Ruuuuuussisch

Ein dringendes Bedürfnis, in ein russisch-orthodoxes Kloster einzutreten, wird manchen der Hörer von Dmitri Hvorostovskys neuer CD mit dem Titel The Bells of Dawn erfassen, so allgewaltig und glaubensstark erklingen von seinem Bariton und The Grand Choir „Masters of Choral Singing“ unter Lev Kontorivich dargebracht sakrale Gesänge, aber auch anderes russisches Liedgut. Es beginnt mit einer Lobpreisung Gottes durch Dobri Khristov, die durchaus Erinnerungen an russische bzw. sowjetische Soldaten- oder Kosakenchöre wachruft, nur dass der hier zu hörende sich wie weich gespült anhört, die Stimme des Bariton-Solisten recht basslastig und obwohl bestens geschult wie eine wunderbare Naturstimme klingt. Besonders das immer wiederkehrende „Halleluja“ wird mit unübertrefflicher Inbrunst gesungen, so auch in Chesnokovs Blazhen muzh , dem durchaus opernhafte Züge anhaften.  Glücklicherweise berichtet das Booklet ausführlich über die Komponisten, so über diesen, der sich zwar zu Sowjetzeiten noch dazu bereit finden konnte, anstelle der bisherigen Choräle weltliche Musik zu schreiben, dessen Schöpferkraft aber versiegte, nachdem die Sowjets seine Lieblingskathedrale abgerissen. hatten. Im nächsten Track tritt der Bariton als sanfter Engel Gabriel auf, während er die Stimme in dem folgenden Gebet in tiefe Bassgefilde hinunter führt, mit der die engelsgleichen Chöre wirkungsvoll kontrastieren. Ihr schließlich leidenschaftliches Anschwellen ist besonders bemerkenswert. In Arkhangelskys Symbol des Glaubens  verlässt der Solist im rasanten Glaubenseifer den Schöngesang, beherrscht aber trotz aller Emphase den exponierten hohen Ton sehr gut.

Danach wird es weltlich mit Volksliedern und volkstümlichen Gesängen, nicht mehr der Gospodin, sondern die Kraszawitza stehen im Mittelpunkt, zum Glück ohne Kalinka und Katjuscha. Nur die einsamen Glocken kommen demjenigen bekannt vor, der sich in russischen Volksliedern auskennt. Sie werden mit viel Schmelz und Schmalz bedacht und mit Rubati und Fermaten ohne Ende. Unverkennbar sind auch die langgezogenen Vokale in den Vorträgen und die nach oben gezogenen Schlussphrasen. Dem Sänger in der Lobpreisung einer Mascha und dem Chor in anderen Liedern gelingen auch schöne zarte Töne, und die Melancholie der meisten Stücke wird voll ausgekostet, das, was man für die russische Seele hält.kommt bestens zur Geltung. Besonders das empfindsame Solo von Lebwohl, meine Freude  zeigt die große Klasse des russischen Sängers, dessen Stimme sich bei den Aufnahmen in besonders guter Verfassung befunden haben muss (Ondine ODE 1238-2).

Ingrid Wanja