René Kollo zum 80.

 

Zum 80. Geburtstag macht die Deutsche Grammophon René Kollo, nein macht dieser seinem Publikum ein Geschenk mit der Doppel-CD, die Aufnahmen aus den Jahren 1961 bis 1990 auf sich vereint, beginnend mit dem Schlager-Hit Mary Lou 1961 und endend mit Auszügen aus Brecht/Weills Dreigroschenoper 1990, an der auch Milva teilnahm.

Das mit Abstand Beste aber liegt chronologisch dazwischen mit den Auszügen aus Wagner-Opern unter der Stabführung legendärer Dirigenten. Dazu gehört Carlos Kleiber mit der Tristan-Aufführung von 1982, hier mit Ausschnitten aus dem ersten und dem dritten Akt vertreten. Das zärtliche Erstaunen im ersten Aussprechen des Namens von Isolde nach dem Genuss des Liebestranks, der fiebrige Irrsinn des Liebesrauschs sind von einer mitreißenden Eindringlichkeit ohne gleichen, dabei von einer bei allem Außersichsein vorzüglichen Diktion, so dass Text und Musik in gleich starker Weise ihre Wirkung entfalten können. Geradezu überfordert wird der Hörer mit der einmalig gut gesungenen (auf der Bühne nach Stunden vorangegangener Anstrengung wäre das gar nicht möglich) Szene aus dem 3. Akt, in der Kollo das schmerzlich-schöne „Sehnen“ auch für den Hörer fast unerträglich werden lässt in seiner Eindringlichkeit und der hörbaren inneren Beteiligung des Sängers. Natürlich darf auch der Tannhäuser nicht fehlen, 1971 unter Solti erschienen und hier mit der Romerzählung, auf der Bühne eher eine Crux für Sänger und Publikum, vertreten und  durchweg gesungen mit einer beispielhaft darstellenden Stimme, die alle Etappen der schmerzvollen Reise eindrucksvoll vermittelt einschließlich des Ekels nach dem Schuldspruch des Papstes. Solti war auch der Dirigent der Meistersinger von 1976 in Wien, in denen René Kollo ein hoch poetisches Preislied, wie gerade aus dem Augenblick entstehend und sich allmählich ins Heldische steigernd, singt, die Stimme strahlen und leuchten kann. 1973 entstand, ebenfalls unter Solti, die Parsifal-Aufnahme mit den Wienern, der auf der CD mit „Amfortas! Die Wunde!“ vertreten ist und wo Kollo den Erkenntnisprozess in gleich hervorragender Textverständlichkeit wie musikalischer Feinfühligkeit zu vermitteln weiß.

Aus dem deutschen Repertoire sind außer Wagner noch unter Bernstein ein Florestan mit herrlichem, wie aus dem Nichts kommender Schwellton auf „Gott“, reicher Agogik, langem Atem und enormer Emphase zu hören, die den hellen Tenor mit solidem Fundament nie überfordert. Als Max 1980 unter Kubelik ist er von strahlend-jugendlicher Präsenz zwischen Nachdenklichkeit und Aufgewühltsein und schauerlichem „ist kein Gott“ zu bewundern. Brahms und Mahler vervollständigen den „seriösen“ Teil und damit die erste CD, wobei die Hinwendung zur U-Musik natürlich auch Großvater und Vater des Sängers geschuldet ist, er nie eine scharfe Grenze zur leichteren Muse ziehen mochte. So finden sich auf der zweiten CD Operette, mit hörbar ebenso starker innerer Beteiligung gesungen wie das „ernste“ Fach, Volkslieder und besagte Mary Lou, die späte (1990) Hinwendung zur Dreigroschenoper zeigt nicht die Schärfe, den Biss, den man sich auch vokal wünscht, hervorzuhaben ist noch die Fledermaus, in der Kollo mit leichter Ironie in der Stimme ein Alfred ist, der unter Carlos Kleiber Julia Varady zur Partnerin hat.

Man kann sich nichts anderes vorstellen, als dass der Hörer der ersten CD in das nächste Plattengeschäft eilt, um, falls er sie nicht bereits besitzt, sich alle Wagner–Gesamtaufnahmen zu beschaffen, aus denen hier nur Ausschnitte zu hören waren. Herzlichen und dankbaren, wenn auch etwas verspäteten Glückwunsch, René Kollo (DG 482 8826) Ingrid Wanja