. Nunmehr in der ersten Ausgabe der britischen Columbia, die noch in Mono gewesen ist, unter dem etwas allgemeinen Titel „More Songs You Love“. Bei der EMI hieß diese Produktion später Christmas Album und war dann in Stereo. Kein Einzelfall. Viele der früheren Aufnahmen der Schwarzkopf sind zunächst in Mono auf den Markt gekommen. Produziert wurde die Platte von Walter Legge im Mai und Juni 1957 im Abbey Road Studio No.1 in London. Im unmittelbaren Vergleich wirkt die Mono-Ausgabe intimer und zarter. Auch wenn er unverbindlicher ist, erfasst der ursprüngliche Titel den Inhalt besser. Denn es werden nicht nur typische Weihnachtslieder geboten sondern auch „In einem kühlen Grunde“ nach Eichendorff. Das vermeintliche Volkslied ist 1814 von Friedrich Glück komponiert worden, das Lied Sandmännchen stammt von Johannes Brahms. Weihnachtliches aber dominiert. Eine kurze Bemerkung muss auf das Lied Vom Himmel hoch verwendet werden. In der Trackliste auf der Rückseite der CD, deren Deckblatt wie bei allen anderen auch dem originalen Cover nachgebildet ist, wird Luther als Quelle genannt. Das ist nicht korrekt. Irrtümer machen Originale zwar kostbarer.

Stille Nacht: Das Weihnachtsalbum von Elisabeth Schwarzkopf gibt es auch einzeln in dieser Ausgabe bei Warner.

Stille Nacht: Das Weihnachtsalbum von Elisabeth Schwarzkopf gibt es auch einzeln in dieser Ausgabe bei Warner.

In diesem Falle hat sich ein ganz unnützer Fehler eingeschlichen, der nicht zu erklären ist, weil nämlich auf der Rückseite der Columbia-LP und später im Booklet der EMI-CD-Ausgabe ein Text von Charles Mackerras abgedruckt ist, der präzise darauf verweist, dass es sich bei diesem Lied nicht um die Version von Martin Luther handelt. Mackerras, der die Titel arrangiert hat und die Ambrosian Singers und das Philharmonia Orchestra leitet, im Zitat: „Wir bleiben im Reich der Kinderweihnacht mit Vom Himmel hoch, nicht dem berühmten lutherischen Choral mit dem gleichen Titel, sondern einem alten österreichischem Wiegenlied. Es beschreibe die kindlichen Vorstellungen von der himmlischen Musik – Flöten, Trompeten, Harfen und Geigen, die himmlischen Chöre und die sanften Lauten wiegen das Kind in den Schlaf.“ Dieses Reich der Kinderweihnacht, von dem Charles Mackerras spricht, verstehe ich nicht so, dass hier Lieder für Kinder zum Vortrag kommen. Vielmehr tauchen wir Erwachsene gemeinsam mit Elisabeth Schwarzkopf wieder in dieses Reich ein, an das wir alle so starke Erinnerungen haben – und aus dem wir nicht vertrieben werden können.

In diesem Sinne den Lesern von operalounge.de ein ereignisreiches Weihnachtsfest bei viel schöner Musik. Rüdiger Winter