Das (un)bekannte Wunderhorn

 
Auf der Doppel-CD Es sungen drei Engel sind 43 Lieder mit Klavierbegleitung zu hören, die auf einer Auswahl der Sammlung Des Knaben Wunderhorn beruhen, also der von Achim von Arnim und Clemens Brentano zusammengetragenen 723 Gedichten, die 1805 bzw. 1808 in drei Bänden erschienen. Zwei Komponisten werden hier kombiniert, Wunderhorn-Vertonungen von Gustav Mahler (1860-1911) und Julius Weismann (1879-1950). Der aus dem südbadischen Freiburg stammende Weismann war Dirigent, Pianist und Komponist zahlreicher Werke quer durch verschiedene Gattungen, über 150 Opus-Nummern sind verzeichnet, darunter auch sechs Opern, drei Symphonien, Klavier- und Violinkonzerte, Kammermusik und über 250 Lieder. Von seinen zwischen 1908 und 1918 entstandenen 19 Liedern auf der vorliegenden CD, sind 18 Ersteinspielungen. Weismann geriet erst in Verruf, dann in Vergessenheit, als Komponist arbeitete er mit dem NS-Regime zusammen, komponierte beispielsweise Musik, die beliebte Werke von Mendelssohn ersetzen sollten; Hitler ernannte ihn persönlich zum Professor. Als Komponist scheint Weismann ganz der Spätromantik verpflichtet, wer sich ein wenig in sein Werk einhört findet einiges Schönes und Bemerkenswertes, wenn auch vielleicht kaum Unverkennbares.

Gustav Mahler (1860-1911) hat zwischen 1887 und 1901 24 Wunderhorn-Lieder vertont, die alle auf dieser CD enthalten sind. Die sehr gelungene Zusammenstellung vermischt beide Komponisten zu Gegenüberstellungen und Aneinanderreihungen indem sie der Reihenfolge der Gedichte in der Textvorlage folgt, nur das Titellied ist außerhalb der Reihe vorangestellt. Mahler schätzte am Wunderhorn, daß die Texte „mehr Natur und Leben als Kunst“ seien, er veränderte, formulierte bspw. neue Titel, kürzte und kombinierte. Er wählte komplexe Vorlagen, die Tragik und Ambivalenzen aufweisen und schuf damit faszinierende Werke wie bspw. „Revelge“, „Der Tamboursgesell“, „Das himmlische Leben“, „Das irdische Leben“, „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Urlicht“ und „Des Antonius von Padua Fischpredigt“. Weismann sah sich als Mittler, er hielt sich quasi wortwörtlich an seine Vorlagen, sieben seiner 19 Vertonungen aus der Wunderhorn-Sammlung sind Kinderlieder, bei den anderen überwiegen Volksweise, Liebeslied und Ballade. Nur einmal überschneiden sich Mahler und Weismann: die Hunger-Ballade „Verspätung“ heißt bei Mahler „Das irdische Leben“, Weismann beließ die Textvorlage, Mahler kürzte, beide treffen mit ihrer Kompositionen. Unter den unbekannten Weismann- Liedern findet man ebenfalls starke Vertonungen: neben „Verspätung“ könnte man u.a.. „Sub Rosa“ und „Christkindleins Wiegenlied“ nennen.

Durch die kluge Interpretation entsteht eine stets spannende und abwechslungsreiche Folge, das Wunderhorn ertönt in den verschiedensten Schattierungen – ein Verdienst das der Mezzosopranistin Frauke May und dem tadellosen Pianist Bernhard Renzikowski gebührt. Mays Stimme ist in der Höhe manchmal nicht so wohlbefindend als in der Tiefe, manches Lied scheint trotzdem thematisch bei Männerstimme besser aufgehoben, für zwei Duette hat sich May keine Partnerin geholt, sondern duettiert durch Zweitaufnahmen mit sich selber. In der Summe bleibt eine schöne und spannende Entdeckungsreise durch die Wunderhorn-Vertonungen mit hohem Entdeckungswert durch die Ersteinspielungen der Weismann-Lieder. (2 CDs, ca. 143 Minuten, Querstand, VKJK1515). Marcus Budwitius