Vokales, geistlich und weltlich

 

Dank Piotr Beczala wissen wir endlich, was Pieśni sind. Auch Christoph Prégardien hat sich zum Moniuszko-Jahr 2019 im Lutoslawski-Studio des Polnischen Rundfunks in Warschau im vorigen August Moniuszkos Pieśni angenommen. Darüber steht Chansons, denn Prégardien verbindet die fünf Lieder Moniuszkos mit fünf Gesängen des 30 Jahre jüngeren Henri Duparc. Die polnisch-französische Verbindung macht in vielfacher Hinsicht Sinn. Vor allem aber, weil Moniuszko bei seiner Reise 1862 nach Paris durch Vermittlung Rossinis eine erste, 37 der rund 300 Lieder Moniuszkos umfassende französische Ausgabe seiner Lieder erwirkte. Prégardiens Auswahl beinhaltet u.a. Les larmes, eines von Moniuszkos frühesten Liedern von 1840, zwei Beispiele aus dem Mickiewicz-Zyklus von 1857 sowie ein Lied, das Moniuszko seinem Vater Czeslaw widmete. Prégardien ist ein vorzüglicher Liedsänger, dem ich einen meiner schönsten Liederabende in Paris verdanke. Die Lieder stellen keine unüberwindbaren Herausforderungen. Prégardien lässt bald vergessen, dass sein Tenor an Frische und Beweglichkeit verloren hat, denn er singt mit subtiler Textdurchdringung und verfügt über hinreichend Flexibilität für den Lyra-Spieler. Ungleich weniger Lieder, nur gut ein Dutzend, hat Duparc hinterlassen, von denen Prégardien vor allem das Chanson triste, das aufbrausende Manoir de Rosemonde, das Beaudelaire-Chanson L’invitation au voyage und das feinsinnig leidenschaftliche Phidylé, in dem Christoph Schnackertz seine Kunst der Begleitung ausspielen kann, mit subtiler Hingabe gestaltet. Dazu schließlich noch Ignacy Paderewskis Douze mélodies sur des poésies de Catulle Mendès von 1903, durch die das 80minütige Programm, das in einer würdigen Ausgabe (NIFCCD 070, mit poln., engl., franz Beiheft) erschien, eine innere Geschlossenheit erfährt.

 

Moniuszko, der „Tröster der Nation“, schreibt stets so geschmeidig, schlicht, doch nicht anspruchslos, dass Amateure wie Profis ihre Freude an den Gesängen haben können. Das gilt ebenso für seine rund 90 geistlichen Werke, Messen, Messteile, Hymnen, Psalmen und Kantanten, die der fromme Moniuszkos, der jeden Morgen die Frühmesse besuchte, im Lauf seines Lebens erstellte. Im Zentrum stehen sieben Messen, vier davon in polnischer Sprache. Pawel Lukaszewski stellt in seiner Aufnahme mit dem Musica Sacra Warsaw-Praga Cathedral Choir die Messe e-Moll und die Messe a-Moll vor, erstere reicher und vielfältiger in ihrer Gestaltung der liturgischen Teile, insbesondere dem Agnus und Benedicto, die zweite, ebenfalls nur rund 20 Minuten lang, bezaubernd in ihrer volkstümlichen Schlichtheit (DUX 1648).

 

Großartig dagegen die jeder Hinsicht überquellende und reich dimensionierte Messe solenelle Nr. 2 in d-Moll, mit der sich der Haydn-Bewunderer Luigi Cherubini um eine Anstellung beim Fürsten Esterházy bewarb. Cherubini trumpft mit seiner in Paris verfeinerten Instrumentationskunst und brillanten harmonisch und kontrapunktischen Beherrschung auf. Die Messe ist ebenso feierlich wie pompös und ihre Vokalparts verhehlen trotz aller demütigen Einfachheit nicht ihren virtuosen Hintergrund. Frieder Bernius leitete beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2001 eine Aufführung mit dem Kammerchor Stuttgart und der Klassischen Philharmonie Stuttgart, die viel Bewunderung fand und mit namhaften Sängern, darunter Ruth Ziesak, Christa Mayer, Christoph Genz und Thomas E. Bauer, auftrumpfen konnte (Carus 83.512).

 

In rund 20, unterschiedlich umfangreichen Opuszahlen hat Dmitri Schostakowitsch sein zwischen 1922 und 1975 entstandenes Liedschaffen zusammengefasst. Die Auswahl von Margarita Gritskova reicht vom ersten Lied op. 4 bis zum vorletzten Beispiel, der Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti op. 145.  Im Studio des Bayerischen Rundfunk stand im Juli 2019 eine eminente Bühnenpersönlichkeit vor den Mikrofonen. Die aus St. Petersburg stammende, an der Wiener Staatsoper engagierte Gritskova war schon in Bad Wildbad u.a. als Rossinis Sigismondo aufgefallen. Auch bei dieser stimmigen Auswahl fasziniert sie durch  eminente Bühnenpräsenz, hohe Musikalität und einen runden, vollen, dunkelglühenden Mezzosopran, der allen Liedern mehr als gerecht wird, der ironischen Fabel von der Libelle und der Ameise in op. 4, den eindringlichen Lermontov-Romanzen, den sprunghaft, in Farben und Stimmungen changierenden Gedichten nach Marina Zwetajewa, mal mütterlich schwer und dunkel, dann wieder verführerisch und feurig, wie in den Spanischen Liedern op. 100, melancholisch in den jüdischen Liedern op. 79. Rhythmisch geschärft in den Griechischen Liedern. Gritskova spielt und gestaltet, ist nicht zu bremsen. Maria Prinz ist ihr dabei die ideale Partnerin. Vor allem nutzt Gritskova Schostakowitsch Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu schreiben, zu intensiver gestalterischer Auseinandersetzung, was in den Satiren op. 109 und op. 123 Vorwort zu meinen gesammelten Werken und eine kurze Bemerkung zu diesem Vorwort op. 123 mit dem selbstironischen Text von Schostakowitsch zu hintergründigen, doppelbödigen Szene führt Ausgezeichnet (Naxos 8.574031). Roilf Fath

 

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