Vermächtnisse

 

Der Dirigent Alan Curtis starb im Sommer 2015, eine seiner letzten Aufnahmen wurde nun veröffentlicht und im Beiheft durch einen Nachruf der mit Curtis befreundeten Krimiautorin und Händel-Enthusiastin Donna Leon auf einen der Pioniere historischer Aufführungspraxis ergänzt. Die CD Mitologia entstand allerdings bereits im Mai 2012 – ein Nachlass, mit dem man es zu Lebzeiten offensichtlich nicht eilig hatte, evtl. war sie als eine Investition in die Zukunft hinsichtlich der steigenden Bekanntheit der Sängerinnen angelegt. Zu hören sind Ausschnitte aus Musikwerken von Georg Friedrich Händel, die einen Bezug zur griechisch-römischen Mythologie haben und mit Figuren wie Orfeo oder Dafne auf den Beginn der Operngeschichte verweisen. Arien und Duette aus der Serenata  Il Parnasso in festa, den Oratorien Semele und Hercules, den Kantaten Apollo e Dafne und Echegiate, festeggiate, Numi eterni, der Pastoralen Atalanta sowie den Opern Arianna in Creta und Partenope. Alan Curtis soll die Zusammenstellung bis ins Detail persönlich vorgenommen haben, sogar die Verzierungen der Sängerinnen sollen von ihm festgelegt worden sein. Das von Curtis 1977 gegründete Il Complesso Barocco spielt so, wie man es kennt: ausgewogen in Klang und Tempo und in diesen Fall auch mit Temperament – historische Aufführungspraxis in makelloser Stilisierung ohne Zuspitzungen oder Schroffheiten, die Ouvertüre und eine Gavotte aus Semele sind als Instrumentalwerke zu hören. Aufnahmetechnisch läßt Curtis den Sängerinnen der Vortritt, die akustisch im Vordergrund agieren. Sängerisch und musikalisch lebt Mitologia neben der tadellosen Interpretation aller Beteiligten von den Kontrasten zwischen Idylle und Tragik, Freude und Trauer, Entschlossenheit und Zaudern. Der Sopran von Christiane Karg überzeugt durch Beweglichkeit und Ausdruck, bspw. „Ho perso il caro bene“ aus Il Parnasso in festa ist die verzweifelte Arie des Orfeo, „No, No, I’ll Take No Less“ aus Semele ist voller Aufbegehren, Dafnes „Felicissima quest’alma“ mit Solo-Oboe und Streicher-Pizzicato stellt klar, dass sie Apolls Absichten nicht entsprechen wird und Partenopes Liebeserklärung „Voglio amare insin ch’io moro“ ist anmutig im neapolitanischen Stil. Die Mezzosopranistin Romina Basso glänzt mit schöner dunkler Stimmfärbung, bspw. bei Dejaniras Entsetzen „Where Shall I Fly?“ aus Hercules, die Arie Jupiters „Echeggiate, festeggiate!“ aus der gleichnamigen Kantate hat Festcharakter. In beider Duette ergänzen sich die unterschiedlichen Stimmfarben sehr gut: „Cara, nel tuo bel volto“ (aus Atalanta), „Bell’idolo amato… Deh, Taci crudel“ (Arianna in Creta) und „Non più barbaro furore“ (Echegiate, festeggiate, Numi eterni) fesseln durch das Miteinander. Basso und Karg meistern Technik und Ausdruck mit Bravour, virtuose Koloraturen und souveräne Stimmführung lassen das Zuhören mit Freude geschehen. Mytologia mag nur eine weitere von vielen sehr guten Arien- und Duett-Ansammlungen von Werken Händels sein, sie ist dennoch durch Idee, Kombination und Ausführung und nicht nur als Alan Curtis‘ letzte Aufnahme bemerkenswert. (Deutsche Harmonia Mundi 88875199812)

Voces de Sefarad  Brilliant Romina BassoUm ein ganz anderes Vermächtnis geht es bei einer weiteren CD der Mezzosopranistin Romina Basso. Sie singt auf der CD Voces de Sefarad Lieder aus vier Jahrhunderten, und zwar sephardische und vor allem sephardisch-inspirierte Lieder, also Musik, die in der Nachfolge der spanischen Juden und ihrer Nachfahren steht. Die Sepharden mussten Spanien ab dem Ende des 15. Jahrhunderts verlassen, sie siedelten im osmanischen Reich und Nordafrika, die Musik beeinflußte den Mittelmeerraum. Der Gitarrist Alberto Mesirca hat im Beiheft umfangreiche Erläuterungen zusammengestellt (und zwar in englischer und italienischer Sprache, die Liedtexte sind allerdings nicht enthalten und aktuell im Internet nur in spanischer Sprache abrufbar), seine Nachforschungen betrieb er auch in türkischen Archiven. Zu hören sind Wiegenlieder und Weisen, Traditionelles und Barockes, sephardische Musik, aber vor allem deren Einflüsse auf die spanischen Komponisten und Gitarristen Alonso Mudarra (ca. 1508-1580) und José Marín (1618-1699), Juan Hidalgo de Polanco (1614-1685) sowie auf Manuel de Falla (1876-1944), Frédéric Mompou (1893-1987) und Joaquín Rodrigo (1901-1999). Sogar der Dramatiker Federico García Lorca (1898-1936) ist mit Lieder dabei. Für manche Arrangements holte sich das italienische Duo Unterstützung durch das folkloristische Turkish Ensemble, das vom Perkussionisten Fahrettin Yarkın geleitet wird und mit Instrumenten wie den türkischen Lauten Kemençe, Tanbur und Oud sowie der Längsflöte Nay und der orientalischen Zitter Kanun auftrumpft, die Gegenüberstellung des ostmediterranen Basso continuo und westmediterraner Gitarrenklänge entwickelt ihren eigenen Reiz. Sänger und Musiker hinterlassen bei dieser originellen und ungewöhnlichen Zusammenstellung einen starken und engagierten Eindruck. (Brilliant 95222) Marcus Budwitius