Und wieder Schubert & Strauss…

Zwei ganze Dichtergenerationen wären so gut wie vergessen, hätten nicht Franz Schubert und Richard Strauss ihre Gedichte vertont und ihnen damit Ewigkeitswert verliehen. Wer würde noch den Expressionisten Karl Henkell oder Otto Julius Bierbaum kennen, gäbe es nicht die Lieder von Strauss, und wer wüsste etwas über Franz von Schober, eher noch von Friedrich Rückert, hätte sich nicht Schubert ihrer Texte angenommen, ganz zu schweigen von dem Verfasser von Schöner Müllerin und Wintereise.

Einige der allerpopulärsten Lieder beider Komponisten hat Ildikó Raimondi, seit den Neunzigern Mitglied der Wiener Staatsoper, aufgenommen, sämtliche mit Orchesterbegleitung, auch wenn die Lieder von Schubert für Klavierbegleitung gedacht waren, die von Strauss allerdings zu einem großen Teil bereits vom Komponisten selbst, wenn auch einige erst nachträglich, mit Orchester zu hören waren. Kein Geringerer als Max Reger hat immerhin drei der hier vertretenen Werke bearbeitet, Anton Webern tat dies mit Du bist die Ruh‘, Felix Mottl ist bei beiden Komponisten vertreten, Robert Heger nur bei Strauss.

Es beginnt mit dem Strauss-Block, innerhalb desselben mit Zueignung, welcher Titel auch der der CD ist. Deren Interpretation scheint mir die schwächste der gesamten CD zu sein, denn die Diktion ist verwaschen, und der Sopran wird oben eng statt aufzublühen.  Flirrender Strauss-Klang ist eher im Ständchen zu hören, wo die Sophien-Stimme auf „geheimnisvoll“ leicht eingedunkelt wird. Recht erzwungen klingt die Emphase in Heimliche Aufforderung, hier fühlt sich die Stimme hörbar wohler, wenn sie zu „und wandre hinaus in den Garten“ und damit in ruhigeres Fahrwasser kommt. Recht knapp fällt die „Pracht“ aus, und die „ersehnte Nacht“ klingt eher beschaulich als aufregend. Das Zartere, Ätherische liegt dem Sopran eher, und so klingt er angemessen in Freundliche Vision, werden die „Götterbilder“ schön ausgeformt. Ab „stumm“ kann die Sängerin in Morgen einen schönen, feierlichen Klang annehmen, in Cäcilie gelingt ihr eine angemessene Steigerung von Strophe zu Strophe, kommt sie aber auch hörbar nahe an ihre Grenzen. In Winterweihe gelingt wieder Ätherisches sehr gut, so auf „mit innerm Licht erfüllt“, die leichte, heitere Stimmung von Heines Heiligen Drei Königen mit ihrem feinen Spott, den Strauss , wie das Nachspiel zeigt, kaum erkannt hat, wird durch die fein geführte Stimme angemessen ausgedrückt.

Der Schubert-Teil beginnt mit An die Musik, und die wäre als Einstieg in die CD sehr geeignet gewesen, denn hier zeigen sich die Qualitäten der Stimme klarer im ruhigen Fluss des Singens. Ein schöner vokaler Schwebezustand wird in Du bist die Ruh erreicht, „Glanz“ und „erhellt“ werden mit feinem Strahlen hervorgehoben. Schön voneinander abgehoben werden in An den Mond von Goethe die Strophen der Ruhe von denen der Bewegtheit, in Nacht und Träume wird die „Heil’ge Nacht“ besonders getragen gesungen und damit besonders betont, bekommt der Vortrag eine besondere atmosphärische Dichte. Aus dem Rahmen fallen am Schluss zwei Stücke aus Rosamunde bzw. Claudine von Villa Bella, wobei in der Arie aus ersterer ein verschwörerischer Tonfall interessant wirkt. Begleitet wird die Sängerin von der Jungen Philharmonie Wien unter Michael Lessky, die sich bei Strauss recht zurückhaltend, bei Schubert angemessen ihrer Aufgabe annimmt (Gramola 99035).

Ingrid Wanja